Eutin LGBTQ+: Wie Timo Radünz es geschafft hat, für sich einzustehen
Timo Radünz ist nicht-binär. Bis Timo zur eigenen, queeren Identität fand, war es ein langer Weg mit vielen Hürden. Im Jugendalter wurde Timo mit Matsch beworfen und beleidigt, weil Timo anders war. Im Gespräch mit unserer Redaktion hat Timo erklärt, wie es sich anfühlt, aus der Norm zu fallen.
Mädchen spielen mit Puppen und Jungs spielen Fußball, Mädchen tragen Pink und Jungs tragen Blau. Dieses Schubladendenken ist noch heute weit verbreitet, selbst Süßigkeiten und Spielsachen werden geschlechtsspezifisch verpackt: rosa für die Mädchen und blau für die Jungen. Timo Radünz (34) hat noch nie in eine Schublade gepasst: „Nichts von dem, was von mir erwartet wurde, konnte ich sein“, sagt Timo. Als nicht-binäre Person identifiziert sich Timo weder mit dem klassischen männlichen, noch mit dem weiblichen Geschlecht und fällt damit aus der Norm.
„Heute kann ich sagen: Ich bin wirklich gut so, wie ich bin“, sagt Timo. Doch das war nicht immer so, auf dem Weg zu sich selbst gab es viele Hürden zu überwinden. Schon während der Kindheit im nordrhein-westfälischen Dülmen hat sich Timo für andere Sachen begeistert als die übrigen Kinder. „Ich war wirklich gar nicht daran interessiert, einem Ball hinterherzurennen“, erzählt Timo.
Stattdessen habe Timo beim „Vater-Kind-Zocken“ neben dem Spielfeld im Gras gesessen und einen Blumenkranz geflochten. Die Liebe fürs Tanzen und für die Kunst zeigte sich schon früh und ist mittlerweile zu Timos beruflichem Alltag geworden: Bei den Eutiner Festspielen ist das kreative Talent zurzeit für die Choreografie und das Kostümbild von „Jesus Christ Superstar“ verantwortlich.
Bei den Outfits für das Ensemble kann Timo eigene modische Vorlieben einbringen, bei sich selbst war das nicht immer möglich. Eine Schlaghose, die Timo mit etwa 13 Jahren einer Klassenkameradin nachgekauft hatte, wurde zu einem einschneidenden Lebensereignis. „Ich war wie Freiwild“, sagt Timo im Rückblick auf die Reaktion der Mitschülerinnen und Mitschüler.
Diese hatten Timo beleidigt, mit Matsch beworfen und die Hose mit Eddingstiften beschmiert. „Ich habe damals gemerkt, dass ich anders bin als alle anderen und dass ich mich anders geben muss, um sozial akzeptiert zu werden.“ Das Kleidungsstück, dass Timo eigentlich sehr glücklich gemacht hatte, wurde in den Schrank verbannt und aus Scham nie wieder angezogen.
Mit 18 setzte Timo sich mit der eigenen Sexualität auseinander und entdeckte das Interesse an Männern. „Danach ist für mich erstmal eine Welt zusammengebrochen“, erzählt Timo. Sich einzugestehen, dass zutreffen könnte, was das soziale Umfeld im Vorfeld behauptet hatte, sei nicht einfach gewesen. Das Coming-out war ebenfalls nicht leicht: „Für die queere Person fühlt sich das an wie das Aufdecken einer Lüge, die man gelebt hat“, beschreibt Timo die Situation.
„Die Überforderung meiner Mutter zum Beispiel war damals spürbar – und auch berechtigt“, führt Timo weiter aus und erklärt, dass so ein Coming-out-Moment für die Menschen der queeren Community sehr wichtig sei. „Ich würde mir wünschen, dass die Leute in dem Moment nicht an sich, sondern an das queere Gegenüber denken. Es kostet so viel Lebensenergie, dass dieses Gespräch stattfindet“, betont Timo.
In den Jahren darauf zog Timo für seine Ausbildung an der Hamburger Stage School in die Hansestadt und lernte, die eigene Sexualität zu akzeptieren. Hier trafen sich viele Gleichgesinnte. Dennoch wurde klar, dass alle unterschiedlich waren – und dass das Label eines homosexuellen Mannes nicht auf Timo zutraf. Diese Erkenntnis sei ein langer Prozess gewesen. 2016 habe Timo dann einen Artikel gelesen, in dem der Begriff „nicht-binär“ erklärt worden ist. „Ich dachte sofort: Das bin ich!“, sagt Timo, „ich bin keine Frau, aber ich bin auch kein Mann“.
Das nachzuvollziehen, ist für viele Personen aus Timos Umfeld nicht leicht. Für Timo selbst ist die Situation jedoch klar: „Ich bin Mensch“, erklärt Timo, „das ist der Überbegriff, unter den viele Geschlechter fallen. Ich bin nicht weder noch, ich bin Fisch und Fleisch.“
Timo weiß: „Ich bin nicht der einzige Mensch, dem es so geht“. Sich mit Personen auszutauschen, denen es ähnlich geht, helfe sehr, um sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. „Alleine zu sein ist so schlimm“, sagt Timo. Die Identität von nicht-binären Personen auch sprachlich abzubilden, sei daher sehr wichtig, weil diese dadurch „zum ersten Mal gesehen, gehört und angesprochen werden – und nicht einfach nur da sind.“
Das Gefühl, immer wieder mit den falschen Pronomen angesprochen zu werden, vergleicht Timo damit, mit dem falschen Vornamen adressiert zu werden. Timo spricht daher vor neuen Leuten an, dass weder die männlichen, noch die weiblichen Fürwörter wirklich auf Timo zutreffen.
Die korrekte Ansprache nicht-binärer Personen zu verwenden, ist aber gar nicht so einfach. In der englischen Sprache werden die Fürwörter they/them benutzt, auf Deutsch hat sich eine geschlechtsneutrale Variante noch nicht etabliert. „Da hängen wir dem englischen Vorbild noch etwas hinterher“, bestätigt Timo. Um die angemessenen Pronomen einer Person herauszufinden, sagt Timo daher: „Fragt nach! Man kann nicht pauschalisieren.“ Die Anrede einer Person umzudenken, erfordere natürlich Arbeit: „Sprache ist dann plötzlich nicht mehr intuitiv, mit einem Mal muss darüber nachgedacht werden“, so Timo. „Die Frage ist: Bin ich bereit, diese Arbeit hineinzustecken?“
Timo wünscht allen Menschen, „dass sie reflektieren können, wer sie sind und dass gerade queere Personen die Angst vor Verurteilungen ziehen lassen können“. Von der Gesellschaft erhofft Timo sich einen offenen Umgang gegenüber anderen Lebensrealitäten. „Denn nicht die queeren Menschen sind das Problem, sondern der Umgang mit ihnen.“