Hamburg Wieso kann man beim Musikhören manchmal den nächsten Song vorhersagen?
Haben Sie beim Musikhören auch schonmal das nächste Lied richtig vorhergesagt? Dann sind Sie damit nicht alleine. Handelt es sich hierbei um reines Glück – oder gibt es andere Erklärungen dafür?
Wer häufig Radio oder zufällige Musik-Playlists hört, kennt das Phänomen vielleicht: Während sich ein Song dem Ende zuneigt, spekuliert man, welches Musikstück als Nächstes laufen könnte. Wird dann aus der riesigen Auswahl an Liedern tatsächlich dieses eine gespielt, ist man von sich selbst verblüfft.
Einigen Menschen ist das tatsächlich schon häufiger passiert. Auf der Plattform Reddit berichten mehrere Nutzer, wie sie sich immer wieder dabei erwischen, dass sie den nächsten Song richtig vorhersagen können. Um pures Glück handelt es sich hierbei also wohl eher nicht. Aber was steckt dann dahinter?
Ganz so einig sind sich die Musikforscher diesbezüglich nicht, denn eine Studie speziell zu diesem Phänomen gibt es nicht. Allerdings gibt es mehrere Erklärungsansätze.
Eine Möglichkeit ist, dass sich ein Song im Radio durch wiederholtes Hören unterbewusst im Gedächtnis festsetzt und man im späteren Verlauf immer wieder mit diesem Song rechnet – bis er dann tatsächlich nochmal gespielt wird. Der Datenexperte Paul Leclercq hat in einem einjährigen Experiment das Songspielverhalten von vier verbreiteten, französischen Radiosendern beobachtet und ausgewertet. Das Ergebnis: Im Schnitt wurde ein Lied alle sieben bis acht Stunden wiederholt. Manchmal waren es sogar nur zwei bis drei Stunden, bis das Musikstück erneut zu hören war.
Eine weitere Möglichkeit ist, dass sich in den Wiedergabelisten von Radiosendern und Streaming-Plattformen Muster verbergen, die sich wiederholen.
In mehreren Internetforen erklären Radio-Mitarbeiter, wie ihre Radiostationen die zu spielenden Lieder auswählen. Demnach würden die Songs in verschiedene Listen kategorisiert (beispielsweise nach Erscheinungsjahrzehnt sortiert) und vom Sender ein Muster festgelegt werden, wie viele Songs pro Liste pro Stunde ausgespielt werden. Entscheidet sich ein Sender also, pro Stunde vier Songs aus den 2000ern, drei Songs aus den 90ern und zwei Songs aus den 80ern zu spielen, könnte das Gehirn dieses Muster unterbewusst wahrnehmen und so wiederum die Vorhersage eines speziellen Songs erleichtern.
Simon Dixon, stellvertretender Direktor des Zentrums für digitale Musik an der Queen-Mary-Universität in London, hält es zudem für denkbar, dass manche Wiedergabelisten hin und wieder in identischer Zusammenstellung auftauchen: „Meine Vermutung als Informatiker ist, dass Wiedergabelisten Muster enthalten. Wenn man nur Radiostationen betrachtet, könnte es sein, dass sie faul sind und Abfolgen wiederholen – oder dass sie das ‚Playlisting‘ an dasselbe Unternehmen auslagern“, teilt er unserer Redaktion mit.
Und wie sieht es bei zufälligen Playlists von beispielsweise Spotify oder Apple Music aus? Auch da scheinen sich Muster abzubilden – die allerdings ungewollt von den Streaming-Anbietern sind. Im Spotify-Hilfecenter wurde beispielsweise bestätigt, dass die „Shuffle“-Funktion eine Zeit lang nicht ordnungsgemäß funktioniert hat. Dadurch wurden manche Songs einer Playlist gar nicht gespielt – und andere immer wieder in der gleichen Reihenfolge. Das gleiche Verhalten haben Nutzer bei Apple Music festgestellt. Ob dieser Fehler inzwischen behoben ist oder noch immer auftaucht, ist nicht bekannt.
Vorstellbar ist auch, dass die Vorhersage gerade dann klappt, wenn zwei zufällig aufeinanderfolgende Lieder eine ähnliche Struktur bei Rhythmik, Harmonie oder Melodie aufweisen.
Klar ist, dass das Gehirn gerne Vorhersagen beim Musikhören macht. Laut der Studie „Music in the Brain“, erschienen im wissenschaftlichen Magazin „Nature Reviews Neuroscience“, gewöhnt sich das Gehirn an Muster bei diesen drei Elementen – und setzt verschiedene Emotionen frei, wenn das Muster eingehalten wird oder unerwartet bricht.
Die Studie bezieht sich jedoch ausschließlich auf Vorhersagen innerhalb eines Liedes. Ob sich diese Prognose anhand von Musikstruktur auch über zwei verschiedene Lieder erstrecken kann, ist wissenschaftlich noch nicht erforscht.
Es könnte aber auch sein, dass uns das Gehirn beim Musikhören einfach täuscht. „In der Tat ist es so, dass wir in Bruchteilen von Sekunden eines Liedes sehr viel Information herausziehen können“, erklärt Gunter Kreuz, Musikpsychologe an der Universität Oldenburg, unserer Redaktion. Dadurch könne es beim Erklingen des ersten Tons so wirken, als hätten wir schon vorher gewusst, welcher Song als Nächstes kommt.
Entsprechende Experimente, die diesem Ansatz auf den Grund gehen, waren ihm jedoch nicht bekannt. Hier bliebe auch die Frage offen, wieso die Vorhersage dann nicht regelmäßig klappt.