Berlin Olaf Scholz ein „autistischer Rechthaber“ – na und?
Ob sich Kanzler Olaf Scholz darüber ärgert, dass ihn FDP-Frau Marie-Agnes Strack-Zimmermann als Autisten beschimpft? Warum sollte er?
Marie-Agnes Strack-Zimmermann hält Olaf Scholz für einen „krassen Rechthaber“ mit „autistischen Zügen“, den „man nicht erreicht“. Die Abrechnung der FDP-Frau mit dem SPD-Kanzler, geäußert im Interview mit unserer Redaktion, hat im politischen Berlin für Schnappatmung gesorgt. Die Aufregung ist ganz schön scheinheilig.
Das gilt zum einen für Strack-Zimmermann selbst. Nachdem ihre Worte von anderen Medien aufgegriffen und von der SPD als „Pathologisierung des Konkurrenten“ gescholten worden waren, entschuldigte sich die Spitzenkandidaten der Liberalen für die Europawahl bei allen Autisten (nicht beim Kanzler): Sie sei „über das Ziel hinausgeschossen“.
Dabei war ihre Äußerung alles andere als spontan. Spitzenpolitiker autorisieren Presse-Interviews vor dem Erscheinen. Man kann also getrost davon ausgehen, dass die Wortwahl keine versehentliche „Entgleisung“ war, sondern ein ganz gezielt gesetzter Tiefschlag gegen Olaf Scholz und seine SPD.
Ein wenig scheinheilig wirkt aber auch die Empörung der Sozialdemokraten. Deren Generalsekretär Kevin Kühnert findet nämlich, dass mit Olaf Scholz „endlich kein Neutrum mehr im Kanzleramt“ sitze, womit er Alt-Kanzlerin Angela Merkel das Frausein abspricht. Auch das ist unter der Gürtellinie.
Scheinheilig ist freilich auch die Berichterstattung. So beklagt ein Nachrichtenmagazin aus Anlass des Strack-Zimmermann-Spruches eine Verrohung der Politik-Sprache und ein Brechen des gegenseitigen Fairness-Versprechens der Parteien, um dann für ein Best-of der gruseligsten Beispiele möglichst oft geklickt zu werden. Etliche andere Medien sprangen auf den Zug auf und kritisierten die FDP-Frau scharf, anstatt sie zu ignorieren.
Besonders originell ging „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner mit Strack-Zimmermann um, die von der FDP als „Oma Courage“ plakatiert wird: „Ach, wären Sie eine Oma geblieben, die gütig ist und keine Natterzunge hat“, schrieb er, um mit den Worten zu enden: „Unsere Zeiten brauchen solche Omas.“
Ob all das den Kanzler juckt? Dass er alles besser weiß, ist ihm selbst seit langem bekannt. Dass Scholz nicht zu Gefühlsduselei neigt, ist eher hilfreich für den Job. Dass „man“ ihn nicht erreicht, sehen die Teilnehmer seiner vielen Bürgerveranstaltungen anders.
Wie dem auch sei. Es liegt ja bei den Bürgern, ob sie ihr Kreuz bei der Europawahl am Sonntag kommender Woche an Worten ausrichten oder an den Taten und Ideen der Parteien und ihrer Vertreter.