FKK in Ostfriesland Auf den Inseln ist egal ob mit oder ohne
Borkum hat die Trennung von Textil- und FKK-Strand aufgeweicht. Dort wird ein Rückgang bei den FKK-Liebhabern beobachtet. Wie sieht es in Ostfriesland sonst aus mit FKK?
Borkum/Ostfriesland - Textilfrei und textil nebeneinander: Die Urlaubsinsel Borkum hat ihren Nordstrand zu Beginn des Sommers neu organisiert. Vier der insgesamt zwölf FKK-Budjes in den Olde Dünen stehen ab sofort auch Textilträgern zur Verfügung. Heißt: Badehose und Bikini dürfen an bleiben. „Wir werden im Herbst sehen, wie das Angebot angenommen wurde und danach entscheiden, wie wir uns im kommenden Jahr aufstellen“, so Borkums Tourismusdirektorin Pia Hosemann.
Auf den Inseln: Egal ob mit oder ohne
Dass die Trennung von Textil- und Nacktbadestrand auf Borkum aufgeweicht wird, hat mehrere Gründe: „Wir bemerken in den letzten Jahren einen vermehrten Rückgang von FKK-Liebhabern in unserem FKK-Strandbereich“, sagt Pia Hosemann auf Nachfrage. Das könne einerseits daran liegen, dass der Strand dort sehr breit geworden ist – wer ans Wasser möchte, muss knapp einen Kilometer weit laufen. Auch die Strandversorgung habe sich geändert: Der langjährige Pächter von Strandsauna und Milchbude hatte im vergangenen Jahr aus gesundheitlichen Gründen den Betrieb eingestellt, „so dass sich die Versorgung des Bereiches als nicht ausreichend dargestellt hat“, so Hosemann. Zudem sei zunehmend festzustellen, dass die Nutzer des FKK-Strands auf Borkum immer älter werden „und damit auch nicht mehr so mobil, um das naturbelassene Gelände des FKK-Bereiches zu nutzen“.
Nicht nur auf Borkum, sondern auf allen sieben Ostfriesischen Inseln gibt es gut genutzte textilfreie Strandabschnitte. Auf Wangerooge und Spiekeroog sind es zwar keine eigens ausgewiesenen FKK-Strände, doch abseits der Hauptbadestrände spielt es auch dort keine Rolle, ob jemand mit oder ohne Badehose oder Bikini am Strand liegt.
Am Festland: FKK-Strände dünn gesät
Ganz anders an der Küste und im Binnenland: „FKK-Strände sind in Ostfriesland eher dünn gesät“, sagt Axel Rekemeyer, seit gut 40 Jahren FKKler. Er und seine Frau haben vor knapp 15 Jahren die Strandsauna am Timmeler Meer in Timmel gebaut und auch einige Jahre lang betrieben. Auf dem Saunagelände gibt es einen eigenen FKK-Strand. Abgesehen davon, dass es 2010 bei Eröffnung der Strandsauna „skurrile Reaktionen“ gegeben habe, so Rekemeyer, sei FKK weitestgehend toleriert und geduldet. „Irgendwo am Timmeler Meer liegen immer Urlauber und Einheimische nackt“, sagt er.
Einen weiteren FKK-Strand gibt es am Westufer des Badesees Großsander (Gemeinde Uplengen). „Der Bereich wird seit über 20 Jahren für FKK genutzt. Er ist zwar nicht explizit ausgewiesen, aber geduldet“, berichtet Martin Bruns. Er hatte 2007 bei der Gemeinde angeregt, den Bereich zum offiziellen FKK-Strand zu erklären. Doch das sei damals abgelehnt worden mit dem Hinweis, dazu sei der See zu klein, so Bruns. Er beobachtet ein friedliches Nebeneinander von Nackten und Bekleideten, aber auch von Anglern und Spaziergängern. „Ich fände es wünschenswert, wenn es an den Stränden mehr gemischte Abschnitte gäbe, wo egal ist, ob am Strand jemand Badehose trägt oder nicht“, sagt Bruns. Das funktioniere an der Ostsee und in den Niederlanden gut, weiß er.
FKK heißt nicht Sex
Allerdings beobachtet Bruns genau wie Rekemeyer, dass die gesellschaftliche Freizügigkeit, die sich in Film und Fernsehen, Sozialen Medien und Fotoästhetik spiegelt, eben nicht zu mehr nackter Selbstverständlichkeit führt. „Auf der einen Seite ist es vielen sehr peinlich, jemanden nackt zu sehen, und sie wissen dann nicht, wie sie reagieren sollen“, hat Bruns festgestellt. Und auf der anderen Seite „tun sich Leute schwer, nackt baden zu gehen, weil sie sich vor Social Media fürchten“, sagt Rekemeyer. Das könnte durchaus auch damit zusammenhängen, dass die Bezeichnung FKK - kurz für Freikörperkultur - von vielen in die Schmuddelecke geschoben wird. „Nacktheit wird ohnehin gerne mit Sex gleichgesetzt“, sagt Bruns.
Warum FKK-Vereine es heute schwer haben
Aus ganz Deutschland kommen Naturisten, um in Hooksiel Urlaub zu machen. Aber auch viele Einheimische aus dem näheren und weiteren Umfeld gehören zu den Nutzern des FKK-Strands und natürlich des Angebots des Naturistenbunds. Tatsächlich ist ein Großteil der FKKler eher deutlich über 50 Jahre alt als darunter, ergab eine Umfrage dieser Redaktion. Der Vorstand des Naturistenbunds Wilhelmshaven-Friesland – neben dem Oldenburger der einzige FKK-Verein in der Region – wollte sich allerdings nicht äußern und verwies an den Bundesverband DfK, den Deutschen Verband für Freikörperkultur mit Sitz in Hannover. Der hatte im 75. Jahr seines Bestehens den Mitgliederschwund in FKK-Vereinen beklagt. „Die jüngere Generation hat, warum auch immer, extremes Schamgefühl. Sie machen ihren Kopf nicht frei, um das zu genießen“, lautet ein Erklärungsversuch der FKKler in Ostfriesland. Und: „Selbst meine Kinder, die mit FKK-Stränden und natürlichem Umgang mit Nacktheit aufgewachsen sind, haben heute wenig bis gar kein Interesse daran. Maximal mal Sauna oder Therme im Winter ...“, berichtet eine Hannoveranerin. „Im Augenblick scheint es eher so zu sein, dass junge Leute sich nicht so sehr vom FKK angesprochen fühlen“, resümiert ein anderer. Und vor allem scheinen FKK-Vereine die Jüngeren nicht anzusprechen. Das bestätigt Max Meyer aus Frankfurt: „Ich bin mit meinen 34 Jahren einer der jüngeren FKK-Fans. Die meisten anderen sind, soweit ich das sehe, alle mindestens 55+.“ Das habe er festgestellt, als er sich einem Verein anschließen wollte. „Dass meine Altersgruppe nicht vertreten ist, ist schade, weil man ja doch etwas andere Gesprächsthemen hat als die Älteren“, sagt er. Jutta Blume, Mitglied eines FKK-Vereins, kennt das: „Wir haben seit Jahren rückläufige Mitgliederzahlen und der Altersdurchschnitt steigt und steigt“, berichtet sie. Sie vermutet, dass die Vereinsstruktur mit ihren Regularien heute vielen veraltet vorkommt. Und man müsse die Jüngeren, auch junge Familien, verstehen, die wenig Sinn darin sehen, in einem Verein mitzuwirken, wo weder sie noch ihre Kinder Gleichaltrige treffen. Und weiter: „Ich persönlich finde FKK-Vereine schon fast zu prüde: Gerade die Themen Tattoos und Piercings werden in vielen Vereinen noch verteufelt, dabei ist beides heutzutage völlig normal.“ Dass die Jüngeren seltener beim FKK zu finden seien, liegt laut Max am Körperbild, das die Medien vermitteln: „Alles muss perfekt sein, alles muss glatt sein. Und gerade die Jungen sind sehr anfällig dafür, dem Ideal entsprechen zu wollen. Alles was außerhalb liegt, muss dann versteckt werden.“ Dabei spiele genau das gar keine Rolle, sagt ein weiterer Naturist: „Für uns, meine Frau und mich, ist FKK eine Lebenseinstellung. Wer es einmal für sich entdeckt hat, wird es lieben. Beim FKK ist jeder gleich. Keiner kann durch Kleider auffallen. Jeder zeigt seine kleinen Makel. FKKler sind wie eine große Familie. Alles Gesehene bleibt in der Familie...“ Und das ist auch ein Grund, warum viele ältere Naturisten eben doch ihrem Verein treu bleiben: „Sie bieten geschützte Bereiche, wo man nicht Angst haben muss auf Leute zu treffen, die anderes im Sinn haben oder direkt das Smartphone zücken.“ Axel Rekemeyer aus Timmel hat eine weitere Erklärung, warum mancher FKK-Verein mit Mitgliederschwund zu kämpfen hat: „Vor 75 Jahren und auch noch vor 50 Jahren hätte man sich eine Anzeige wegen ,Erregung öffentlichen Ärgernisses’ einhandeln können, wenn man am öffentlichen Strand nackt schwimmen geht. Heutzutage ist das prinzipiell an jedem Strand möglich, denn das Ordnungswidrigkeitengesetz kennt mittlerweile in der Kommentierung den Hinweis, dass ,im Strand- und Schwimmbadbereich mit Nacktheit zu rechnen ist’“, sagt er. Eingeschränkt werde das nur, wenn der Betreiber in seiner Badeordnung Badebekleidung vorschreibt. Selbst „sich im eigenen Garten, auf der eigenen Terrasse oder auf dem Balkon nackt zu sonnen ist heutzutage kein Thema mehr, welches justiziabel wäre und nur auf einem gewidmeten Vereinsgelände möglich ist“, so Rekemeyer. Insofern würden spezielle FKK-Vereine gar nicht mehr gebraucht.
Deshalb nennen die FKKler selbst sich auch lieber Naturisten und verstehen darunter, ungezwungen und ohne Scham nackt zu sein im Freien. „Nackt sollte eigentlich selbstverständlich sein“, sagt ein Nutzer des FKK-Strands in Hooksiel, dem einzigen ausgewiesenen Nordseestrand für textilfreies Baden auf der ostfriesischen Halbinsel. 2018 war der FKK-Bereich von der Wangerland Touristik GmbH im Zuge ihrer Strandneuordnung aufgehoben worden – mit dem Hinweis auf das friedliche Nebeneinander von nackten und bekleideten Badegästen. Mit dem massiven Protest der FKKler aus nah und fern hatte man nicht gerechnet. Der führte dazu, dass zum Saisonstart 2019 der FKK-Strand wieder eingerichtet wurde.
Nebenan liegt der einzige FKK-Campingplatz an der ostfriesischen Küste. 400 Standplätze gibt es dort in einem abgeteilten Bereich. Und der Naturistenbund Wilhelmshaven-Friesland – neben dem Oldenburger der einzige FKK-Verein in der Region – hat dort seinen Sitz. „Die Plätze sind gut gefragt, bei den ,normalen’ Standplätzen auf dem Textil-Platz ist das Interesse jedoch größer“, teilt Strand- und Campingmanager Ingo Kruse auf Nachfrage mit.
Nackturlaub auf dem Campingplatz
Allerdings beobachtet auch Kruse, dass die FKK-Camper älter werden: „Der Altersdurchschnitt der FKK Gäste liegt aktuell bei 53 Jahren, Tendenz steigend.“ Die Ansprüche an den Platz hätten sich aber nicht tiefgreifend verändert. „In erster Linie erwarten die Camper, dass ihre Privatsphäre bestmöglich gewahrt wird und sie die Freiheit haben, sich ohne Kleidung frei zu bewegen. Generell ist wichtig, dass die Regeln und Etikette des FKK-Campings eingehalten werden, um ein respektvolles und angenehmes Umfeld für alle Gäste zu gewährleisten“, sagt er. An der Stellplatzzahl etwas zu verändern, ist bei der Wangerland Touristik GmbH als Betreiberin des Campingplatzes mit insgesamt 1500 Parzellen nicht geplant – zumindest mittelfristig.
An der Ostsee, wo die FKK-Infrastruktur traditionell deutlich besser ausgebaut ist, aber auch in Urlaubsländern am Mittelmeer haben einige Campingplätze FKK mittlerweile eingestellt, weiß Axel Rekemeyer: „Die Zielgruppe der Nackten ist vielen zu klein.“ FKK ist und bleibe ein Nischenthema.
„Es sind im Schnitt immer nur 8 bis 9 Prozent der Gesellschaft, die sich vor Dritten nackt ausziehen, textilfrei campen, in die Sauna gehen oder nackt baden. Aber die wird es auch weiterhin geben“, glaubt Rekemeyer.