Courseulles-sur-Mer/Caen  Was wir 80 Jahre nach dem „D-Day“ über Krieg und Frieden lernen können

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 05.06.2024 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Der britische D-Day-Veteran Mervyn Kersh steht inmitten einer Installation, die an die Landung der Alliierten 1944 erinnert. Foto: dpa/Gareth Fuller
Der britische D-Day-Veteran Mervyn Kersh steht inmitten einer Installation, die an die Landung der Alliierten 1944 erinnert. Foto: dpa/Gareth Fuller
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Vor genau 80 Jahren begann mit der Landung von 150.000 Soldaten der Alliierten an den Stränden der Normandie die Befreiung Europas von den Nazis. Eine Reise dorthin zeigt, wie deutlich die Spuren des Krieges noch zu sehen sind.

Es war ein Flug ins Ungewisse, in einen unerbittlichen Kampf und für viele führte er direkt in den Tod. Eine militärische Operation von bis dahin unvorstellbarem Ausmaß, um mit vereinten, alliierten Kräften das Wüten der Nazis in diesem Frühsommer 1944 endlich zu beenden. „Wir wussten, dass wir nicht mehr alle lebendig zurückkehren würden“, ist eine tiefe Stimme zu hören, als der Schwarz-Weiß-Film beginnt.

Den Besuchern des „Centre Juno Beach“ am Küstenort Courseulles-sur-Mer werden wackelige Aufnahmen von uniformierten Männern gezeigt, die in Kanada Flugzeuge besteigen. Die Maschinen sollten sie in das Grauen des Kriegs in Europa bringen; und auch das Grauen wird sichtbar in Form von Bildern und Tönen: heftige Explosionen, Kanonenlärm, im Wasser treibende Soldatenleichen, Verletzte auf Tragen mit schmerzverzerrten Mienen. Jungenhaft sind viele Gesichter derer, die kamen, um einen anderen, für sie fernen Kontinent zu befreien.

Als „D-Day“ ging der 6. Juni 1944 in die Geschichte ein. Ab dem Morgengrauen landeten unter dem Feuerschutz von 1200 Schiffen und 7500 Flugzeugen rund 150.000 britische, kanadische, französische und US-Soldaten an den Stränden der Normandie, um die deutschen Besatzer zu bekämpfen. Eine Woche später gelang es den rund 330.000 Männer zählenden Truppen mit 54.000 Fahrzeugen, die fünf Landungsköpfe zu einer zusammenhängenden, 100 Kilometer langen Front zu verbinden. So wurde die Rote Armee beim Kampf gegen die Wehrmacht im Osten entscheidend entlastet.

Zum Schutz vor einer solchen Operation hatte die deutsche Wehrmachtsführung ab 1942 begonnen, den Atlantikwall als ein System von Verteidigungsanlagen von der Spitze Norwegens bis zu den Pyrenäen zu errichten. Doch sie wurde überrascht, hatte mit einer Invasion weiter östlich gerechnet. Der „D-Day“ leitete die Operation Neptune ein, die erste Phase der großen Operation mit dem Codenamen Overlord, also des Feldzugs der alliierten Armee in Nordfrankreich bis zur Befreiung von Paris am 25. August 1944.

Auch 80 Jahre später prägt die blutige Schlacht der Normandie die Region. Bis heute werden die Landungsstrände nach ihren damaligen Codenamen bezeichnet: Utah Beach, Omaha Beach, Gold Beach, Juno Beach, Sword Beach. An die erbitterten Kämpfe erinnern weitläufige Soldatenfriedhöfe in der eigentlich idyllisch grünen Landschaft, Mahnmale, Überreste von Bunkern und Beton-Befestigungen, die noch aus dem Meer ragen.

Das Interpretationszentrum „Centre Juno Beach“, ist speziell dem Beitrag Kanadas gewidmet. Benannt nach dem kanadischen Sektor der Landungsstrände, wurde es 2003 von einem „D-Day“-Veteranen gegründet. „Er wollte einen Ort schaffen, um seine Erinnerungen an die jüngeren Generationen weiterzugeben“, sagt Ophélie Duchemin, die dort arbeitet. Anhand von Objekten, hier ein vergilbter Soldatenbrief, dort ein paar feste Stiefel, werden die Geschichten der Menschen, denen sie gehörten, vorstellbar gemacht.

Besichtigt werden kann auch ein ehemaliger Bunker der deutschen Armee, inzwischen sogar virtuell dank einer 360-Grad-Kamera. Wenige Meter vom Strand mit dem hellen, weichen Sand geht es mehrere Meter in die Tiefe. Die Mauern sind solide, die Gänge geräumig, doch die Atmosphäre bleibt bedrückend. Es ist auch einer der Orte, die den Wahnsinn und die Absurdität des Zweiten Krieges illustrieren. Eines jeden Krieges.

Insgesamt engagierten sich 1,1 Millionen Menschen allein aus Kanada – fast zehn Prozent der damaligen Bevölkerung – in jenen Monaten auf dem europäischen Kontinent, darunter auch viele zivile Kräfte, vor allem Krankenschwestern. 45.000 von ihnen starben. Ihre Namen werden einer nach dem anderen auf eine Deckenwand projiziert. „Es braucht 13 Stunden, um alle zu lesen“, sagt Duchemin.

Auch die gesamten Toten- und Verletztenzahlen der Schlacht der Normandie sind schwindelerregend: Von mehr als zwei Millionen engagierten Soldaten der Alliierten wurden 37.000 getötet und 163.000 verletzt. Auf deutscher Seite gab es schätzungsweise 80.000 Getötete oder Vermisste und 170.000 Verletzte sowie 200.000 Kriegsgefangene. 20.000 Zivilisten aus der Normandie starben im Zuge der Kämpfe.

80 Jahre später kommen rund 200 Veteranen, überwiegend aus den USA, zu den Gedenkfeiern am nächsten Donnerstag. Erwartet werden unter anderem US-Präsident Joe Biden, Kanadas Premierminister Justin Trudeau, Bundeskanzler Olaf Scholz, der polnische Präsident Andrzej Duda, der britische Premier Rishi Sunak, Prinz William sowie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Dazu gebeten wurde er laut Élysée-Palast „im Namen des historischen Echos der Landung für den gerechten Kampf, den die ukrainische Nation heute führt“.

Russland sei aufgrund der Vollinvasion der Ukraine nicht eingeladen, auch wenn man die wichtige Rolle der sowjetischen Armee im Zweiten Weltkrieg stets gewürdigt habe. 2014 war der russische Präsident Wladimir Putin noch anwesend, trotz des völkerrechtswidrigen Anschlusses der Krim wenige Monate zuvor.

In einer weißen Marmorplakette am Eingang des ehemaligen Benediktinerklosters „Abbaye aux Hommes“ in Caen, seit 1965 das Rathaus der Stadt, sind die illustren Namen derjenigen eingemeißelt, die 2004 bei den Gedenkfeierlichkeiten anwesend waren. Unter ihnen jene des früheren US-Präsidenten George W. Bush, der verstorbenen Queen Elizabeth II und Putins. „Hier können Sie sehen, wie viel sich in nur wenigen Jahren Weltgeschichte getan hat“, sagt Anne-Marie Isabet, Stadtführerin und diplomierte Historikerin.

Sie erinnere sich noch an die kontroversen Debatten im Jahr 2004 um die erstmalige Anwesenheit eines deutschen Kanzlers, Gerhard Schröder, an der Zeremonie zum „D-Day“, während Scholz’ Teilnahme heute völlig normal erscheine „Das zeigt, welchen Weg wir gegangen sind und wie wichtig der Dialog und die Aussöhnung sind, damit so etwas nie wieder passieren kann.“ Schröder selbst sprach damals von einer „unglaublichen historischen Geste“.

Caen gehört zu den Städten Nordfrankreichs, die in der Endphase des Kriegs besonders stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Den Plänen der Alliierten zufolge hätte sie noch direkt am „D-Day“ eingenommen werden sollen. Doch aufgrund des heftigen Widerstands der Wehrmacht zog sich der Bombenhagel mehr als einen Monat hin. Getroffen wurde vor allem der östliche Teil mit strategischen Punkten wie dem Bahnhof und dem Fluss. Viele historische Gebäude in anderen Vierteln blieben erhalten, darunter die prächtige „Abbaye aux Hommes“.

Deshalb sei die in Geschichtsbüchern oft genannte Zahl von einer zu 70 Prozent zerstörten Stadt wohl nicht zutreffend, sagt Isabet. „Dieses Argument ist für die älteren Menschen aber schwer anzunehmen, da sie hier sehr gelitten haben“, erklärt Isabet. Zwar herrschte in den Tagen vor dem „D-Day“ Unruhe in der Bevölkerung, die den fernen Fluglärm hörte. Überrascht wurde sie trotzdem von den Bombardierungen, die gegen 13 Uhr begannen. Die meisten saßen gerade beim Mittagessen. „Manche Menschen erstickten unter Gebäudetrümmern und schrieben noch Briefe, in denen sie bedauerten, die Befreiung von den Besatzern nicht mehr zu erleben.“

Jede Familie hier erlitt Verluste, so die 61-Jährige. Ihre eigene hatte keine Toten zu beklagen, verlor aber in materieller Hinsicht alles – ihr Haus mit allen Erinnerungen, den Fotos, Briefen, Dokumenten. „Meine Mutter lebte fünf Jahre lang in einer Baracke“, sagt Anne-Marie Isabet. „So etwas hinterlässt ein Leben lang Spuren.“ Alte Schwarz-Weiß-Fotos in der Église Saint-Jean, der Johannes-Kirche im Zentrum, zeigen Menschen, die in dem Kirchenbau unterkamen, sich dort in Schüsseln wuschen, behelfsmäßig kochten. Die versuchten, irgendwie einen Alltag aufrecht zu erhalten.

Am Tag der Befreiung, dem 9. Juli 1944, erklang in der Kirche Saint-Étienne Frankreichs Nationalhymne, die Marseillaise. Innerhalb von 20 Jahren war Caen wieder aufgebaut, der erhaltene und der zerstörte Teil erneut zu einem Ensemble vereint. Auch wenn die schmerzvolle Erinnerung blieb.

Vor dem großen Museumsgebäude des „Mémorial von Caen“ am Rande der Stadt hängen ein gutes Dutzend Fahnen, auf der einen Seite die französische und die europäische, gegenüber unter anderem die britische, griechische, australische, auch die deutsche. Es befasst sich umfassend mit dem Zweiten Weltkrieg, dem historischen Kontext, dem Holocaust und natürlich der Schlacht der Normandie.

Auch hier gibt es eine Verbindung zum Heute durch die Ausstellung des Kriegsreporters Patrick Chauvel, der seit mehr als 50 Jahren die blutigen Konflikte auf der Welt dokumentiert. Gezeigt werden Fotos aus Vietnam, Afghanistan, Syrien, Libyen, der Ukraine. Das Wesen des Krieges, sagte Chauvel in einem Interview, bleibe gleich, verändert haben sich nur die Waffen. „In solchen Zeiten zeigen die Menschen, was sie in ihrem tiefsten Inneren sind und bringen gute Seiten hervor, die sie in Friedenszeiten nicht zeigen.“ Wie wesentlich der Erhalt des Friedens bleibt, das unterstreichen die Bilder aus Caen, all die Erinnerungen an jenen entscheidenden Sommer 1944.

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