Herausforderung und Chance Zahl der Zugewanderten in Emden hat sich seit 2012 verdreifacht
Seit 2012 hat sich die Zahl der ausländischen Staatsbürger in Emden verdreifacht. Eine Chance – denn sie füllen genau die Lücken auf, die der demografische Wandel bringt. Es gibt aber auch Probleme.
Emden - Die Zahl der ausländischen Staatsbürger in Emden hat sich seit 2012 verdreifacht. Gleichzeitig passen die zugewanderten Menschen vom Alter her perfekt in die Lücken innerhalb der Stadtbevölkerung, die der demografische Wandel in Emden hinterlassen hat. „Migration ist eine Herausforderung, aber auch eine große Chance, wenn wir es gut machen“, sagte Edvija Imamovic von der Koordinierungsstelle für Migration und Teilhabe der Stadt im Gesundheitsausschuss des Emder Rats am Mittwoch, 19. Juni 2024.
Demnach lag die Zahl der ausländischen Staatsbürger in Emden 2012 bei rund 2540. Hauptsächlich stammten sie von außerhalb der EU. 2016 waren es rund 5000 Menschen, wobei die Hälfte aus der EU, die andere Hälfte aus Drittstaaten stammte. 2023 sind es insgesamt rund 7350 Menschen. 4575 Personen kommen aus dem Nicht-EU-Ausland, 2774 sind EU-Bürger. Menschen aus 116 Nationen leben in der ostfriesischen Seehafenstadt (Stand Dezember 2023). Ein Großteil aller ausländischen Staatsbürgerinnen und -bürger stammt allerdings aus vier Herkunftsländern: Syrien (21 Prozent), Ukraine (20 Prozent), Polen (18 Prozent) und Rumänien (15 Prozent).
Die Migration ist jung im doppelten Sinne
Die Migration in Emden sei im doppelten Sinne jung, sagte Imamovic. Denn: Zum einen leben fast 77 Prozent der ausländischen Staatsbürger in Emden weniger als zehn Jahre in Deutschland - und sogar 39 Prozent weniger als vier Jahre in Deutschland. Zum anderen sind die meisten Menschen 35 bis unter 55 Jahre alt. Es sind 2374 Personen. 1755 Zugewanderte sind unter 18 Jahre alt.
Schaut man sich die Alterspyramide der deutschen Staatsbürger in Emden und die der ausländischen Staatsbürger an, wird deutlich: Die größte Altersgruppe der deutschen ist zwischen 55 und 65 Jahre alt, also aus den geburtenstarken Jahrgängen. Bei den ausländischen Staatsbürgern liegt die Zahl bei zwischen 25 und 35 Jahren.
Asyl, Duldung, Abschiebung
In den Zahlen, die im Ausschuss vorgestellt wurde, ging es auch unter anderem um die Themen Asyl, Duldung und Abschiebung. Demnach gibt es aktuell 133 Asylbewerber, vorrangig aus der Türkei, Syrien, Irak, Kolumbien und Afghanistan. In den vergangenen vier Jahren wurden die Asylanträge von 62 Personen abgelehnt. Das entscheidet allerdings nicht die Stadt Emden, sondern das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Wie viele angenommen wurden, steht dort nicht.
77 Personen sind aktuell geduldet. In den Jahren 2023 und 2024 sollte es bislang zehn Abschiebungen geben, allerdings waren nur vier erfolgreich. Scheitern können solche Verfahren unter anderem aus bürokratischen Gründen. 1.086 Kriegsgeflüchtete aus der Ukraine kamen seit dem Einmarsch Russlands nach Emden, 980 Personen leben noch hier.
So viele Geflüchtete kommen dazu
Seit dem 1. April 2024 gilt eine neue Aufnahmequote für Geflüchtete, die Emden aufnehmen muss. Es sind 120 Personen bis zum 30. September. Allerdings hatte Emden zuvor die Quote schon um 32 Personen mehr als erfüllt, daher sind es entsprechend weniger. Aktuell müssen noch 65 Menschen aufgenommen werden.
Im Oktober gibt es eine neue Aufnahmequote, sagte Constantin Strauch, Leiter des Fachdienstes Wohnen bei der Stadt. Weiterhin wolle die Stadt die Menschen dezentral, also nicht in Sammelunterkünften, unterbringen. Nur, wenn mit einem Mal sehr viele Menschen kämen, müsste man kurzzeitig die ehemalige Barenburgschule als Unterkunft reaktivieren.
Ukrainer müssen aus Wohnung raus
Ein großes Problem: Derzeit miete die Stadt 215 Wohnungen für Geflüchtete in Emden an. Das sei ein hoher administrativer Aufwand. Und: Die ukrainischen Geflüchteten, für die die Hälfte Wohnungen gemietet werde, würden längst Bürgergeld beziehen und müssten sich daher eigentlich eine eigene Wohnung suchen, so Strauch. Dies könnten oder wollten diese allerdings nicht. Mit dem Problem stehe Emden nicht alleine da. „Damit haben auch alle anderen Sozialämter zu tun.“
Er verwies auf einen Artikel des MDR, wonach 1000 ukrainische Geflüchtete im Erzgebirgekreis (Sachsen) vom Landrat eine Wohnungskündigung erhalten hätten. Bis zum 15. Juni mussten sie raus sein, alternativ hätten sie, wenn sie keine eigene Wohnung gefunden hätten, in eine Sammelunterkunft gekonnt. „Diesen Weg wollen wir nicht gehen“, sagte Constantin Strauch. Man wolle lieber passende Lösungen finden, etwa den ukrainischen Geflüchteten helfen, die Mietverträge der Stadt, wenn möglich, zu übernehmen.
Immer mehr ukrainische Geflüchtete arbeiten
Dabei betonte Bernd Leiß, Geschäftsführer des Emder Jobcenters, dass man bei den ukrainischen Geflüchteten bedenken müsse, dass zwei Drittel von ihnen Frauen seien - und 20 Prozent davon Alleinerziehende. Daher sei die Kinderbetreuung natürlich entscheidend dafür, ob diese Frauen eine Arbeit ausüben und dadurch selbstständiger werden könnten. In Emden fehlen insgesamt Kita-Plätze - und Kindertagesstätten könnten nur begrenzt Kinder mit Migrationshintergrund aufnehmen, um eine pädagogisch sinnvolle Mischung der Gruppen zu gewährleisten und Deutsch als Zweitsprache zu vermitteln, sagte Angela Bloem, kommissarische Leiterin des Fachdienstes Kinder und Familien.
Seit 2019 habe sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigte mit Wohnort Emden und Staatsangehörigkeit Ukraine dennoch von 17 auf aktuell 130 (Stand September 2023) erhöht, sagte Leiß. „Der Personenkreis ist sehr verlässlich und motiviert.“ Wenn die Sprachbarriere überwunden sei, gehe er davon aus, dass sich die Zahl der Arbeitenden signifikant erhöhe. Er gehe auch davon aus, dass es sich bei vielen hinziehe, weil der Berufsabschluss nicht schnell anerkannt wird. Er nannte das Beispiel, dass eine ukrainische Ingenieurin ein Jahr warten musste, bis ihr Abschluss in Deutschland anerkannt war.