Hamburg  Howard Carpendale überzeugt: Bald wird es kaum noch große Stars geben

Dagmar Leischow
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Von Dagmar Leischow
| 20.05.2024 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit 78 Jahren wieder auf Tour: Sänger Howard Carpendale. Foto: Michael de Boer
Mit 78 Jahren wieder auf Tour: Sänger Howard Carpendale. Foto: Michael de Boer
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75 Millionen verkaufte Tonträger sprechen für sich. Doch der Sänger mit dem markanten Akzent hat noch viel zu sagen. Ein Interview über das Glück in Krisenzeiten, eine Begegnung mit Donald Trump und die Zukunft des Schlagers.

Pünktlich zur verabredeten Zeit klingelt das Telefon. Howard Carpendales Manager stellt eine Verbindung zum Sänger her. Dessen Akzent ist unverkennbar, sein Erfolg beachtlich. Über 75 Millionen Tonträger hat der gebürtige Südafrikaner verkauft. Sein Album „Let‘s do it again“ stand 2023 auf Platz zwei der Charts. Im Hamburger Schmidtchen feierte zuletzt „Spuren im Sand“ Premiere, eine Hommage und Parodie zugleich. Mit Persiflagen hat der souveräne 78-Jährige keinerlei Probleme, wohl aber mit der Politik der Plattenfirmen.

Frage: Herr Carpendale, wollen Sie sich mit Ihrer „Let‘s do it again!“-Tournee endgültig von der Bühne verabschieden?

Antwort: Nein. Ich möchte lediglich keine Alben mehr aufnehmen. In erster Linie ist das der Tatsache geschuldet, dass ich mich auf diesem neuen Weg mit Streaming nicht so besonders wohlfühle.

Frage: Wie sieht Ihrer Ansicht nach die Zukunft der Musikindustrie aus?

Antwort: Ich glaube, das Publikum hat immer noch nicht ganz verstanden, wie sich die Musikszene verändern wird. Es wird kaum noch Stars geben – abgesehen von Superstars wie Taylor Swift. Ansonsten werden immer wieder Namen auftauchen, von denen noch nie jemand gehört hat und von denen man wahrscheinlich nur ein-, zweimal hören wird. Immer mehr junge Leute werden zuhause Songs aufnehmen und hochladen, weil sie von einem Hit träumen. Das ist irgendwie schön, doch ich werde die alte Musikbranche schon vermissen.

Frage: Sprechen wir über Ihr Album „Let‘s do it again“. Definieren Sie „Weiße Tauben“ als Ihr ganz persönliches Friedenslied?

Antwort: Es ist mir einfach ein Bedürfnis, über etwas zu singen, was mich bewegt. Auf meinem Album findet sich noch ein weiterer Titel, der eine ähnliche Frage stellt: Was machen wir mit dieser Welt? Im Laufe meiner Karriere habe ich immer wieder sehr emotionale politische Lieder gesungen. Weil es mir einfach ein Bedürfnis ist, Haltung zu zeigen.

Frage: Stimmt es, dass Sie privat ein Nachrichten-Junkie sind?

Antwort: Kein Mensch kann sich mit all den Dingen befassen, die im Moment schieflaufen. Wir haben so viele Krisensituationen – vom Klimawandel über Immigration bis zu Kriegen. Das ist ein bisschen zu viel für einen Einzelnen. Mich interessiert gegenwärtig sehr, was in Amerika passiert. Denn die USA haben den Schlüssel zu den meisten Krisen, die wir in unserer Welt haben.

Frage: Sie haben 15 Jahre in Amerika gelebt. Bereitet Ihnen die nächste US-Wahl Sorgen?

Antwort: Ja. Egal, was passiert – ich sehe keinen guten Ausgang. Jetzt haben wir auch noch einen dritten Kandidaten namens Kennedy bekommen. Vermutlich wird er Biden sehr viele Stimmen wegnehmen.

Frage: Sie haben Donald Trump einmal persönlich getroffen. Wie ist Ihnen diese Begegnung in Erinnerung geblieben?

Antwort: Ach, das war eigentlich ganz lustig. In einem Golfclub kam er zu uns an den Tisch, er hat ein paar Worte gesagt und ging dann wieder. Dass ich dem mächtigsten Menschen der Welt in so einer Situation begegnet bin, hat bei mir das Gefühl hinterlassen: Ich bin zumindest verpflichtet, mich zu informieren, wie das Ganze weitergeht.

Frage: Welche Emotionen löst die derzeitige politische Lage bei Ihnen aus?

Antwort: Vieles von dem, was in unserer Welt passiert, finde ich erschreckend. Wenn mir jemand die Frage „Bist du glücklich?“ stellt, tue ich mich schwer damit, mit einem schlichten „Ja“ zu antworten. Ich weiß nicht, wie jemand in Anbetracht der zahlreichen Probleme behaupten kann, er sei glücklich. So viele Kinder sterben, so viele Menschen, die unschuldig sind. Das bewegt mich schon sehr.

Frage: Zurück zur Musik: Warum tun Sie sich mit dem Begriff Schlager so schwer?

Antwort: Wenn man vom Schlager spricht, dann fallen die Amigos ebenso in diese Kategorie wie Udo Jürgens. Diese Spanne ist mir persönlich ein bisschen zu weit. Meiner Ansicht nach sollte man stärker differenzieren.

Frage: Bei Ihren Auftritten wollen Ihre Fans „Ti amo“ und „Tür an Tür mit Alice“ hören. Sind diese Hits für Sie Fluch und Segen zugleich?

Antwort: Nein. Ich gebe zu, dass ich die Originalfassung von „Das schöne Mädchen von Seite 1“ heute nicht mehr mit vollem Elan singen könnte. Darum wurde es sehr verändert. Es ist jetzt eine Rapversion, mit der ich über mich selber lache. Das Publikum liebt diese Fassung. Man muss eben die ganzen alten Hits so präsentieren, dass sie wieder Spaß machen.

Howard Carpendale tritt am Mittwoch, 29. Mai, 20 Uhr, in der Barclays Arena in Hamburg auf. Karten und weitere Informationen unter www.semmel.de

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