Vietnamesen in Norddeich  Was aus den ostfriesischen Boatpeople wurde

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 24.05.2024 10:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Schwerpunkt von Klaus Rinschedes Arbeit (links) ist bis heute die Betreuung von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen. Auch Nga Tan-Nguyen (Mitte) und ihr Mann Khac Diep Nguyen mussten einst ihre alte Heimat verlassen. Foto: Hillebrand
Ein Schwerpunkt von Klaus Rinschedes Arbeit (links) ist bis heute die Betreuung von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen. Auch Nga Tan-Nguyen (Mitte) und ihr Mann Khac Diep Nguyen mussten einst ihre alte Heimat verlassen. Foto: Hillebrand
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Als 1978 die ersten Boatpeople Deutschland erreichten, kamen die meisten von ihnen zunächst nach Norddeich. Heute fallen sie im Stadtbild aber nicht stärker auf als anderswo. Warum ist das so?

Norddeich - Wenn viele Menschen auswandern, hinterlässt das in ihrer neuen Heimat oft Spuren. Sprachlich wie kulturell. Manchmal verändert sich gar das gesamte Bild einer Stadt oder zumindest eines Stadtteils, wie zum Beispiel im Falle der Chinatowns in den USA. In Norddeich hingegen hat es eine solche Entwicklung mit den Boatpeople nie gegeben – zumindest auf den ersten Blick. Dabei spielte der Norder Stadtteil einst eine wichtige Rolle bei der Aufnahme dieser geflüchteten Vietnamesen.

Nachdem der kommunistische Viet Cong im Jahr 1975 den Vietnamkrieg gewann, flohen in den Folgejahren mehr als eine Million Bewohner über das Südchinesische Meer. Insgesamt 250.000 von ihnen fanden den Tod. Hilfsorganisationen begannen, die Menschen aus dem Meer zu retten und sie auch nach Deutschland zu bringen – zunächst nach Niedersachsen. Zu Beginn kam mehr als jeder zweite dieser Geflüchteten dort ab dem Jahreswechsel 1978/79 im Sozialwerk Nazareth unter. Bis dato hatte sich die Norddeicher Einrichtung, die damals noch Freizeit- und Heimstätte Nazareth hieß, nur um die Betreuung von Gästen, Kindergartenkindern und Menschen mit Behinderung gekümmert.

Warum die einen blieben

Ende der 70er Jahre hatte die Stadt Norden gut 24.000 Einwohner, während insgesamt 3155 der westdeutschlandweit 40.000 Boatpeople im Sozialwerk unterkamen. Was hält einige von ihnen bis heute in Ostfriesland, während es viele andere inzwischen wegzog? Über diese und weitere Fragen hat unsere Zeitung mit dem heutigen Sozialwerk-Geschäftsführer Klaus Rinschede sowie mit Nga Tan-Nguyen und ihrem Mann Khac Diep Nguyen in Norddeich gesprochen. Der 51-Jährige kam 1985 im Rahmen der humanitären Zusammenführung nach Deutschland. Die 50-Jährige floh 1980 zusammen mit fünf Geschwistern über das Meer – ohne Eltern. Bis heute lebt das Paar in Norden und will es auch weiterhin. Immerhin sind sie hier sehr verwurzelt, wie im Gespräch deutlich wird. Zwar sei der Anfang schwer gewesen, betont Nga Tan-Nguyen, die „ständig geweint“ habe und sich zunächst nicht anpassen wollte. Den Spielkreis und den Turnverein habe sie aber geliebt und sich schließlich nach und nach doch an das neue Leben gewöhnt.

Ihr Mann spricht indes nur von der „schönen Kindheit“ in Deutschland. „Durch die Schule, die Vereine und die Kirche haben wir sehr schnell Anschluss gefunden“, so Khac Diep Nguyen, der als Jugendlicher zum Beispiel auch Pfadfinder war. „Unsere Eltern sowie die meisten Erwachsenen hatten nach dem Deutschkurs alle schnell Arbeit gefunden.“ Er selbst machte eine Ausbildung zum Lageristen und arbeitet seitdem für die Glave-Gruppe in Norden. „Ein Umzug oder ein anderes Leben kann ich mir nicht vorstellen. Hier bin ich zu Hause.“

Die Maiandachten der vietnamesischen Gemeinschaft stellen einen der Höhepunkte im Kirchenkalender dar. Dazu gehören auch Umzüge mit einer vietnamesischen Madonnen-Statue und Blumentänze. Foto: Privat
Die Maiandachten der vietnamesischen Gemeinschaft stellen einen der Höhepunkte im Kirchenkalender dar. Dazu gehören auch Umzüge mit einer vietnamesischen Madonnen-Statue und Blumentänze. Foto: Privat

Buddhisten fehlte Anschluss

So engagiert sich das Paar auch stark in der katholischen vietnamesischen Gemeinschaft innerhalb der katholischen Kirchengemeinde St. Ludgerus in Norden. Insgesamt gehören dieser etwa 60 Familien an. Laut Khac Diep Nguyen sind nämlich bis heute sieben Millionen Menschen in Vietnam Katholiken, was sieben Prozent der Gesamtbevölkerung ausmache. Die Mehrheit der Bewohner praktiziere jedoch Volksreligionen. Zudem gebe es noch zwölf Prozent Buddhisten, die ebenfalls einen großen Teil der Boatpeople ausmachen. Während die Christen unter ihnen in Ostfriesland schnell Anschluss fanden, sei es für die Buddhisten allerdings schwieriger gewesen. Sie seien oftmals weiter in den Raum Hannover gezogen, wo es für sie die nächste Glaubensgemeinschaft samt Pagode gegeben habe.

Städte werben Boatpeople ab

Andere Vietnamesen habe es nach der Schule und Ausbildung in die großen Städte gezogen, wo sie sich mehr Perspektiven erhofften. Oder sie mussten dort von vornherein hin, um studieren zu können, nennen die Nguyens und Rinschede beim Gespräch in Norddeich weitere Wegzugsgründe. Laut dem Sozialwerk-Geschäftsführer hätten die Vietnamesen immer den Ruf gehabt, „fähige Leute“ zu sein, weshalb es auch dazu gekommen sei, dass andere Städte sie aus Ostfriesland abwarben. „Einer Freundin von uns wurde zum Beispiel ein Ausbildungsplatz und eine eigene Wohnung in Georgsmarienhütte angeboten. Dort lebt sie bis heute mit ihrer Familie und arbeitet immer noch in der Stadtverwaltung“, so Khac Diep Nguyen, der auch Sprecher der vietnamesischen Gemeinschaft ist. Rinschede ergänzt, dass weitere Boatpeople durch Verwandte oder Bekannte nachgeholt wurden, die bereits andernorts lebten.

Das Bild zeigt Vietnamesen bei einem Deutschkurs im Sozialwerk. Laut Klaus Rinschede muss es zwischen 1978 und 1982 entstanden sein. Foto: Sozialwerk Nazareth
Das Bild zeigt Vietnamesen bei einem Deutschkurs im Sozialwerk. Laut Klaus Rinschede muss es zwischen 1978 und 1982 entstanden sein. Foto: Sozialwerk Nazareth

Das erklärt auch, warum das Paar in allen Ecken von Deutschland immer mal wieder auf andere gebürtige Vietnamesen trifft, die selbst einst im Sozialwerk lebten. Jeder von ihnen habe gute Erinnerungen an diese Zeit, versichern die beiden. Einige hätten es laut ihnen im Nachhinein gar bereut, weggezogen zu sein, weil sie damals nicht damit gerechnet hätten, wie sich Norden-Norddeich weiterentwickele. So beschreibt auch Rinschede den Ort mit einem Augenzwinkern eher als den „Anfang der Welt“ und nicht – wie andere – als dessen Ende.

Ausstellung geplant

Auch wenn für Nga Tan-Nguyen und Khac Diep Nguyen der Kontakt zu anderen Vietnamesen und die Erinnerung an ihre Herkunft bis heute sehr wichtig sind, wie sie betonen, merke man aber gleichzeitig auch, wie lange die Boatpeople schon in Deutschland leben. So sei es beispielsweise inzwischen unter ihnen gängig, den eigenen Kindern einen deutschen Vornamen zu geben. „Nach über vierzig Jahren hat kaum ein Boatpeople Heimweh“, sagt Khac Diep Nguyen.

Um an deren Schicksal zu erinnern, engagieren sich der 51-Jährige und seine Frau in einem Arbeitskreis der Norder Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld. Dieser plant in dem Museum eine Dauerausstellung zur Geschichte der Boatpeople in Ostfriesland – auch mithilfe der buddhistischen Vietnamesen. „Derzeit befinden wir uns noch in der Finanzierungsphase“, sagt auf Nachfrage unserer Redaktion Lennart Bohne, pädagogischer Leiter der Gnadenkirche. Zwar hatte es ab September 2017 bereits im Ostfriesischen Teemuseum in Norden eine Sonderausstellung zu dem Thema gegeben, die auch den Anstoß für die geplante Dauerausstellung gab. Nun soll jedoch „vieles Neues“ dazukommen – sowohl an Ausstellungstücken als auch an Videointerviews mit den Betroffenen, kündigt Bohne an. Zudem sind bauliche Maßnahmen erforderlich. Zum genauen Zeitplan könne er zwar noch nichts sagen. Man sei aber „guter Dinge“ und sehe den Bund und das Land Niedersachsen als Hauptsäulen für die Finanzierung.

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