Menschen wurden ohnmächtig  Leeraner erleben Hitze-Albtraum im Flugzeug

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 09.06.2024 09:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Völlig überhitzt stürmten die 270 Passagiere des Fluges aus Antalya wieder nach draußen. Foto: privat
Völlig überhitzt stürmten die 270 Passagiere des Fluges aus Antalya wieder nach draußen. Foto: privat
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52 Grad in der Kabine, zahlreiche überhitzte Kinder: Den Rückflug von ihrem Türkei-Urlaub werden Nancy und Dominik Janßen aus Leer so schnell nicht vergessen. Sie möchten nun vor der Airline warnen.

Leer - Nancy Janßen könnte komplett entspannt sein. Schließlich haben sie und ihr Mann gerade mit der zweijährigen Tochter einen entspannten Urlaub in der Türkei hinter sich. Hotel, Wetter, Strand, Meer – alles war perfekt. Wären nicht die Flüge gewesen. So wie die beiden Leeraner sie beschreiben, waren sie ein absoluter Albtraum.

Nancy und Dominik Janßen erlebten einen dramatischen Rückflug. Foto: Nording
Nancy und Dominik Janßen erlebten einen dramatischen Rückflug. Foto: Nording

Es ging schon auf dem Hinflug los. Eine Frau verlor auf dem Weg von Münster nach Antalya ihr Bewusstsein. „Die Crew rief nach medizinischem Personal“, sagt Nancy Janßen. Als sich weder Arzt noch Ärztin meldeten, geht die Notfallsanitäterin nach vorne. „Eine Frau war bewusstlos. Ich legte sie in den Gang, legte ihre Beine hoch“, sagt Janßen. Das Personal der türkischen Fluglinie Mavi Gök Airlines sei bereits damit überfordert gewesen. „Eine Stewardess wollte der bewusstlosen Frau Zucker in den Mund kippen“, sagt Janßen. Das konnte die 37-Jährige gerade noch verhindern. Die Frau kam zu sich. Wenig später schwächelte ein Mann. „Dem reichte aber ein wenig Eis im Nacken“, erzählt Janßen. Was der Leeranerin dabei auffiel: Die Crew war schon mit diesen Vorfällen überfordert. Die Erste-Hilfe-Ausrüstung war nur spärlich.

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Hinflug schon problematisch

Die Landung glückte, die Familie aus Leer konnte einen unbeschwerten Urlaub erleben. Fast unbeschwert: „Ich hab schon gemerkt, dass da ein Schatten über mir liegt, weil ich mich wegen des Rückflugs gesorgt habe“, sagt Janßen.

Doch was dann folgen sollte, habe sie nicht mal in ihren schlimmsten Befürchtungen erwartet. Am 6. Juni 2024 sollte es zurückgehen. Der Flug sollte um 20.15 Uhr abheben. „Es waren 41 Grad in der Türkei. Das war sowieso schon ziemlich heiß“, sagt Dominik Janßen. Doch nichts gegen die Temperaturen im Flugzeug. Als die Familie einstieg, zeigte die Temperaturanzeige 52 Grad. „Wir wurden mit zwei Bussen zum Flugzeug, das schon länger auf der Startbahn stand, abgeholt. Wir saßen im zweiten Bus. Die Passagiere aus dem ersten Bus saßen schon länger im Flugzeug. Als wir einstiegen, waren die schon durchgeschwitzt und sehr rot“, beschreibt Dominik Janßen die Situation. Auch die Stewardess habe ausgesehen, wie nach einem Dauerlauf.

Man habe keine Klimaanlage spüren können. Die Luft, die ins Flugzeug gekommen sei, sei warm gewesen. Die Passagiere hätten sich gesetzt. Doch die Situation sei immer dramatischer geworden. „Neben uns saß ein fünf Monate altes Baby. Es trübte immer weiter ein“, sagt Nancy Janßen. Die Mutter und Notfallsanitäterin schaltete schnell: „Ich habe mit der einen Hand meinem Kind und mit der anderen, dem Baby Luft zugefächelt, weil die Mutter keine Hand frei hatte“, sagt sie. Doch die Lage des Babys wurde immer dramatischer. Ein Hitzschlag drohte und es sei nicht das einzige Kind gewesen, dass so reagierte. „Ein Vater mit zwei Söhnen wurde langsam panisch, weil seine Jungs nur noch schwitzten. Einer verlor später sogar das Bewusstsein“, sagt Janßen.

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Tür selbst geöffnet

Die ersten Passagiere baten darum, die Türen wieder zu öffnen. Doch die Crew erklärte, es würde ja kühler werden, wenn die Maschine in der Luft sei. „Auf dem Rückflug war ein türkisch sprechender Arzt dabei und erklärte der Crew, dass sie so nicht fliegen könnten.“ Doch Pilot und Crew blieben bei ihrem Plan, die Maschine zu starten. Erst als der Arzt der Crew klar machen konnte, dass sie mit diesem Plan die Gesundheit der Passagiere massiv gefährde, entschied der Pilot, den Start abzubrechen. „Da waren schon mehrere Erwachsene und Kinder bewusstlos“, sagt Nancy Janßen.

Die Situation spitzte sich immer weiter zu. Das Flugzeug, das schon auf der Startbahn war, fuhr zurück und hielt. Der Vater mit den zwei überhitzten Söhnen öffnete aus Wut die Tür selbst. „Der wäre fast in den Abstand zwischen Treppe, die gerade noch rangeschoben wurde, und Flugzeug gefallen. Der Arzt hat ihn im letzten Moment zurückgehalten“, so Janßen.

Keine Getränke, kaum Hilfe

Die Passagiere stürmten nach draußen. „Wir hatten Not, die Kinder, die im Gang lagen und runtergekühlt werden mussten, zu schützen“, sagt die 37-Jährige. 55 Minuten nach dem Boarding waren die Passagiere wieder draußen. Mittlerweile hatte es sich in Antalya auf 36 Grad runtergekühlt. „Nach der Hitze im Flugzeug fühlte es sich an, als wäre man in Ostfriesland ausgestiegen“, sagt Dominik Janßen.

Doch wirklich besser wurde die Lage für die Passagiere nicht. Die überhitzten Kinder mussten weiterhin versorgt werden. „Die Fluggesellschaft hat aber keinerlei Hilfe geleistet“, sagt Dominik Janßen. Die Passagiere hätten sich selbst Wasser organisiert und gemeinsam Kleidung und Utensilien zusammengeschmissen, um den Kindern, denen ein Hitzschlag drohte, zu helfen. Das Flughafenpersonal sei bemüht gewesen. Doch zum Beispiel kostenloses Wasser oder etwas zu Essen habe es nicht gegeben. „Erst nach zwei Stunden erhielten wir mit Bordkarten zumindest ein Getränk“, so Dominik Janßen.

Flugzeug und Crew ausgetauscht

Um 23.55 Uhr kam ein neues Flugzeug und die 270 Passagiere konnten nach Münster fliegen. „Die Crew musste ausgetauscht werden“, sagt der 38-Jährige. Die habe sich geweigert, mit den Passagieren noch einmal zu fliegen. „Die waren fix und fertig“, sagt Dominik Janßen.

Um sechs Uhr morgens war das Paar mit seiner Tochter dann wieder in Leer. Eine Entschädigung erwarten die beiden nicht. „Dadurch, dass es eine türkische Airline ist und wir nicht in Deutschland gestartet sind, gelten die europäischen Fluggastrechte nicht“, sagt Dominik Janßen. Daher sei es ohnehin schwer, eine Entschädigung zu bekommen. Darum geht es Nancy Janßen auch nicht. „Ich möchte vor allem Familien ausdrücklich warnen, mit dieser Airline zu fliegen“, sagt die 37-Jährige. Die Gesundheit der Passagiere sei dort nämlich nicht sonderlich wichtig, der Flugplan sei wichtiger, habe sie den Eindruck gehabt. Auch zwei Tage nach dem Vorfall wirkt sie immer noch erschüttert und wütend.

Eine Entschuldigung habe das Paar nicht erhalten. Eine kurzfristige Anfrage dieser Zeitung zu dem Vorfall hat Mavi Gök Airlines bisher nicht beantwortet. Auch die Anfrage des Nachrichtenportals Watson.de zum gleichen Vorfall blieb zunächst unbeantwortet. Die Schilderungen der Passagiere werden allerdings in zahlreichen Videoaufnahmen dokumentiert.

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