Alles Kultur Singt wieder, Jungs! Ich feier Euch

Annie Heger
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Von Annie Heger
| 03.06.2024 08:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
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Wenn unsere Kolumnistin Shantys hört, geht ihr das Herz auf. Also Jungs, singt!

„To my hooday!“ Jeder kennt das Lied und spätestens hier stimmt jeder an der Stelle ein: Hamborger Veermaster. Das Paradelied der Shantychor-Musik, und ja, ich gestehe, mir geht das Herz auf.

Ich war neulich erst beim Deutschen Evangelischen Posaunentag in Hamburg und stand inmitten von 15.000 Menschen mit Blechblasinstrumenten, jedoch als einzige, ohne selbst eines in der Hand zu halten. Ich kann Euch dieses Gefühl, das mich durchströmt hat, nicht beschreiben. Und sie spielten tatsächlich dieses Lied. Sie kamen von überall in Deutschland und nahmen alle ihre Instrumente von den Lippen und stimmten mit ein: „To my hooday!“

Dieses Lied ist an sich ein Kuddelmuddel an Sprachen: Plattdeutsch, Englisch, französische Lehnwörter, also alle Sprachen der Seeleute. Heute sehen wir Shantychöre als zementiertes Kulturgut an der Waterkant oft als Bestandteil des touristischen Angebots, nicht als Teil der wirklichen Seefahrt. Das mag despektierlich klingen, doch ich meine es rein faktisch. Shanty ist mehr als die Romantisierung der Seefahrt, wenn von Maden im Salzfleisch und Skorbut gesungen wird. Shantychöre sind Hüter der Tradition und des Männergesangs, auch wenn es immer häufiger eine Frau am Akkordeon gibt.

Mitsingen dürfen sie jedoch nicht, denn der kraftvolle Sound der kerligen Landratten, die zwar nie zur See fuhren, aber bei denen das Fischerhemd sich stolz über den von besungenem Wind und Wellen gestählten Bauch spannt, der darf durch eine Frauenstimme bis heute nicht verwässert werden.

Das gilt bis heute auch an Land: Eine Frau auf dem Schiff bringt Unglück. Man meint, Shantys seien Lieder, die so alt sind wie die Meere selbst, doch wirklich? Erst seit Mitte 19. Jahrhunderts sind sie nachweisbar, davor aber schon in aller Ohren. Zum Arbeitszweck „Ziehen“ wie Segelsetzen, „Drücken“ wie beim Anker lichten und zur Unterhaltung, so genannte Pollerlieder. Auch wenn die Jungs nie zu See gefahren sind, sie singen mit großer nautischer Leidenschaft und das feier ich. Singt wieder, Jungs! Hier is een, waar dat Hart jumpt, wenn ji anfangt mit: „Ik hebb maal...“

Kontakt: kolumne@zgo.de

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