Begeistert vom Watt Aus der Großstadt an die Küste – neue Chefin im Nationalparkhaus
Melissa Hartkopf wuchs in Solingen bei Düsseldorf auf. Im Urlaub ging es immer wieder an die Nordsee, was nicht ohne Folgen blieb: Sie wurde Meeresbiologin, fand einen Job und zog her.
Carolinensiel - „Was ihr hier jetzt sehen könnt, sind die Seepocken.“ Biologin Melissa Hartkopf hat eine Handvoll schwarzen Meeresboden aufgehoben. „Die Seepocken sind eigentlich kleine Krebse, auch wenn man denen das gar nicht ansieht.“ Die 26-Jährige streicht sich mit der einen Hand eine windverwehte Strähne ihres blonden Haares hinter das Ohr, mit der anderen hält sie den Teilnehmern der Wattwanderung die stecknadelkopfkleinen Tiere hin. Interessiert beugen sich die Gäste vor.
Junge Seepocken schwimmen frei durch die Nordsee, erklärt Melissa Hartkopf. Sie suchen sich einen harten Untergrund wie Muschelschalen, Schiffsrümpfe oder auch Kühlelemente von LNG-Terminals wie dem bei Hooksiel. „Darauf kleben sie sich mit ihrem Hinterkopf fest und bauen um sich herum einen kleinen Kegel aus Kalk.“ Wie denn dann die Fortpflanzung funktioniere, fragt ein Urlauber. Die erstaunliche Antwort: „Seepocken haben einen sehr langen Penis im Verhältnis zur Körpergröße“, so die junge Biologin. „Er ist siebenmal so lang wie die Seepocke selbst. Da kann man dann beim Nachbarn in der Kolonie mal hereinpieken und gucken, ob man sich gut versteht.“
Projekt „Zukunft Nordsee“
Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Zukunft Nordsee“ von Ostfriesen-Zeitung, General-Anzeiger, Borkumer Zeitung, Nordsee-Zeitung, Kreiszeitung Wesermarsch und Deutscher Presse-Agentur (DPA). In dieser Serie beschäftigen wir uns mit Themen, die für die gesamte Küstenregion relevant sind – zum Beispiel mit dem Klimawandel, erneuerbaren Energien, der Entwicklung der Wirtschaft und dem Tourismus.
Faszination im Watt
Auf dem Festland am Horizont bevölkern an diesem sonnigen Tag im Mai hunderte Urlaubsgäste den Strand von Harlesiel. Etwa einen Kilometer weit draußen im Watt geht die Wanderung weiter: Der Schlick gibt die Füße nur widerwillig und mit einem schmatzenden Geräusch frei. Das Watt ist bei jedem Besuch anders – das macht für Melissa Hartkopf die Faszination dieses einmaligen Ökosystems mit seinen 10.000 hoch spezialisierten Tier- und Pflanzenarten aus. „Das Wetter ist immer ein anderes, der Boden ist nie derselbe. Und dann diese absolute Artenvielfalt!“
Die neue Leiterin des Nationalpark-Hauses in Carolinensiel ist in Solingen aufgewachsen, einer Großstadt im dicht bevölkerten Nordrhein-Westfalen. Im Urlaub wollte ihr Vater immer in die Berge, ihre Mutter zog es an die Nordsee, erzählt die junge Frau. Man wechselte sich ab und so machte die kleine Melissa ihre ersten Schritte auf der Insel Borkum. Sie verliebte sich in Wind und Weite, in den Geruch nach Tang und Salz.
Sehnsucht nach der Nordsee
„Die Nordsee ist für mich ein Sehnsuchtsort: die Offenheit und das etwas Wilde der Natur. Auch die Menschen hier finde ich sehr, sehr sympathisch“, sagt die 26-Jährige. Die Ostfriesen lernte sie nach dem Abitur näher kennen. Dem schloss sie nämlich ein Jahr Bundesfreiwilligendienst im Nationalpark-Haus Dornumersiel an. Schon als Schülerin hatte sie das Paarungsverhalten von Fischen erforscht, ein Studium der Biologie lag da nahe. Gefolgt von einem Masterstudium im Fach Marine Umweltwissenschaften an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über das Schwinden der Seegraswiesen an der niedersächsischen Nordseeküste.
Mit dem Abschluss in der Tasche kehrte Melissa Hartkopf 2023 ins Nationalpark-Haus in Dornumersiel zurück, diesmal als hauptamtliche Mitarbeiterin. Als Anfang dieses Jahres die Stelle der Leiterin des Nationalpark-Hauses in Carolinensiel frei wurde, bewarb sie sich erfolgreich. Mit 26 Jahren ist sie nun Chefin von drei festangestellten Kolleginnen und zwei jungen Leuten, die wie sie damals ein Freiwilliges Soziales Jahr im Nationalpark machen. Trotz vieler Verwaltungsaufgaben führt sie sehr gerne weiter Touren durchs Watt an.
Arbeit im Nationalpark-Haus
An der niedersächsischen Küste gibt es insgesamt 18 Nationalpark-Häuser. Ihre Hauptaufgabe ist, einer breiten Öffentlichkeit die Besonderheiten des Lebensraumes Wattenmeer nahe zu bringen. Immerhin wurde dieser 2009 von der UNESCO als Welterbe der Menschheit ausgezeichnet. Melissa Hartkopf findet es darum auch besonders wichtig, dass regelmäßig Schulklassen das Nationalpark-Haus in Carolinensiel besuchen.
Von den Millionen von Touristen, die vor allem im Sommer an die Küste strömen, kämen 15 Prozent nur wegen des Nationalparks Wattenmeer, sagt die Biologin. „Als Leiterin einer Umweltbildungseinrichtung würde ich mir natürlich wünschen, dass der Nationalpark bei noch mehr Gästen im Bewusstsein ist.“ Hartkopf wünscht sich auch mehr Nachhaltigkeit im Küstentourismus: So reisten drei Viertel aller Gäste mit dem Auto an und seien dann auch im Urlaub hier mit dem Pkw unterwegs. Für Urlauber und Einheimische müsse es mehr Busse und Bahnen in der Region geben, findet sie. An sich sei der Tourismus aber eine gute Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen.
Angekommen in Ostfriesland
Melissa Hartkopf ist an ihrem Sehnsuchtsort Ostfriesland angekommen: Sie und ihr Freund haben mit viel Glück ein kleines Haus in Nessmersiel kaufen können, das sie nun renovieren. Der Tipp kam von Sportskollegen im Badminton-Verein in Dornumersiel. Dort ist sie seit acht Jahren Mitglied und fährt immer noch zweimal in der Woche zum Training hin.
Melissa Hartkopf spielt ansonsten in ihrer Freizeit gerne Rock’n’Roll auf der E-Gitarre und ist mit ihrem Hund Porthos unterwegs, benannt nach einem der drei Musketiere. Der dreijährige Schäferhund-Leonberger-Mix aus dem spanischen Tierschutz darf auch ins Nationalpark-Haus mitkommen, wo er sehr beliebt ist. Zur Not geht Porthos auch mit ins Watt, erzählt Hartkopf. Er mag aber seine Neoprensocken nicht.
Das Häuschen in Nessmersiel liegt nur zwei Kilometer von der Nordsee entfernt, die die Biologin so fasziniert. Warum? „Weil es immer ein Geheimnis bleibt, eine riesige Welt mit eigenen Regeln, von denen wir vieles noch nicht wissen.“ Das große Unbekannte direkt vor der Haustür könne bedrohlich sein, sagt sie, „aber wir alle wären nichts ohne das Meer“.