Landwirtschaft  Großbaustelle bei Wirdum – das steckt dahinter

Lotta Groenendaal
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Von Lotta Groenendaal
| 05.06.2024 18:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Auf dem Gelände stehen Kräne und Baumaschinen. Foto: Wagenaar
Auf dem Gelände stehen Kräne und Baumaschinen. Foto: Wagenaar
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An der Straße in der Nähe von Aland, nördlich von Loppersum, befindet sich seit einiger Zeit eine Großbaustelle. Einwohner fragen sich, was dort entsteht. Wir haben bei den Behörden nachgefragt.

Loppersum / Wirdum - Groß ist sie, die Baustelle zwischen Loppersum und Wirdum. Auf dem Areal südlich der Siedlung Aland stehen einige Baukräne, auch erste Metallstrukturen von zwei großen Hallen lassen sich erkennen. Es scheint aber noch nicht recht bekannt zu sein, wer dort baut. Wir haben bei den zuständigen Behörden nachgefragt, was für ein Bauprojekt dort am Feldweg am Meer Aland entsteht.

Auf dem Gelände entsteht eine Domäne, bestätigt Thorsten Kuchta vom Amt für regionale Landesentwicklung. Als Domäne bezeichnet man in der Landwirtschaft ein großes Gehöft, welches als Grundbesitz des Landes gilt, in diesem Fall Niedersachsen. Und genau so ein Gehöft entsteht nun in der Nähe von Wirdum. Bei dem Gehöft handelt es sich um einen modernen Milchviehbetrieb, „der nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus bewirtschaftet wird“, so Kuchta. „Die Domäne bleibt in Landeseigentum und wird langfristig verpachtet.“

Es entsteht ein ökologischer Milchviehbetrieb

Die Domäne bei Aland ist allerdings nicht ganz neu im traditionellen Sinne. Tatsächlich befanden sich auf der Fläche zuvor bereits zwei Gehöfte unter der Verwaltung des Landes Niedersachsen, die Domänen Meer Aland und Amerland. „Die beiden vorhandenen Domänen mit ihrer alten Bausubstanz entsprechen nicht mehr den heutigen ökologischen und betriebswirtschaftlichen sowie Wohngebäude-Standards und können nicht als zukunftsfähig bezeichnet werden“, schreibt Kuchta auf Nachfrage dieser Zeitung. Aus diesem Grund werden sie bis auf einzelne Gebäude abgerissen. Stattdessen entsteht an dem Standort unter der gemeinsamen Planung der Pächterfamilie Janssen, des Staatlichen Baumanagements Region Nord-West und der Domänenverwaltung die neue Domäne. Baubeginn war im Sommer 2023.

Auf dieser Luftaufnahme sieht man die Baustelle südlich von Aland. Foto: Otte Beton GmbH
Auf dieser Luftaufnahme sieht man die Baustelle südlich von Aland. Foto: Otte Beton GmbH

Die Familie Janssen, die diesen Betrieb übernehmen wird, hatte vorher einen Hof im Polder Leer. Dort hatte sich das Ehepaar mit den sechs Kindern einen Bio-Milchviehbetrieb aufgebaut. Sie fühlten sich dort gut integriert, der Umzug war dementsprechend eine Belastungsprobe für die Familie. Grund für die Umsiedlung ist der Masterplan Ems 2050.

Masterplan Ems 2050 sorgte für Umzug der Pächterfamilie

Dieser Masterplan hat sich das Ziel gesetzt, das Ökosystem Ems bis zum Jahr 2050 zu verbessern. Dazu verpflichten sich die Vertragspartner, die den Masterplan im Jahr 2015 unterzeichnet haben. Dazu gehören das Land Niedersachsen, die Bundesrepublik Deutschland, die Stadt Emden, die Landkreise Emsland und Leer, die Meyer Werft und die Naturschutzverbände NABU, WWF und BUND. Teil des Planes ist es auch, 500 Hektar an Lebensräumen zu schaffen, die von Ebbe und Flut beeinflusst werden. Dafür bot sich der Polder Leer an, mit seiner Nähe zum Fluss und dem umschließenden Deich. Der Polder ist zurzeit an Familie Janssen verpachtet, im Rahmen des Masterplanes Ems 2050 soll dieser nun dem Naturschutz dienen.

„Das Land ist dankbar für die Bereitschaft der Familie, für die Realisierung des Masterplans Ems das Leben an einem anderen Ort auf neue Füße zu stellen“, schreibt Kuchta. Die Familie Janssen, bestehend aus Vater Gerd-Jannes, Mutter Edith und den Kindern Anneke, Enna, Mina, Janno, Gerwin und Hemme, hatte zeitweise gleichzeitig am Polder Leer und in Wirdum gelebt und gewirtschaftet. Die beiden jüngsten Kinder wurden bereits in Wirdum getauft. Nun hoffen die Familie und die Domänenverwaltung, dass der Umzug nach Wirdum eine gute Perspektive für den Landwirt für die Weiterführung seiner Existenz darstellt.

Familie Janssen hatte vorher einen Betrieb auf dem Polder Leer und ist aufgrund des Masterplanes Ems umgesiedelt. Foto: privat
Familie Janssen hatte vorher einen Betrieb auf dem Polder Leer und ist aufgrund des Masterplanes Ems umgesiedelt. Foto: privat

Ställe, Silos und andere bauliche Anlagen entstehen

In Aland wird bereits fleißig gebaut. „Kernstück der neuen Domäne ist der Liegeboxenlaufstall für ca. 240 Milchkühe sowie mit Platz für die tragenden Rinder“, so Kuchta. Dafür ist ein großes Gebäude vorgesehen. Die Anzahl der Tiere orientiere sich dabei an der Fläche der Domäne. Außerdem seien die Vorgaben für ökologische Landwirtschaftsbetriebe von Belang, auch daran halte man sich bei der Bauweise, so Kuchta. Zum Beispiel sollen diese Liegeboxen mit Sand eingestreut werden. Sand als anorganisches Material habe den Vorteil, so Kuchta, dass es ein sehr hygienisches Material sei. Das helfe dabei, den Medikamenteneinsatz bei den Tieren zu verringern.

Geplant ist auch, im vorderen Teil von diesem Stall einen Bereich für abkalbende Kühe einzurichten. Dieser wird mit Stroh eingestreut und hat das Ziel, im Einklang mit der ökologischen Landwirtschaft, eine kuhgebundene Kälberaufzucht einzuführen. Im Sommer sollen die Rinder dann auf die Weide. Außerdem wird auf dem Gelände ein Melkzentrum errichtet. An dem Außenmelker-Karussel können jeweils morgens und abends zwischen den Weidezeiten bis zu 40 Kühe gleichzeitig gemolken werden. Zudem wurde bereits ein Stall für Kälber und Jungtiere gebaut. Hinzu kommt eine etwa 600 Quadratmeter große Halle, welche als Futter- und Strohlager dienen soll, sowie als Abstellplatz für die täglich benötigten Maschinen. „Ein kleiner Abschnitt dient als Werkstatt für Reparaturen“, so Kuchta. Des Weiteren entstehen verschiedenste bauliche Anlagen für die Bewirtschaftung, darunter ein Absetzbecken zur Trennung von Gülle sowie ein Güllesilo für den Wirtschaftsdünger. Ein Zeltdach soll Emissionen verhindern. „Für die Silierung und Lagerung des Grundfutters wurde eine Fahrsiloanlage errichtet, die alle Umweltbestimmungen berücksichtigt“, so Kuchta. Für das Pächterehepaar und die gemeinsamen Kinder wurde ein Einfamilienhaus gebaut. Ein zweites Wohnhaus für einen Mitarbeiter und seine Familie gehört ebenfalls zur Domäne. Für das Unterstellen von Fahrzeugen wurde zwischen den Wohngebäuden eine Remise errichtet.

Zwei hallenartige Gebäude scheinen fast fertig gebaut zu sein. Foto: Wagenaar
Zwei hallenartige Gebäude scheinen fast fertig gebaut zu sein. Foto: Wagenaar

Kostensteigerungen und Materialknappheit

„Das Land geht gegenwärtig von Kosten von rund zehn Millionen Euro für die Neugestaltung und Modernisierung der Domäne aus“, schreibt Kuchta. Es kam erschwerend hinzu, dass es durch die Corona-Krise und den Angriffskrieg von Russland gegen die Ukraine zu extremen Kostensteigerungen sowie Materialknappheit kam. Außerdem seien die Bodenverhältnisse am Standort recht schwierig, wodurch hohe Anforderungen an die Baumaßnahme gestellt werden, so Kuchta. Die Pächterfamilie beteiligt sich an den Kosten.

Die veranschlagte Summe beinhaltet alle Bau-, Erdbau-, und Gründungskosten sowie die Kosten für die technische Ausstattung vom Betrieb. Die präzise Summe kann jedoch erst nach Abschluss der Bauarbeiten genannt werden. Die Gesamtanlage soll voraussichtlich im Jahr 2026 fertig werden. Einige Teile der Domänen sind bereits fertig und werden genutzt, der Rinderstall zum Beispiel. Das Melkzentrum und der Laufstall sollen voraussichtlich im August 2024 in Betrieb genommen werden.

Im Land Niedersachsen gehört eine Fläche von rund 11 000 Hektar zur Domänenverwaltung, heißt es auf der Internetseite vom Amt für regionale Landesentwicklung Weser-Ems. Die Domänen werden demnach auf 18 Jahre verpachtet, wobei das Land in aller Regel pächtertreu ist. Ebendieser Domänenverwaltung obliegt es auch, die verpachteten Domänen und Teildomänen nach Ankauf durch Pächter zu betreuen.

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