Osnabrück  „Nach Haus“: Liedermacher Reinhard Mey zieht seine Deutschland-Bilanz

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 25.05.2024 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Seit Jahrzehnten der wichtigste deutsche Liedermacher: Reinhard Mey. Foto: dpa/Ingo Wagner
Seit Jahrzehnten der wichtigste deutsche Liedermacher: Reinhard Mey. Foto: dpa/Ingo Wagner
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Er ist der Barde des milden Protests, die Stimme bundesdeutscher Befindlichkeiten – und das seit Jahrzehnten. Reinhard Mey hat noch einmal ein neues Album herausgebracht. Ist das der alte Reinhard Mey?

Wie Orpheus wollte er einst singen. Zart und jugendlich klingt Reinhard Meys Stimme 1964 bei diesem Beginn. Geschlagene sechzig Jahre später erkenne ich das Timbre immer noch wieder. Die Stimme klingt wieder leise. Und dieses Mal nach manchem gelebten Jahr. Reinhard Mey ist einst aufgebrochen. Jetzt will er „Nach Haus“. So heißt sein neues Album.

„Das Raunen in den Bäumen“, „Nichts ist für immer“ und „Nota bene“: Können Lieder, die so heißen, mehr sein als Nostalgietrips für Menschen, die mit Reinhard Mey älter geworden sind? Offenbar schon. Mit seiner neuen CD belegt Mey sofort den ersten Platz der deutschen Album-Charts. Taylor Swift folgt auf Platz vier. Wirklich?

Ich finde das gar nicht so erstaunlich und dass nicht allein, weil mich Taylor Swift nicht sonderlich berührt. Reinhard Mey kommt aus einer Zeit, in der es noch Liedermacher gab. Allein das Wort klingt nach einer verschollenen Epoche jener Kultur für Alle, die mithelfen sollte beim großen Reformprojekt einer wirklich offenen Gesellschaft.

Jetzt macht Reinhard Mey dieser Agenda den Kassensturz. Er erinnert an eine Generation, die Väter und Onkel im Zweiten Weltkrieg verlor. Reinhard Mey gehört zu ihr. Altkanzler Gerhard Schröder auch. Mey spannt den Bogen von der großen Politik zum privaten Schicksal, blickt kritisch auf die deutsche Einheit und auf zerplatzte Träume vom Glück zu zweit. Das klingt nach Zeitkritik und Toskana-Fraktion, nach Lebensgefühl und Lifestyle einer Generation, die nicht mehr nach vorn, sondern in den Rückspiegel schaut.

Reinhard Mey schreibt auch die kollektive Geschichte einer skeptischen und zugleich pragmatischen Generation auf. Die Boomer sind mit seinen Liedern groß geworden, haben versonnen „Gute Nacht, Freunde“ gehört, zu „Annabell, ach Annabell“ Tränen gelacht oder mit „Über den Wolken“ ihren Traum der Selbstverwirklichung geträumt, ob mit oder ohne Pilotenschein.

Und jetzt die Bilanz. Reinhard Meys Stimme klingt wie gewohnt, nur ein wenig schmaler. Er schaut schon voraus auf den Moment, in dem Nachfahren die Schnipsel seiner Ideen für ungeschriebene Lieder in der Schreibtischschublade finden werden. Er reicht alter Liebe die Hand, klampft noch einmal mit Hannes Wader wie mit einem alten Kampfgefährten. Götz Alsmann darf auf der Ukulele mitspielen.

Das Leben war, pardon, ist schön mit Reinhard Mey. Auch deshalb, weil es in diesen Liedern seine Schwächen zeigt. Da klingt manche Zeitkritik wie eine Pflichtübung, manches Liebeslied doch etwas konventionell. Reinhard Meys Lieder hatten Witz und Pfiff. Jetzt weht durch sie ein Abschiedshauch.

Die Bundesrepublik feiert 75 Jahre Grundgesetz. Reinhard Mey singt seine Lieder. Für mich passt das zusammen, denn dieser Liedermacher spiegelt die Mentalität einer jungen Republik und ihrer Aufbrüche wie sonst nur wenige Künstler. Bei allem Rückblick: Ein neues Album von Reinhard Mey ist da. Immerhin. Allein das stimmt mich heiter. 

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