Zebrastreifen und Ampeln aus  Zu Fuß, mit Rad oder Auto – wer hat in der Emder Neutorstraße Vorrang?

Mona Hanssen Heiko Müller
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Von Mona Hanssen und Heiko Müller
| 24.05.2024 12:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Fußgänger und Radfahrer werden netterweise von einem Autofahrer an der ausgeschalteten Ampel vorgelassen. Vorrang haben aber die Verkehrsteilnehmer auf der Neutorstraße. Fotos: Hanssen
Fußgänger und Radfahrer werden netterweise von einem Autofahrer an der ausgeschalteten Ampel vorgelassen. Vorrang haben aber die Verkehrsteilnehmer auf der Neutorstraße. Fotos: Hanssen
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Am 8. Mai wurde ein Radfahrer beim Zusammenstoß mit einem Auto auf dem Zebrastreifen vor dem Rathaus in Emden schwer verletzt. Wie oft kommt es zu Konflikten in der Neutorstraße? Welche Regeln gelten?

Emden - Wer zu Fuß, mit dem Rad oder Auto auf der Emder Neutorstraße unterwegs ist, scheint sich mitunter die Frage zu stellen: Wer hat denn hier jetzt Vorrang? Zur Erinnerung: Seit August 2021 liefen in der vielbefahrenen Neutorstraße im Abschnitt Agterum bis Rathausvorplatz zunächst Verkehrsexperimente. Im März 2023 waren diese beendet und man hatte sich auf eine finale Lösung geeinigt, die baulich noch umgesetzt werden muss.

Die Neutorstraße soll demnach saniert werden, damit die aktuelle Einbahnstraßen-Verkehrsführung mit breiten Radstreifen besser zur Geltung kommt. Wann die Arbeiten starten, ist aber weiterhin unklar. Die Verwaltung hatte zuletzt immer davon gesprochen, dass die Sanierung Mitte 2026 abgeschlossen sein soll. Im Mai 2023 war die Straße für die Übergangszeit neu markiert worden. Seit Juli ist die Ampel vor dem alten Rathaus ausgeschaltet, damit der Verkehr besser fließt. Seit September 2023 ist der Zebrastreifen zwischen Rathaus und Delft aufgetragen.

Wer hat Vorrang an ausgeschalteten Ampeln?

Häufig beobachtet man Fußgänger und Radfahrer, die an den ausgeschalteten Ampeln vor dem Rathaus stehen und nicht so recht wissen, ob sie die Neutorstraße einfach so überqueren dürfen und welche Regeln dabei gelten. Das betrifft den Übergang vom Rathausvorplatz zum Stadtgarten und vom Stadtgarten zum Delft. Insbesondere Gäste der Stadt stehen hier auch mal etwas länger.

Zwischen dem Rathaus und dem Delft ist ein Zebrastreifen. Hier haben Fußgänger Vorrang. Für Autos untereinander gilt: Die Neutorstraße ist Vorfahrtsstraße.
Zwischen dem Rathaus und dem Delft ist ein Zebrastreifen. Hier haben Fußgänger Vorrang. Für Autos untereinander gilt: Die Neutorstraße ist Vorfahrtsstraße.

Klar ist, so erklärt auf Nachfrage Hinrich Post, Leiter des Fachdienstes Straßenverkehr, dass die Fußgänger dort „unter Berücksichtigung des vorrangigen fließenden Verkehres queren“ dürfen. Heißt: Sie müssen beim Überweg zwischen Rathaus und Stadtgarten Rücksicht auf die Autos, die nur vom Agterum aus gefahren kommen, und Fahrräder, die aus beiden Richtungen kommen können, auf der Neutorstraße nehmen. Beim Überweg zwischen Stadtgarten und Delft können aus beiden Seiten sowohl Autos als auch Räder kommen. Hier gilt also besondere Vorsicht. Sie dürfen sich demnach nicht darauf verlassen, dass Autos und Räder für sie halten. Aus eigener Erfahrung heraus hilft der Blickkontakt. Viele Autofahrer lassen Fußgängern oder Radfahrern, die die Neutorstraße kreuzen wollen, freundlicherweise den Vortritt. Erwarten darf man das aber nicht.

Was gilt bei den Zebrastreifen?

Im Abschnitt der Neutorstraße zwischen den Neutor-Arkaden und dem Rathaus sind drei Zebrastreifen. Die Straßenverkehrsordnung gibt klar vor, dass an diesen Überwegen Fußgänger sowie Menschen im Rollstuhl oder Krankenfahrstühlen Vorrang vor Auto- und Radfahrern haben.

Radfahrer, die den Zebrastreifen nutzen wollen, dürfen dies. Aber: Nur wenn sie absteigen und schieben, haben sie Vorrang. Fahren sie über den Zebrastreifen, dann müssen kreuzende Auto- und Radfahrer theoretisch nicht halten. Dem Radfahrer können sogar Bußgelder drohen, wenn Autos seinetwegen bremsen oder halten müssen.

Warum keine Zebrastreifen an allen ausgeschalteten Ampeln?

Manch einem Bürger und offenbar auch der Emder SPD ist nicht ganz klar, warum dort, wo die Ampeln ausgeschaltet sind, keine Zebrastreifen für mehr Sicherheit für Fußgänger sorgen. Gregor Strelow, für die SPD im Emder Rat, hatte bei der Stadt beantragt, zu prüfen, ob Zebrastreifen zwischen Stadtgarten und Rathaus, vom Stadtgarten zum Delft sowie beim Hafentor auf Höhe des Fischimbisses eingerichtet werden können. „Im Rahmen der Verkehrssicherheit und hier insbesondere für Radfahrer und Fußgänger stellt die aktuelle Verkehrssituation für alle Verkehrsteilnehmer*Innen eine Herausforderung dar bzw. soll auch zur weiteren Steigerung der Innenstadtattraktivität beitragen“, heißt es in der Begründung zu dem Antrag.

Zwischen dem Rathaus und dem Delft ist ein Zebrastreifen. Hier haben Fußgänger Vorrang. Für Autos untereinander gilt: Die Neutorstraße ist Vorfahrtsstraße.
Zwischen dem Rathaus und dem Delft ist ein Zebrastreifen. Hier haben Fußgänger Vorrang. Für Autos untereinander gilt: Die Neutorstraße ist Vorfahrtsstraße.

Die Stadt sieht aber keinen Handlungsbedarf, wie Hinrich Post am Donnerstag, 23. Mai 2024, im Ratsausschuss für öffentliche Sicherheit, Ordnung und Bürgerservice erklärte. Demnach wird es es keine weiteren Zebrastreifen vor dem Rathaus geben, „weil in zumutbarer Entfernung Fußgängerüberwege (FGÜ) und Querungshilfen vorhanden sind“. Eine Anordnung solcher Überwege nach dem Gießkannenprinzip wäre nicht zulässig und dem gesamten Verkehrsablauf eher hinderlich, schreibt er.

Sieht die Stadt Handlungsbedarf?

Bei der auf der Neutorstraße in dem Bereich für Autos zulässigen Geschwindigkeit von Tempo 20 sei ein Queren auch ohne Hilfe, gegebenenfalls mit kurzen Wartezeiten, jederzeit möglich. Auch gegenüber der SPD heißt es, dass weitere Zebrastreifen nicht nötig seien.

An der Einmündung der Straße Am Delft werden Autofahrer auf das auf dem Rathausplatz geltende Temp 30 aufmerksam gemacht. Die Markierungen wurden am Freitag, 24. Mai2024, aufgebracht. Foto: H. Müller
An der Einmündung der Straße Am Delft werden Autofahrer auf das auf dem Rathausplatz geltende Temp 30 aufmerksam gemacht. Die Markierungen wurden am Freitag, 24. Mai2024, aufgebracht. Foto: H. Müller

Der Abschnitt der Neutorstraße sei „ausreichend als verkehrsberuhigter Geschäftsbereich beschildert“, meint Hinrich Post. Hier sei mit ständigen Querungen durch Fußgänger zu rechnen. „Letztendlich ist davon auszugehen, dass jeder Fußgänger weiß, wie er sich beim Überqueren von Straßen OHNE Querungshilfe [...] zu verhalten hat“, so der Fachdienstleiter [Hinweis der Redaktion: Wortbetonung im Original]. Aus der Bevölkerung habe es zur Verkehrssituation dort bislang auch kaum Fragen beziehungsweise Anregungen gegeben.

Was sagt die Polizei?

Und was sagt die Polizei? „Der Polizei Emden ist bekannt, dass die Verkehrssituation derzeit als unübersichtlich wahrgenommen werden kann“, schreibt Svenia Temmen, Sprecherin der Polizeiinspektion Leer/Emden auf Nachfrage dieser Zeitung. Jedoch sei die angebrachte Beschilderung laut Emder Polizei eindeutig und nicht zu beanstanden. „Auch sind bisher keine Beschwerden von Bürgern bei der Polizei bekannt“, teilt sie mit. Ortsunkundige ließen sich möglicherweise von der ausgeschalteten Lichtzeichenanlage irritieren, aber dafür sei ja eine Beschilderung ausgewiesen worden, so Temmen.

Wie viele Gefahrensituationen und Unfälle gab es bereits?

Laut Polizei gab es am Mittwoch, 8. Mai 2024, einen Unfall. Im täglichen Polizeibericht fehlte er beziehungsweise es gab keinen Bericht am 9. Mai. Laut Temmen war gegen 9.56 Uhr ein 59-jähriger Radfahrer von der Brückstraße kommend über den Zebrastreifen in Richtung Delft gefahren. Zeitgleich befuhr ein 74-jähriger Mann aus Emden mit seinem Auto die Neutorstraße in Fahrtrichtung Faldernstraße. Er erfasste mit seinem Auto den Radfahrer auf dem Fußgängerüberweg. Der Fahrradfahrer aus Emden wurde laut Temmen schwer verletzt bei dem Unfall und umgehend in eine Klinik gebracht. Laut Stadt laufen hier die Ermittlungen noch.

Was beobachtet die Verkehrsbehörde?

„Aktuell beobachten wir zwei Dinge: Die Geschwindigkeit der Autofahrenden überschreitet häufig die angeordneten 20 km/h“, schreibt Hinrich Post. Durch die ausgeschalteten Ampeln verhielten sich Fußgänger manchmal defensiv, was Autofahrende verunsichere und dazu führe, dass man sich ein Vorrecht nehme, wo man keines habe“, erklärt er. „Wenn alle Verkehrsteilnehmenden sich hier an die Regeln halten und aufeinander Rücksicht nehmen, kommt es nicht zu Problemen, gleichwohl Unfälle immer auch vorkommen können.“

Man könne schon jetzt – gerade bei dem guten Wetter sehen –, dass die Fußgänger den öffentlichen Raum etwa vor dem Otto-Huus, zwischen Stadtgarten und Delft deutlich intensiver „in Besitz“ nehmen, also die vielbeschworene Aufenthaltsqualität zu wirken beginne, so Post.

Auf der Straße Am Delft gilt seit Kurzem für Autos Tempo 30. Foto: H. Müller
Auf der Straße Am Delft gilt seit Kurzem für Autos Tempo 30. Foto: H. Müller

Wie ist die Situation auf der Straße Am Delft?

Auch auf der Straße Am Delft sieht die Stadt entgegen den Wünschen der SPD-Ratsfraktion keinen Bedarf für zusätzliche Zebrastreifen. Es herrsche dort zwar starker Fußgängerverkehr, so Hinrich Post. Viele Leute würden dort die Straße an verschiedenen Stellen überqueren. Deshalb gilt auf der Straße seit Kurzem Tempo 30. Um das bekannter und deutlicher zu machen, denke die Verkehrsbehörde über eine massivere Beschilderung, Markierungen und dem Einsatz von Blitzern nach, so der Fachdienstleiter.

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