Hamburg Kult-Kabarettist Alfons: „Die Zeit der Pantoffel-Demokratie ist vorbei“
Der TV-Star und Kult-Kabarettist Alfons spricht über Europa, die Wahl zum Europäischen Parlament und das Verhältnis zwischen Berlin und Paris.
Emmanuel Peterfalvi (57), wie er bürgerlich heißt, kam 1991 von Paris nach Hamburg. Seit 2017 besitzt er auch den deutschen Pass, 2021 erhielt er das Bundesverdienstkreuz und den deutsch-französischen Freundschaftspreis.
Frage: Warum fühlt sich ein waschechter Pariser Junge mit Faible für Südfrankreich eigentlich ausgerechnet in Hamburg zu Hause?
Antwort: Das war so ja nicht geplant. Ich wollte damals meinen Militärdienst nicht machen, niemand wollte das. Aber es war damals Pflicht und es reichte nicht, einfach zu sagen, ich habe keinen Bock auf Militär. Man musste sich schon etwas einfallen lassen. Die Möglichkeit, die ich fand: in einer französischen Firma im Ausland zu arbeiten. So bin ich nach Hamburg gekommen. Es sollte 16 Monate dauern, jetzt sind es schon 33 Jahre. Hamburg hat mir einfach gefallen. Und vor allem Deutschland hat mir gefallen. Mehr als das: Ich habe gemerkt, dass ich dieses Land liebe.
Frage: Was ist denn das Französischste an Hamburg?
Antwort: Schon mal nicht die Baguettes und Croissants. (lacht) Ich suche in Hamburg aber auch gar nicht das Französische. Wenn ich das will, komme ich zurück nach Frankreich. In Hamburg genieße ich das Hamburgische und finde das toll.
Frage: Inzwischen besitzen Sie auch einen deutschen Pass. Warum?
Antwort: Ich hatte mich überhaupt nicht mit der Frage beschäftigt, bis ich einen Brief vom damaligen Ersten Bürgermeister Olaf Scholz persönlich bekam. Darin stand: Wollen Sie Deutscher werden? Ich fühlte mich damals sehr geehrt. Später habe ich dann erfahren, dass 150.000 Leute diesen Brief bekommen haben. Aber: Er hat mein Leben auf jeden Fall auf den Kopf gestellt. Es hat wohl ein Jahr gedauert, bis ich mich entscheiden konnte. Es kamen ganz viele Dinge wieder hoch. Vor allem die Frage: Was hätte meine Großmutter dazu gesagt?
Frage: Ihre Großmutter Erica, die in den letzten Kriegstagen aus dem KZ Auschwitz entkommen konnte, während Ericas Schwiegervater dort ermordet wurde. Eigentlich gute Gründe, sein Verhältnis zu Deutschland gründlich zu überdenken.
Antwort: Ja und nein. Meine Großmutter war eine großartige Frau. Als Kind habe ich nie verstanden, warum sie die Deutschen nicht hasste. Nach dem, was sie alles erlebt hatte, wäre das normal gewesen. Sie hatte mir als Kind immer versprochen, eines Tages würde sie mir das erklären, jetzt sei ich noch nicht so weit. Irgendwann ist sie gestorben, ohne Erklärung …
Frage: …und ohne Antworten?
Antwort: Das dachte ich, ja. Aber sie hatte doch etwas hinterlassen: einen Brief, den ich später gefunden habe und wohl auch finden sollte. Sie hat ihr Wort gehalten. Sie habe irgendwann verstanden, schrieb sie, dass ihr Hass nicht guttut und Hass niemandem guttut. Das Einzige, was sie wollte, war, dass sowas niemals wieder passiert. Sie hatte sogar einen ehemaligen KZ-Wärter kennengelernt und nach einiger Zeit wurden sie Freunde. Das finde ich sehr, sehr groß. Ich weiß nicht, ob ich sowas könnte. Danach war für mich klar: Ich will Deutscher werden.
Frage: Sie werben in Schulen für das Projekt Europa. Warum, reich kann man mit Schulauftritten doch kaum werden?
Antwort: Ich will nicht reich werden, ich möchte so gut verdienen, dass ich ein Leben ohne Stress führen kann und dass meine Kinder studieren können. Das reicht mir. Das Schulprojekt mache ich ehrenamtlich und sehr gern. Wir haben ein Riesengeschenk von der Generation vor uns bekommen, die ein Europa gebaut hat, wo endlich mal Frieden herrscht. Ein Leben ohne Krieg? Das war früher undenkbar. Darum geht es.
Frage: Interessiert die Schüler die EU tatsächlich oder freuen die sich einfach nur auf den TV-Star und ein paar Freistunden?
Antwort: Für diese Generation bin ich kein Fernsehstar, der bin ich vielleicht für deren Eltern. Aber das Projekt funktioniert trotzdem: Die Schüler und Schülerinnen bereiten sich einen Monat lang vor, bevor sie in mein Bühnenprogramm „Alfons – Jetzt noch deutscherer“ kommen. Darin erzähle ich meine Geschichte und damit natürlich auch die meiner Großmutter. Ich dachte, vielleicht werden die Jugendlichen im Theater unruhig, aber das ist nie passiert. Dass die Jugend sich nicht für Europa interessiert, ist kompletter Quatsch. Die fühlt sich oft nur nicht gehört. Einmal sagte eine Schülerin: „Ich habe die Hoffnung verloren.“ Ich fand es so traurig: Mit 16 darfst du nicht resignieren, du hast das Leben vor dir! Wir müssen den Jugendlichen mehr zuhören!
Frage: Europa driftet auseinander, Freiheit und Toleranz werden in Ländern wie Ungarn, Polen oder der Slowakei völlig anders definiert. Was sagen Sie 16-jährigen Schülern, damit sie trotzdem zur Wahlurne gehen?
Antwort: Ich bin nicht da, um den Schülern zu sagen, was die Wahrheit ist oder sie tun sollen. Ich will erstmal zuhören. Das ist zwischen uns ein großer Moment der Ehrlichkeit. Worauf wir uns dann einigen ist immer, dass Demokratie anstrengend ist: fair zu sein, gerecht zu sein, zuzuhören. Ich sage ihnen aber auch: Die Zeit der Pantoffeldemokratie ist vorbei. Wir müssen uns jetzt engagieren. Wer das Gefühl hat, nicht gehört zu werden, muss schreien, muss was machen. Nur so kommt ihr aus der frustrierten Lethargie heraus. Oft kommen die Jugendlichen mit genau dieser Energie aus unserer Diskussion. Das ist für mich die beste Belohnung.
Frage: Was ist das Problem im deutsch-französischen Verhältnis – können Bundeskanzler Olaf Scholz und Präsident Emmanuel Macron nicht miteinander?
Antwort: Zum Glück ist die deutsch-französische Freundschaft mehr als das Verhältnis der beiden. Aber dass Scholz und Macron nicht miteinander können, das können die gar nicht verbergen. Wahrscheinlich war Macron so verliebt in Angela Merkel, dass ihr Nachfolger ihn sehr enttäuscht. Aber wenn sie verantwortungsbewusst sind, sollten sie verstehen, dass es uns egal ist, ob die sich riechen können oder nicht. Sie müssen die deutsch-französische Freundschaft, die der Zement und der Kern Europas ist, wieder ins Laufen kriegen. Und zwar viel schneller als sie vielleicht möchten.
Frage: Werben Sie nach den Wahlen in den Schulen auch weiter für Europa als Erfolgsmodell, wenn die Rechten stärkste Kraft im Parlament stellen?
Antwort: Diese Leute hassen Europa und nutzen die Wahl, um Europa kaputtzumachen. Um zu einem System zurückzukehren, in dem jede Nation nur für sich steht. Und wir wissen doch alle: Nationalismus führt zu Krieg. Das will ich nicht. Alfons würde sagen: „Das Scheißeste ist Krieg.“ Aber ich verkaufe die EU auch nicht als Erfolgsmodell. Es gibt in der EU sehr viel zu verbessern. Wir dürfen jedoch nie vergessen, warum Europa gegründet wurde. Weil wir uns in Europa jahrhundertelang gegenseitig mit Kriegen überzogen hatten. Dieses geeinte Europa haben wir als Geschenk von der Generation vor uns bekommen. Und wir haben eine Verpflichtung, dieses Geschenk intakt und in Ehren weiterzugeben.