Europawahl 2024  Ostfrieslands Fischer und die Auswirkungen der EU-Politik

Hannah Weiden
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Von Hannah Weiden
| 06.06.2024 19:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Krabbenfischer blicken besorgt auf die vielen Vorschriften der EU. Foto: Archiv/dpa
Die Krabbenfischer blicken besorgt auf die vielen Vorschriften der EU. Foto: Archiv/dpa
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Bei der Europawahl entscheiden Wählerinnern und Wähler, wie die EU künftig gestaltet werden soll. Die Krabbenfischer aus Greetsiel erhoffen sich klare Signale und Planungssicherheit.

Greetsiel - Der Berufsstand der Fischer und die Europäische Union hatten es in vergangenen Monaten nicht unbedingt leicht miteinander. Zu viel Regeln, neue Verordnungen und zu schlechte Zukunftsaussichten, beklagen die Fischer. Mehr Schutz für die Meere und Artenvielfalt, fordern viele Politiker in Brüssel.

Zugespitzt hat sich dieser Konflikt im März 2023, als die Fischer mit einem großen Aufgebot gegen einen EU-Aktionsplan demonstrierten. Dieser Plan sah es vor, bodenberührende Fischerei in Schutzgebieten schrittweise zu verbieten. Krabbenfischerei, wie sie auch von den Greetsieler Fischern betrieben wird, wäre dann nicht mehr möglich.

Politik am Schreibtisch

Die Gemeinsame Fischereipolitik der EU regelt, was, wo, wie und in welchen Mengen die Fischer fangen dürfen. So gibt es jährliche Höchstfangmengen, Schonzeiten und Gebiete, in denen bestimmte Arten gar nicht gefangen werden dürfen. Die Fischer müssen genau angeben, in welchem Fangebiet sie was zu welchem Zeitpunkt gefangen und welches Fanggeschirr sie verwendet haben. So sollen Verbraucherinnen und Verbraucher die Fischerei-Produkte vom Netz bis zum Teller zurückverfolgen können und eine nachhaltige Wertschöpfungskette sichergestellt werden. Verletzen europäische Flotten diese Regeln der nachhaltigen Fischerei, drohen ihnen hohe Strafen.

Gerold Conradi ist ehemaliger Krabbenfischer aus Greetsiel. Er setzt sich für die Belange des Berufsgruppe ein. Foto: Archiv/Ortgies
Gerold Conradi ist ehemaliger Krabbenfischer aus Greetsiel. Er setzt sich für die Belange des Berufsgruppe ein. Foto: Archiv/Ortgies

Diese Masse Vorschriften stellt die Fischer vor immer mehr Herausforderungen, weiß Gerold Conradi. Er ist Sprecher der Greetsieler Fischer und zweiter Vorsitzender des Landesfischereiverbands Weser-Ems. „Es ist so, dass in Brüssel, Berlin und Hannover viele Leute sitzen, die Politik am Schreibtisch machen“, sagt er. „Und da ist unsere Lobby oft einfach nicht groß genug. Denn wir leben als Fischer nicht nur am Rand des Festlandes, sondern oft auch am Rand der Wahrnehmung.“ Die Berufsgruppe der Fischer sei, verglichen mit den Landwirten, relativ klein.

Fehlende Planungssicherheit

In den vergangenen Monaten hätten zwar viele Politiker den Kontakt gesucht und auch signalisiert, dass sie in der Diskussion hinter den Fischern stehen. „Das sagen sie ja oft. Sie sollen aber nicht nur hinter uns, sondern auch vor uns stehen“, so Conradi. Leere Worte bringen aber nur wenig, es brauche endlich konkrete Signale. „Das ist das Schwert, das über uns hängt.“

Was den Fischern fehlt, ist eine Perspektive. Eine Aussicht darauf, ob sich etwa Investitionen am eigenen Kutter lohnen oder ob junge Menschen dem traditionellen Handwerk noch nachgehen sollten. Viele Banken zeigen sich wegen der unklaren Zukunftsaussichten bereits zögerlich, auch die Suche nach Auszubildenden wird immer schwieriger. Den größten Handlungsbedarf sehen Gerold Conradi und seine Berufskollegen deshalb nach wie vor bei dem möglichen Verbot ihrer Schleppnetze ab 2030. „Egal, wie die Mehrheitsverhältnisse nach der Wahl sein werden, das muss vom Tisch“, sagt Conradi. „Wir haben aktuell einfach keine Planungssicherheit.“

Bürokratieabbau notwendig

Auf der anderen Seite fließen jede Menge EU-Gelder in die Fischerei. Der Europäische Meeres-, Fischerei- und Aquakulturfonds verfügt von 2021 bis 2027 über knapp 6,108 Milliarden Euro. Deutschland stehen aus diesem Topf etwa 212 Millionen Euro zu. Diese EU-Mittel sollen den Mitgliedstaaten helfen, ihre Fischerei nachhaltiger zu gestalten. So gibt es beispielsweise Gelder, die jungen Fischern beim Erwerb ihres ersten Kutters helfen sollen oder Förderungen für den Austausch und die Modernisierung der Motoren, der Arbeitssicherheit oder der Energieeffizienz. Darüber und über die Höhe dieser Förderungen könne man sich nicht beschweren, sagt Gerold Conradi. „Das ist adäquat.“

Aber auch hier: Fördermittel anzufordern, gleiche mittlerweile einem großen bürokratischen Akt. „Als ich damals noch selbstständig war, musste ich, wenn ich Förderungen beantragen wollte, etwa vier Din-A4-Seiten ausfüllen. Heute ist es fast ein ganzes Buch“, sagt Gerold Conradi. Ohne Steuerberater gehe da nichts, der Bürokratieabbau sei längst überfällig.

Brexit noch immer spürbar

Und dann ist da noch der Brexit, den auch die Fischer in Greetsiel, wenn auch indirekt, zu spüren bekommen. Dadurch, dass die britischen Gewässer für Fischer nun tabu sind, verkleinern sich die Fanggründe. Viele Kutter, die vorher dort unterwegs waren, steuern nun auch die Gewässer der ostfriesischen Fischer an, sagt Conradi. Andernorts ist der Austritt Großbritanniens aus der EU für Fischereibetriebe sogar noch deutlicher spürbar: Flotten, die auf englische Gewässer angewiesen waren, haben ihre Arbeit teilweise ganz einstellen müssen. Die Gelder für das Abwracken der veralteten Schiffe müsste eigentlich auch die EU tragen, sagt Conradi. „Es kann nicht sein, dass wir gezwungen werden, unsere Flotte zu verkleinern und es dann auch noch finanzieren müssen.“

Für die Fischer ist es deshalb aktuell besonders wichtig, viel Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. „Die Sicht auf die Fischerei ist oft schlecht“, sagt Gerold Conradi. Das sei schade, denn er und seine Berufskollegen zeigten seit Jahren durchaus den Willen, auch für eine nachhaltige Zukunft einzustehen.

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