Projekt im Hafen So werden in Emden mit bunten Booten Brücken gebaut
Beim Bootsbau auf der Teufelsinsel finden Geflüchtete, Migranten und Einheimische zusammen. Wie das Projekt entstand, wie es läuft und was es bewirkt.
Emden - In der Halle riecht es nach Holz. Durch die große Fensterwand fällt Tageslicht hinein. Der Blick hinaus geht in den Emder Hafen und auf den großen Bockkran der Nordseewerke. Kirilo Zhylienkov schneidet an einem Stück Leder. Das Material ist für die beiden Riemen des kleinen Bootes bestimmt. Der 22-jährige Ukrainer hat gemeinsam mit knapp einem halben Dutzend weiterer Geflüchteter sowie Emderinnen und Emdern ein halbes Jahr lang gebaut. Es fehlt nur noch der Lederschutz für die Ruderschafte. Dann ist alles fertig.
Der Hafen als Kulisse passt: Der junge Mann steht an einer Werksbank der Vereinswerft des Arbeitskreises für historischen Schiffbau auf der Teufelsinsel im Emder Binnenhafen. Er ist Teilnehmer des Projektes „Bunte Boote“, das der Arbeitskreis für historischen Schiffbau im Frühjahr 2023 auflegte. Mittlerweile hat es deutschlandweit Anerkennung gefunden.
Drei Boote liefen schon vom Stapel
Bei diesem Projekt bauen Geflüchtete und Migranten in Workshops gemeinsam mit einheimischen Ehrenamtlichen farbenfrohe Ruderboote. Deshalb trägt es auch den Namen „Bunte Boote“. Seit Beginn sind schon drei davon vom Stapel gelaufen. Sie tragen die Namen „Mriya“ – das ist ukrainisch und heißt zu deutsch Traum – und „Adler“. „Freei“ heißt das Boot, an dem auch Kirilo Zhylienkov mitgebaut hat. Das ist plattdeutsch und bedeutet frei. Das vierte Boot ist im Bau, das fünfte wird demnächst auf Kiel gelegt.
„Ich habe hier Gemeinschaft gefunden – absolut“, sagt Kirilo Zhylienkov, der die deutsche Sprache schon gut beherrscht. Er fand wie die anderen Geflüchteten und Migranten über Integrationskurse von Bildungsträgern zu dem Bootsbauprojekt. Das Emder Schulungszentrum (ESZ) habe ihm das Projekt empfohlen, erzählt er. Der 22-Jährige strandete im Juli 2022 als Seemann in Emden. Seine Heuer auf einem Autotransporter endete hier. Zhylenkov ist geblieben. Zurück in die Ukraine will er vorerst nicht. Er scheut sich auch vor dem Kriegsdienst. „Ich will nicht sterben“, sagt der junge Mann.
Viele Freunde hat er in Emden noch nicht gefunden. Die Disco ist nichts für ihn, lieber büffelt er zu Hause. „Ich möchte vor allem meine Deutschkenntnisse verbessern“, sagt der Ukrainer. Dafür kam ihm das Projekt des Arbeitskreises für historischen Schiffbau gelegen: „Es macht sehr viel Spaß“.
Bootstyp eignet sich für den Nachbau
Mit dem Bootsbau hatte der junge Mann vorher nichts am Hut: „Es war das erste Mal in meinem Leben“. Ob Werkstatt oder Werkzeug: Alles sei zunächst „ziemlich neu“ für ihn gewesen. Die Ideengeberin und Projektleiterin Inka Petersen, und deren Mitarbeiter, der gelernte Bootsbauer Leif Lemke, machen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern den Einstieg aber leicht.
Die kleinen Boote des Typs Bevin’s Skiff sei 1997 von ihrem Freund Joe Youcha in Amerika eigens so konstruiert worden, um von Laien nachgebaut werden zu können, erläutert Petersen. Auf diese Weise sollen auch Grundlagen der Mathematik und der Naturwissenschaften praktisch vermittelt werden. Ein erstes Pilotprojekt hatte es schon 2022 mit Zehntklässlern des Emder Max-Windmüller-Gymnasiums gegeben.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist das Ziel
Petersen lebte von 1994 bis 2020 selbst im US-Staat Kalifornien. Die gebürtige Emderin wurde bei den Nordseewerken ausgebildet und ist gelernte Holzmechanikerin. 1994 wanderte sie aus nach Amerika. Dort arbeitete sie zunächst als Grafikerin, ehe sie sich dem Bootsbau und der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen zuwandte. Im Mai 2020 kehrte sie in ihre Geburtsstadt zurück. Seitdem arbeitet Petersen als handwerkliche Erziehungskraft für den Verein Arbeitskreis für historischen Schiffbau in Ostfriesland.
Bei dem jüngsten Projekt werden aber nicht nur bunte Boote, sondern sinnbildlich auch Brücken gebaut. „Es eröffnet Raum für gemeinsame Aktivitäten und die Chance, sich gegenseitig kennen, akzeptieren und wertschätzen zu lernen“, sagt die Leiterin und Ideengeberin.
Es geht auch ums Demokratieverständnis
Die Geflüchteten sollen auch etwas über gesellschaftlich-kulturelle Leben in Emden lernen, und umgekehrt die Einheimischen mehr über das Leben der Geflüchteten. Das geschieht unter anderem in Gesprächen und spielerischen Pausen. Sozialpädagogisch bringt sich dabei Clara Hilke ein. Sie studiert an der Hochschule in Emden soziale Arbeit.
„Boote bauen Bürger“ lautete zunächst der Arbeitstitel. Viele Entscheidungen werden demokratisch getroffen. „Bei der Namens- und Farbgebung muss allerdings ein Konsens gefunden werden“, sagt die Projektleiterin. So lernten die Teilnehmer auch, andere zu überzeugen und sich überzeugen zu lassen. Aus den Workshops seien schon „richtige kleine Gemeinschaften“ entstanden.
Das Projekt ist schon preisgekrönt
Neben dem Teamwork und dem Demokratieverständnis gehe es auch um die Gleichstellung von Mann und Frau. „Die Frau ist hier der Boss“, sagt Petersen. Das sei für einige Geflüchtete ungewohnt: „Es gibt vereinzelt auch Typen, die glauben, dass sie es besser wissen“.
Gefördert werden die Workshops aus dem Bundesprogramm „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“. Schon 2023 zeichnete das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge das Projekt mit dem 1. Sonderpreis aus. Eingereicht worden waren 42 Projekte, fünf davon wurden ausgezeichnet.
Boote sollen später verliehen werden
Die Förderung des Bundes ist auf drei Jahre befristet. Inka Petersen hat aber schon konkrete Vorstellungen, wie es danach weitergehen könnte. Sie möchte nach Möglichkeit mit den bunten Booten und ehrenamtlichen Kräften einen eigenen Bootsverleih ins Leben rufen oder sich einem bestehenden Bootsverleih anschließen. „So könnten Geld generiert und Mini-Jobs geschaffen werden“, sagt sie. Auch einen Verkauf von bunten Booten hält sie später für denkbar.
Vielleicht ist dann auch Kirilo Zhylienkov wieder sprichwörtlich mit im Boot. Sein Workshop ist zwar schon beendet, er schaut aber immer wieder mal auf der Teufelsinsel vorbei. Und beim nächsten Stapellauf ist er wohl auch wieder mit dabei.