Unterstützung nach Covid Impfgeschädigte aus Wiesmoor als Nazi beschimpft
Ann-Katrin Kruse hat vor einem Vierteljahr eine Selbsthilfeeinrichtung für Post-Vakzin-Opfer gegründet. Die Wiesmoorerin muss oft ihre ganze Tapferkeit aufbringen, um anderen Kraft zu spenden.
Aurich - Ihre Stimme am Telefon klingt melodisch und frisch. Keine Spur von ihrem langen Kampf gegen das Post-Vakzin-Syndrom. Ihr Körper hatte die Impfung gegen das Corona-Virus im November 2021 nicht vertragen. Glieder- und Muskelschmerzen, Sehstörungen, Konzentrationsprobleme, Gangunsicherheiten und schwere Erschöpfungszustände waren die Folgen. Doch Ann-Katrin Kruse hat sich nach eigenen Angaben weitgehend ins Leben zurück gekämpft, leitet jetzt mit anderen sogar eine Selbsthilfegruppe für Post-Vakzin-Betroffene im Landkreis Aurich: „Ich bin in meinem Leben schon immer ein Stehaufmännchen gewesen. Daran hat sich nichts geändert.“ Dass die Wiesmoorerin die Kraft dazu hat, sich immer wieder aufzurappeln und anderen Betroffenen zu helfen, liegt nach ihrer Auffassung unter anderem daran, dass sie sich Strategien angeeignet habe, wie sie mit ihrer Energie besser haushalten kann.
Eine wichtige Folge: Der Alltag muss so gut wie möglich geplant werden. Erleichtert wird das für die 33-Jährige dadurch, dass sie vor einigen Monaten wieder zu ihren Eltern in die Nähe von Münster gezogen ist, weil sie aus gesundheitlichen Gründen nicht alleine leben kann. „Ich wohne jetzt wieder in meinem Kinderzimmer“, sagt sie. Von ihrem Vater und ihrer Mutter erhalte sie Unterstützung. So werde sie etwa einmal im Monat nach Ostfriesland zu den Selbsthilfe-Sitzungen gefahren und auch wieder abgeholt. Noch sei für sie gar nicht daran zu denken, wieder zu arbeiten, obwohl sie das sehr gerne wolle: „Ich würde nicht einmal einen Halbtagsjob durchhalten.“ Ein Problem sei die Gefahr, sehr schnell von Reizen überflutet zu werden. Deshalb müssten Betroffene mit fast allem, was gesunden Menschen Entspannung verschaffe, sehr vorsichtig sein, Fernsehen etwa. „Die Bilder, die Musik, die schnellen Schnitte − es kann sein, dass man davon rasch gestresst ist, ohne das tatsächlich bewusst wahrzunehmen“, hat Ann-Katrin Kruse beobachtet. Deswegen müsse die Achtsamkeit mit seinem Körper für jeden, der am Post-Vakzin-Syndrom leide, an erster Stelle stehen.
Ärger über einige Ärzte
Täglich erhält Ann-Katrin Kruse Anrufe von Menschen, denen es ähnlich geht wie ihr. Die Verständnis und Unterstützung erwarten. „Viele sind entweder alleine oder durch ihre Ärzte darauf gekommen, dass ihre körperlichen Beschwerden zeitgleich mit der Impfung aufgetreten sind“, sagt die Ostfriesin und weist darauf hin, dass die Symptome denen von Long-Covid-Patienten sehr stark ähneln. Sie ärgere sich sehr darüber, dass manche Ärzte das Thema nicht ernst nähmen.
Einige Mediziner brächten die Ursache dafür entweder mit dem Alter in Zusammenhang oder suchten sie in seelischen Problemen. „Etliche Menschen, mit denen ich Kontakt hatte, sind deshalb sehr verängstigt und ziehen sich total zurück, weil sie nicht in die psychische Schublade gesteckt werden wollen“, hat Ann-Katrin Kruse beobachtet. Nach wie vor seien die Hilferufe da. Deshalb biete sie die Selbsthilfegruppe gerne als Anlaufstelle an. Gemeinsam tausche man sich über medizinische, behördliche, rechtliche, psychosoziale Möglichkeiten und Alltagsstrategien aus.
Als Nazi beschimpft
„In der Selbsthilfegruppe begegnet man sich auf Augenhöhe und teilt seine Erfahrungen mit der Gruppe“, so Kruse. Derzeit träfen sich einmal im Monat rund 25 Personen an einem Ort in Ostfriesland, der den Betroffenen bei der telefonischen Anmeldung mitgeteilt wird (01 55/66 33 02 08). „Die Anmeldung ist ganz wichtig“, sagt die Gruppen-Mitbegründerin. Bei ersten Gesprächen könne sie sich einen Eindruck verschaffen. Rund ein halbes Dutzend Mal im Monat erhalte sie auch Anrufe von Menschen, die sie als „Verschwörungstheoretikerin“ oder auch als „Nazi“ beschimpften. „Einige haben mir sogar den Tod gewünscht, weil ich mit dem Thema an die Öffentlichkeit gegangen bin“, sagt sie.
Ann-Katrin Kruse war vor zwei Jahren die Erste, die im Fachausschuss des Landkreises Aurich um Unterstützung für Post-Vakzin-Betroffene geworben hat. Sie hat sich dafür eingesetzt, dass es eine Anlaufstelle gibt. Damit hat sie sich nicht durchsetzen können − sehr zu ihrem Bedauern. „Die wenige Kraft, die ich durch die Erkrankung habe, setze ich für uns Betroffene ein, denn da wir schon durch die Gesellschaft und die Politik nur sehr wenig Hilfe bekommen, sollten wir uns zumindest gegenseitig Unterstützung bieten“, fügt sie hinzu. Die Politik hatte ihr nämlich damals nahegelegt, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Das ist Anfang März 2024 passiert. „Für mich wäre eine Anlaufstelle schön gewesen. Denn auch ich weiß nicht zu 100 Prozent, wie es jetzt mit mir weitergeht“, sagt Ann-Katrin Kruse. Die Betroffenen wünschten sich so etwas wie einen Post-Vakzin-Beauftragten, der beim Ausfüllen von behördlichen Formularen Hilfestellung leisten würde.
Weil die Symptome von Post-Vac-Betroffenen und Long-Covid-Patienten ganz ähnlich sind und beide vor allem gegen das Erschöpfungssyndrom zu kämpfen haben, wäre eine gemeinsame Selbsthilfegruppe denkbar. „Aus medizinischen Gründen spricht nichts dagegen“, sagt Roland Rischer auf Anfrage der Redaktion. Der Düsseldorfer ist Geschäftsführer der Long-Covid-Plattform bei der BAG Selbsthilfe ttps://www.bag-selbsthilfe.de/informationen-fuer-selbsthilfe-aktive/die-projekte-der-bag-selbsthilfe/long-covid-plattform . Nach seiner Auffassung ist es unerheblich, wie die Symptome entstanden sind. Aber: Jede Gruppe müsse selbst entscheiden, wie sie mit dieser Frage umgeht. „Anderenfalls könnte der Gruppen-Spirit beeinträchtigt werden.“