Ausstellung in Wittmund  Künstlerin sammelt Material auf Schrottplätzen

Susanne Ullrich
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Von Susanne Ullrich
| 15.05.2024 12:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine abstrakte Welt in den Händen der Künstlerin. Das einzig Bildhafte auf den Kugeln von Brigitte Barten sind die Häuser, die sie gut erkennbar platziert. Die kleine ist bereits fertig eingefärbt und mehrfach gebrannt. Foto: Ullrich
Eine abstrakte Welt in den Händen der Künstlerin. Das einzig Bildhafte auf den Kugeln von Brigitte Barten sind die Häuser, die sie gut erkennbar platziert. Die kleine ist bereits fertig eingefärbt und mehrfach gebrannt. Foto: Ullrich
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Brigitte Barten verblüfft: Sie macht Kugeln, vorwiegend aus Ton. Dafür strapaziert sie das Material. Oder sie unternimmt Streifzüge auf Schrottplätzen. Was sie da findet, landet im Brennofen.

Wittmund/Dornum/Hooksiel - „Es gibt Stücke, das sind richtige Herzstücke – und manchmal spürt es der Betrachter.“ Bei Brigitte C. Barten sind diese vorrangig aus Paperclay – eine Mischung aus Ton und Zellulose. Vor vier Jahren entdeckte sie es durch Zufall. Das Material begeisterte sie und zog sie in seinen Bann. Die seit Ende 2021 in Hooksiel (Wangerland) lebende bildende Künstlerin schätzt Paperclay, weil es nicht nur leichter ist als Ton. Es hält zudem andere Materialien wie Stahlnägel fest. Verarbeitet wird es allerdings ganz ähnlich. Zu diesem langwierigen Prozess gehört auch, dass das Material mehrfach in den Brennofen muss. Rund 1000 Grad Celsius sorgen für Stabilität und Härte des Materials und schließlich für die Haltbarkeit der Farben.

Werke von Brigitte Barten ansehen:

  • Der Ostfriesische Kunstkreis zeigt noch bis zum 28. Mai 2024 mittwochs, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr eine Werkschau von Brigitte C. Barten in den Ausstellungsräumen des OKK in der Peldemühle Wittmund.
  • Das „Kunstgeschoss Artium“ in Dornum ist bis Oktober 2024 jeden Samstag von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Initiatorin Melanie Ippen, Brigitte Barten und andere Künstler stellen dort gemeinsam wechselnd aus.
  • Der Garten des Ehepaares Barten am alten Hafen in Hooksiel gleicht einer Galerie. Abhängig von Wind und Wetter ist der Ausstellungsraum unter freiem Himmel regelmäßig geöffnet. Informationen dazu hat die Künstlerin auf ihrer Internetseite.
  • Am Sonnabend, 22. Juni 2024, in der Zeit von 12 bis 20 Uhr und am Sonntag, 23. Juni 2024, zwischen 11 und 18 Uhr ist die Gartengalerie zugleich Teil eines Aktionstages mit Gastgebern von der Nordsee bis nach Österreich. An insgesamt 18 Standorten öffnen Teilnehmende unter dem Motto „Kunst am Gartenzaun“ ihre Gärten für Künstler und Besucher. Barten bietet mehreren ostfriesischen Künstlern wie beispielsweise Stefan „Bodo“ Doden eine Ausstellungsfläche: Fotografie, Steinmalerei, Holzbildhauerei sowie Malerei in Aquarell- und Acrylfarben sind geplant.

Barten ist Vollblut-Künstlerin mit einem bewegten Leben. Gebürtig stammt die 80 Jahre alte Frau vom Niederrhein, lebte unter anderem in Nordfriesland und zuletzt in Potsdam. Auf der Insel Sylt hatte sie ihr eigenes Atelier. Zwei Jahrzehnte war sie dort hauptberuflich Künstlerin. Dann hatte das Leben andere Pläne mit ihr. In Potsdam unterhielt sie zuletzt eine Zimmergalerie. Nach einer mehrjährigen gesundheitsbedingten Schaffenspause entdeckte sie die Liebe zur bildenden Kunst neu. Ganz losgelassen aber hatte sie ihre Leidenschaft nie. „Ich lebe in dieser künstlerischen Ausdrucksform. Das ist eigentlich meine Sprache.“ Brigitte Barten erschafft fantastische, plastische Gebilde. „Kunst mal keramisch“ ist ihr Credo für ihre Galerie im Garten.

Kunst und Handwerk gehen Symbiose ein

„Ich bin experimentierfreudig“, sagt Brigitte Barten. „Die Möglichkeiten von Paperclay sind vielfältig.“ Ihre Experimente sind echte Schwergewichte. Durchschnittlich sechs bis zwölf Kilogramm bringt so eine kreative Verbindung von Zellulose, Ton und auch Holz auf die Waage. Ihr Mann Wim Barten sorgt stets dafür, dass die keramische Kunst auch einen stabilen Untergrund, der zugleich als Rahmen fungiert, erhält. Wenn Brigitte Barten Schrott für die Struktur eines Werkes verwendet, kann eine einzelne Arbeit zuweilen auch 17 Kilo wiegen.

Die großformatige Wandbilder, die in der Werkstatt von Brigitte Barten entstehen, wiegen im Schnitt zwischen sechs und zwölf Kilogramm. Foto: Ullrich
Die großformatige Wandbilder, die in der Werkstatt von Brigitte Barten entstehen, wiegen im Schnitt zwischen sechs und zwölf Kilogramm. Foto: Ullrich

Objekte wie Metall, Edelstahl oder Draht arbeitet sie in ihre keramischen Werke ein. Beim Brennen bekommen die eine ganz eigene, düstere Optik: „Es verzundert, wird schwarz.“ Auch Glasscherben, Lavagestein oder Bimsstein nutzt sie. Die Künstlerin unternimmt daher ausgedehnte Sammeltouren, die sie unter anderem auf Schrottplätze führen. Manches bekomme sie mittlerweile gebracht. „Es spricht sich ein wenig herum“, verkündet sie freudig. Nach ihrem Umzug an die Küste schloss sich Barten dem Ostfriesischen Kunstkreis an. Gerade zeigt sie ihre erste Soloausstellung in der Wittmunder Peldemühle. Auch bei „Kunstgeschoss Artium“ in Dornum engagiert sich das Ehepaar. Dort nutzen Künstler Leerstände, um ihre Arbeiten zu präsentieren – und gleichzeitig die Immobilie mit Leben zu füllen.

Die Kugel – eine Leinwand ohne Grenzen

Eines haben alle Arbeiten von Brigitte Barten gemeinsam: Sie sind plastisch.

„Ich habe 1970 den ersten Tonklumpen in die Hand gekriegt“, erinnert sich die 80-Jährige. Man möchte ihre Stücke anfassen, das Material berühren, die Glasur mit dem Finger spüren und die Farbvielfalt mit den Augen in sich aufnehmen. „Ich denke in Bildern, ich lebe in Bildern“, verrät sie. „Und die wollen dann umgesetzt werden.“ Die Bilder sind meist abstrakt. Für einen ungeübten Betrachter kann das eine Herausforderung sein. Etwas gefälliger sind darum vielleicht die Kugeln, die Barten modelliert und ebenfalls farblich gestaltet. Die Künstlerin überträgt Landschaften auf das Rund; Ostfriesland oder aber Bergdörfer. Auch diese Landschaften sind vorwiegend abstrakt gestaltet. „Das einzige Bildhafte sind die Häuser.“

Auch diese maritimen Reliefs stammen von Brigitte Barten. Foto: Ullrich
Auch diese maritimen Reliefs stammen von Brigitte Barten. Foto: Ullrich

Dennoch wirkt die runde Form auf eine ganze besondere Weise anziehend. „Die Leute sind verblüfft.“ Wim Barten ist begeistert: „Es ist eine Leinwand ohne Grenzen, eine Endlos-Leinwand.“ Der versierte Betrachter weiß, dass diese runde Form nahezu unmöglich herauszuarbeiten ist. „Es ist eine Frage der Kommunikation zwischen Material und Künstler“, wagt Brigitte Barten einen Erklärungsansatz. Ihr gehe es unter anderem darum, die Grenzen des Machbaren auszuloten: „Das Material hat einen Charakter.“ Ihr stelle sich demnach stets die Frage: „Wie weit kann ich gehen?“ Im Lockdown habe sie die Arbeitsweise mehr zufällig entdeckt – und mit dem Experimentieren begonnen.

Bildhauerei und Malerei

Es dauert Wochen, bis ein Kunstwerk vollendet ist. Brigitte Barten formt und strukturiert, trägt Konturen und Farben auf und verwischt. Zwischendurch geht die Kugel mehrfach in den Brennofen. Gewisse Prozesse sind standardisiert – wenn auch das Objekt, das entsteht, stets ein Unikat ist. „Ein Künstler braucht seinen Flow“, unterstreicht die Wahl-Hooksielerin. Ihr sei es beispielsweise wichtig, allein zu arbeiten. Das schließe ihren Mann ein: „Er sieht immer erst das fertige Teil.“ Nach dem dritten Brand beginne die Malerei. Diese Vielseitigkeit ist ein Alleinstellungsmerkmal der 80-Jährigen.

Mit einer Definition dessen, was sie macht, tut sie sich schwer: Sie sei weder Töpferin noch Keramikerin. Barten sieht sich vorrangig als bildende Künstlerin. relativiert aber: „Einerseits bin ich bildhauerisch tätig, andererseits malerisch.“ Bei ihrer Farbwahl überlässt sie nichts dem Zufall, denn: „Ich will mit den Farben etwas ausdrücken.“ Und erst die speziellen Farben, gefärbte Tonschlicker, verwandeln die Landschaften und verlorenen Orte der Künstlerin in die abstrakten Wunderwelten, die das Auge wieder und wieder untersuchen möchte.

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