Europawahl – der Tag danach Frust und Freude nach AfD-Erfolg in Südbrookmerland
Mit 24,4 Prozent war die AfD bei der EU-Wahl die am häufigsten gewählte Partei in der Gemeinde Südbrookmerland. Wir haben vor Ort nachgefragt, wie es den Menschen mit dem Wahlergebnis geht.
Moordorf/Victorbur - Grau und regnerisch ist es an diesem Montag in Moordorf und Victorbur. In den Geschäften gehen die Menschen ihren alltäglichen Besorgungen nach. Mit 24,4 Prozent war die AfD bei der Europawahl die am häufigsten gewählte Partei in der Gemeinde Südbrookmerland, dicht gefolgt von der SPD mit 24,1 Prozent. Stärkste Partei zu werden, das gelang der AfD sonst nirgends in der Region, auch wenn die Prozentpunkte für die Partei in Großheide mit 25,76 Prozent höher waren – und hier auch am höchsten in ganz Ostfriesland.
Wie geht es den Menschen mit dem Wahlergebnis und wie erklären sie sich, dass so viele die AfD wählten, die seit Mai bundesweit als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft ist? Wir haben uns am Tag nach der Wahl vor Ort umgehört.
„Ich dachte, die AfD rauscht in den Keller“
„Das ist für mich beunruhigend“
Ein Mann aus Moordorf, der seinen Namen nicht nennen möchte, fand das Wahlergebnis ebenfalls erschreckend. „Ich habe mir schon gedacht, dass die AfD viele Stimmen bekommt, aber nicht so heftig“, sagt er. Aus seinem eigenen Umfeld seien einige auch auf das BSW ausgewichen, auf die neu gegründete Partei von Sahra Wagenknecht. Er glaubt, viele Wählerinnen und Wähler haben sich ihre Entscheidung als Denkzettel für die Ampel-Koalition gedacht. „Das ist für mich beunruhigend“, gibt er zu.
„Rechts wählen geht gar nicht“
Ein Mann aus Victorbur, der ebenfalls anonym bleiben möchte, kann den Frust einiger Wählerinnen und Wähler nachvollziehen. „Die Parteien versprechen was und halten es nicht ein“, sagt er. „Aber rechts wählen geht gar nicht.“ Jetzt müsse man mit dem Ergebnis umgehen. Die AfD sei jetzt nun mal da. Hoffnung für die demokratischen Parteien hat er noch, aber: „Wir müssen auf jeden Fall was besser machen!“
„Die AfD muss jetzt anfangen, Politik zu machen“
Ein Mann mittleren Alters stimmt dem Wahlergebnis zu. Der 59-Jährige, der sich nach eigenen Angaben viel über Facebook informiert, findet: „Es kann so nicht weitergehen.“ Überzeugt vom Programm der AfD sei er zwar nicht, aber man müsse ja was tun. „Die AfD muss jetzt anfangen, Politik zu machen“, sagt er. Von den Rechtsextremen müsse sich die Partei lösen.
„Ich weiß ja, wie das in der Zeitung dargestellt wird“
Ein Mann um die 50 will nicht mit der Presse sprechen. Durch sein Autofenster sagt er: „Ich weiß ja, wie das in der Zeitung dargestellt wird.“ Ein anderer älterer Mann meint: „Die Zeiten sind vorbei, wo man frei reden konnte."
„Wirklich begründen können sie es nicht“
Eine junge Frau aus Moordorf erzählt, dass sie nicht gewählt habe. Zu spät habe sie erfahren, dass man auch die Briefwahl nutzen kann. Die AfD hätte sie nicht gewählt. Aber viele Jugendliche aus ihrem Bekanntenkreis sympathisieren mit der der Partei, sagt die 18-Jährige. „Viele erzählen stolz davon und sind für die AfD, aber wirklich begründen können sie es nicht.“ Sie selbst spricht zu Hause viel mit ihren Eltern über politische Themen, außerdem liest sie bei der Arbeit die Zeitung. Soziale Medien wie Instagram nutze sie wenig, um sich zu informieren.
„Ohne CO2 können Pflanzen nicht leben“
Ein Mann im Rentenalter will erst nicht mit uns sprechen, kommt aber dann doch noch auf uns zu. Ob wir in der Schule von Photosynthese gehört hätten, beginnt er das Gespräch, und folgert: „Ohne CO2 können Pflanzen nicht leben. Das haben wir doch in der Schule gelernt. Die Grünen verarschen uns.“ Er meint damit, dass es keinen menschengemachten Klimawandel gäbe. Die Wissenschaftler, die das behaupten, seien „alle gesteuert“. Das gelte auch für die Presse.
„Die haben ein schönes Programm“
Ein 26-Jähriger, der gerade auf dem Weg in den Supermarkt ist, meint, die AfD mache was für mehr Sicherheit für Kinder. Was genau, kann er nicht sagen. Trotzdem: „Die haben ein schönes Programm“, sagt er.
„Sehr erschreckend“
„Die haben die Quittung gekriegt“
„Die Politiker sind selbst schuld“
Ein 55-jähriger Mann aus Norden sagt, er habe nicht die AfD gewählt. Verstehen kann er das Ergebnis aber. „Die Politiker sind selbst schuld. Ich will hoffen, dass sich was ändert in der Politik allgemein.“
„Ich find das nicht verkehrt“
Zufrieden mit dem Wahlergebnis ist der 46-jährige Jörg Behrends aus Oldeborg. Er selbst habe am Sonntag AfD gewählt. In Europa sei viel falschgelaufen bisher. Zum Beispiel „mit der Flüchtlingspolitik, dass so viele reingekommen sind“ und man nicht so genau darauf geachtet habe, „wer kommt“. Da hätte man mehr eingreifen müssen. Von der AfD verspricht er sich, dass die „etwas mehr Acht geben“ und zum Beispiel extrem gewaltbereite Ausländer wieder „zurück müssen“.
„Frust und Unmut sind die Folge“
Und was sagt die Gemeindespitze? In Südbrookmerland, einer früheren SPD-Hochburg, ist aktuell ein Mitglied der Freien Wähler Bürgermeister: Thomas Erdwiens. „Das Ergebnis dieser Europawahl stimmt mich bedenklich, sagt aber kaum oder nur bedingt etwas über die politische Arbeit der Parteien und Gruppen auf kommunaler Ebene aus“, sagt er gegenüber dieser Zeitung. Das Ergebnis spreche vielmehr „Bände über das, was sich gegenwärtig auf politischer Ebene des Bundes und Europa abspielt“, ist er überzeugt. Das hohe Ergebnis der AfD nicht nur in Südbrookmerland liegt für Erdwiens auch darin begründet, dass viele Wähler „durch das, was sich auf Bundes- und Europaebene abspielt, einfach nur verunsichert, verängstigt, insbesondere irritiert und beunruhigt“ seien. Immer mehr durch die oberen Ebenen der Politik veranlasste Einschränkungen und Auflagen sowie steigende Kosten würden sich auch in den Kommunen auswirken. „Strukturierte und durchsichtige politische Entscheidungen sind zumindest auf bundes- und europäisch-politischer Bühne schwer erkennbar“, so Erdwiens. Frust und Unmut seien die Folge.