Interview mit Wilko Schaa Butenostfriese ist als Bundestrainer bei Olympia dabei
Der gebürtige Südbrookmerlander Wilko Schaa ist als Bundestrainer Wurf/Stoß tätig. Mit uns hat er unter anderem über seine Mission in Hannover und über Olympia in Paris gesprochen.
Hannover - Wenn am 26. Juli die Olympischen Spiele in Paris beginnen, wird auch ein gebürtiger Ostfriese mit dabei sein: Beim Deutschen Leichtathletik-Verband hat der in Südbrookmerland aufgewachsene Wilko Schaa seit dem 1. Januar 2021 das Bundestraineramt inne, seit vergangenem September arbeitet er als Bundestrainer Wurf/Stoß am Standort Hannover. Im Interview spricht der 41-Jährige über seine zukunftsweisende Aufgabe in Hannover, über seine Vergangenheit beim SV Georgsheil und über seine Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Weltklasse-Kugelstoßer David Storl.
Herr Schaa, lassen Sie uns auf die anstehenden Olympischen Spiele blicken: Wie werden die deutschen Leichtathleten wohl diesmal abschneiden?
Wilko Schaa: Bei den Olympischen Spielen in Tokio, bei der Weltmeisterschaft in Eugene und zuletzt bei der WM in Budapest haben wir angesichts der Ergebnisse historische Tiefpunkte erlebt. Dass wir erneut ohne Medaillen die Wettkämpfe beenden, wird sich hoffentlich nicht wiederholen (Anmerk. der Redaktion: Bei der WM in Budapest holten die DLV-Athleten in 49 Wettbewerben keinen einzigen Podestplatz). Nichtsdestotrotz wird der Deutsche Leichtathletik-Verband auch mit den Ergebnissen in Paris nicht vollkommen zufrieden sein können. Es steht außer Frage, dass sich in der deutschen Leichtathletik etwas ändern muss.
Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat Sie nach Hannover geholt. Dort sollen Sie eine Reform in Gang setzen. Was genau sind Ihre Aufgaben?
Schaa: Der Standort Hannover soll ab dem neuen Olympiazyklus 2025-2028 ein Bundesstützpunkt für die Wurf- und Stoßdisziplinen werden. Meine Aufgabe ist es, gemeinsam mit dem Niedersächsischen Leichtathletik-Verband, dem Landessportbund und dem Olympiastützpunkt Niedersachsen die organisatorischen und personellen Strukturen zu schaffen. Unter anderem baue ich derzeit eine eigene Trainingsgruppe auf. Aktuell betreue ich zwei junge Sportlerinnen. Zudem kümmere ich mich um die Athleten aus dem Bundeskader Kugelstoßen der Männer und Frauen, die ich auch bei Wettkämpfen, in Trainingslagern und bei Leistungsdiagnostiken betreue. Ich stehe dabei im engen Austausch mit den jeweiligen persönlichen Trainern.
Zu der Trainingsgruppe, die Sie momentan aufbauen, gehört auch eine Ostfriesin: Fortuna Ornella Nkengue vom MTV Wittmund.
Schaa: Ja, genau. Nach einer langen Verletzungspause arbeiten wir seit Herbst zusammen. Sie lebt im Sportinternat und ist ursprünglich als Mehrkämpferin nach Hannover gewechselt. Wir sind gerade dabei, vom Mehrkampf auf Kugelstoßen umzustellen. Das ist ein Prozess, der zeitintensiv ist und sehr lange dauern wird.
Ihre Wurzeln liegen ebenfalls in Ostfriesland, beim SV Georgsheil übten sie selbst den Sport aus. Wieso sind Sie nicht aktiver Leichtathlet geblieben?
Schaa: Weil ich selbst kein guter Leichtathlet war (lacht). Über meine Mutter, die Sportlehrerin war, bin ich als Kind zum SV Georgsheil gekommen. Damals war ich sechs Jahre alt. Ich habe zwar auch andere Sportarten wie Fußball, Tischtennis und Schwimmen ausprobiert, aber die Leichtathletik hat mich von Anfang an gepackt. Mein erster Trainer beim SV Georgsheil war Wilfried Bergmann, der damals auch die Leichtathletik-Abteilung beim SV Georgsheil aufgebaut hat. Aus gesundheitlichen Gründen musste er 1998 kürzertreten, sodass Michael Mücher das Traineramt übernahm. Er hat mich einerseits als Athlet gefördert, anderseits hat er meinen theoretischen Wissensdurst befeuert. Ich habe mich immer mehr für Biomechanik und Trainingswissenschaften interessiert. Ich habe viele Bücher gelesen – und tue dies immer noch gerne. Meine Athleten sagen immer, dass ich mir unglaublich viel merken kann. Und tatsächlich: Ich erinnere mich an viele Wettkämpfe, kenne noch die genauen Abläufe, weiß, welche Versuche gut waren. Das ist manchmal vielleicht auch etwas nerdig (lacht).
Zuletzt haben Sie 14 Jahre lang in Leipzig gelebt. Von 2009 bis 2017 waren sie dort am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft tätig und haben die Wurf-/Stoß-Disziplin wissenschaftlich begleitet. Im vergangenen Jahr erfolgte die Rückkehr nach Niedersachsen. Fühlen Sie sich in Hannover wohl?
Schaa: Ja. Wir – meine Lebensgefährtin und meine zwei Kinder – haben uns gut eingelebt. Der Wechsel von Leipzig nach Hannover war aber auch von langer Hand – also mehrere Jahre – geplant. Meine Arbeit bereitet mir sehr viel Freude. Mir macht es viel Spaß, mit jungen Athleten zu arbeiten, sie individuell zu betreuen und an ihren Techniken zu tüfteln.
In Sachsen haben Sie aber auch schon mit den „ganz Großen“ zusammengearbeitet. Am 1. Januar 2018 übernahmen Sie beim Deutschen Leichtathletik-Verband den Posten des Bundestrainers Wissenschaft für den Bereich Wurf/Stoß. Damit war auch eine besondere Trainer-Tätigkeit verbunden: Sie wurden gefragt, ob Sie am Stützpunkt Leipzig den Olympiazweiten von 2012, David Storl, trainieren könnten.
Schaa: Wir haben gut fünfeinhalb Jahre lang zusammengearbeitet. Er war ein herausragender Athlet, der extrem professionell gearbeitet hat (Anmerk. der Redaktion: Storl hat seine Karriere im Februar offiziell beendet). Im Laufe der Zeit hat sich zwischen uns mehr als ein reines Dienstverhältnis entwickelt. Ab und zu haben wir noch Kontakt.