Milchpreise Ostfrieslands Bauern nehmen Ampel in die Pflicht
Gerade erst hat die EU Lockerungen für die Landwirtschaft beschlossen – und schon gibt es weitere Forderungen. Ist das noch nachvollziehbar?
Ostfriesland/Brüssel - Ostfrieslands Landwirte haben am Montag mit Erleichterung auf die jüngsten Beschlüsse aus Brüssel reagiert. Die EU hatte mehrere längst verabredete Klimaschutzvorschriften stark entschärft oder sogar wieder rückgängig gemacht. Sie reagierte damit auf die teils heftigen Proteste aus der Landwirtschaft.
„Gut, dass die EU da eingelenkt hat“, sagte Ostfrieslands Landvolk-Präsident Manfred Tannen im Gespräch mit unserer Redaktion. Er bezog sich damit unter anderem auf die Pflicht, vier Prozent der Flächen stillzulegen. Das ist nun bis 2027 gestrichen worden. „Ich bin gespannt, wie die Bundesregierung jetzt reagiert“, sagte Tannen. „Denn an der EU kommt auch unsere Ampel nicht vorbei.“
Welche weiteren Forderungen gibt es?
Ostfrieslands Landwirten ist das aber nicht genug. Laut Tannen fordern sie gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband weitere Entlastungen bei steuerlichen Regelungen und einen deutlichen Abbau bürokratischer Hindernisse. „Wir sind aktuell dabei, entsprechende Vorschläge zu formulieren“, verriet Tannen. Noch im Lauf dieses Jahres werde es dazu Empfehlungen geben.
Eher skeptisch ist ein breites Bündnis kleinerer landwirtschaftlicher Organisationen unterwegs. In einem Offenen Brief, der unserer Redaktion vorliegt, fordert dieses Bündnis von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), erst einmal bestehendes EU-Recht anzuwenden. Es geht vor allem um die Sorgen der für Ostfriesland so wichtigen Milchbauern, die eine Art Preisbindung fordern.
Hat das was mit Sozialismus zu tun?
Eher nicht. „Für Futtermittel wie Kuhschrot, Diesel und Dünger machen wir Bauern heute langfristige Kontrakte, ebenso für die Getreideernte. Verhandelt werden Lieferzeitraum oder -zeitpunkt, die Menge, natürlich der Preis und auch die Qualität“, heißt es in dem Offenen Brief, der auch von Ottmar Ilchmann (Rhauderfehn) von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) unterzeichnet ist. Dasselbe würde die nationale Umsetzung des Artikels 148 der Gemeinsamen Marktorganisation (GMO) für die Milch bringen.
„Das hat nichts mit staatlichem Eingriff, Planwirtschaft oder gar Sozialismus zu tun“, so Ilchmann und andere. „Im Gegenteil! Der Landwirt wird endlich in die Lage versetzt, sein Produkt zu verkaufen, und zwar zu vorher bekannten und verhandelten Bedingungen.“ Unterzeichnet ist der Brief an den Kanzler außerdem von Land schafft Verbindung (LsV), dem Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM), MEG Milch Board, Freie Bauern sowie European Milk Board (EMB). „Es wird endlich Zeit für einen Systemwechsel“, heißt es darin.
Hängt alles irgendwie mit den Bauernprotesten zusammen?
Auf jeden Fall. Nach großen und auch gewaltsamen Bauernprotesten in mehreren europäischen Ländern hatten sich die EU-Institutionen unter anderem darauf verständigt, dass lockerere Umweltauflagen ermöglicht und kleinere Betriebe von Kontrollen befreit werden sollen. Die EU-Kommission unter Leitung von Ursula von der Leyen hatte die entsprechenden Änderungen vorgeschlagen, das EU-Parlament segnete sie vor knapp drei Wochen ab.
In einem Sonderausschuss Landwirtschaft hatten sich die EU-Staaten bereits am Mittwoch für die Änderungen ausgesprochen, diese Entscheidung ist nun auf Ministerebene abgesegnet worden. Damit können die neuen Regeln in Kraft treten. Deutschland hatte sich bei der Abstimmung am Mittwoch enthalten.
Sind jetzt alle einer Meinung?
Natürlich nicht. Die Maßnahmen sind nicht unumstritten. Zwar haben sich Politikerinnen und Politiker parteiübergreifend dafür ausgesprochen, dass Landwirte entlastet werden müssen. Denn viele Höfe in Deutschland kämpfen um ihr Überleben – zwischen den Jahren 2020 und 2023 gaben allein in Deutschland 7800 Landwirte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ihre Betriebe auf. Kritiker befürchten mit Blick auf die konkreten EU-Erleichterungen aber, dass sich diese negativ auf die Umwelt auswirken könnten.
Zumindest Verbraucher werden von den neuen Regeln vermutlich zunächst wenig mitbekommen. Der Deutsche Bauernverband (DBV) geht nicht davon aus, dass sich die Lebensmittelpreise groß verändern. Diese hingen vor allem von weltweiten Erntemengen ab. Sebastian Lakner, Agrarprofessor der Uni Rostock, sieht das ähnlich. Die Kosten für die Agrarrohstoffe seien oft nur ein kleiner Teil der Lebensmittelkosten. „Das heißt, selbst wenn Weizenpreise steigen würden, wäre dies im Endprodukt kaum merkbar“, sagte Lakner.
Worum geht es genau?
Im Kern geht es bei den Änderungen etwa um die Lockerung von Umweltstandards, an die sich Bauern eigentlich halten müssen, um von den milliardenschweren EU-Agrarsubventionen zu profitieren. Mehrere dieser Standards können künftig aufgeweicht werden, bei der Umsetzung haben die EU-Staaten aber viel Spielraum. Dabei geht es etwa darum, dass weniger Flächen für die Schonung der Böden brach liegen müssen.
Die EU-Staaten sollen zudem Ausnahmen von Umweltanforderungen erlassen können, wenn „im Falle unvorhergesehener klimatischer Bedingungen“ Landwirte die Regeln nicht einhalten können. Zudem ist vorgesehen, kleine Betriebe mit einer Fläche von weniger als zehn Hektar von Kontrollen und Strafen zu befreien. Lakner sieht diese Änderungen als Rückschritt. Brachen seien für die Biodiversität wichtig, Empfehlungen aus der Wissenschaft seien ignoriert worden. Auch der Verzicht auf Kontrollen sei problematisch, dadurch könne man nicht damit rechnen, dass Umweltregeln eingehalten würden. „Mit diesen Änderungen verliert die EU-Kommission jede umweltpolitische Glaubwürdigkeit“, sagte Lakner.
Wo steht die Bundesregierung?
Der Deutsche Bauernverband (DBV) teilte mit, dass Landwirte auch unabhängig von der EU-Agrarpolitik zu einer umweltverträglichen Landwirtschaft stünden. Der Verband dringt darauf, dass Deutschland seine nationalen Regeln ändert, damit sich umweltfreundliche Maßnahmen von Landwirten - dazu zählen etwa Blühstreifen für Bienen und andere Tiere - mehr lohnen. Auch die FDP-Agrarpolitikerin Carina Konrad pocht auf bessere Anreize für Landwirte. „Effiziente Umweltpolitik funktioniert nicht durch pauschale Flächenstilllegung“, sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende.
Die Bundesregierung hatte den Lockerungen auf EU-Ebene wegen Bedenken mit Blick auf den Umweltschutz nicht zugestimmt. „Nach der regierungsinternen Diskussion, hat sich Deutschland letztlich enthalten, weil die Vorschläge der EU-Kommission eine pauschale Absenkung der Schutzstandards bedeuten“, teilte das von den Grünen geführte Bundeslandwirtschaftsministerium mit. Die Umweltorganisation WWF sprach mit Blick auf bestimmte Änderungen von mit Steuergeldern subventioniertem Politikversagen.
Kommen irgendwann dann doch wieder strengere Regeln?
„Für die landwirtschaftlichen Betriebe bedeuten die beschlossenen Änderungen in erster Linie eine dringend erforderliche erste Erleichterung“, teilte DBV-Präsident Joachim Ruckwied mit. Die Bundesregierung sei nun gefordert, den EU-Vorschlag eins zu eins umzusetzen. Weitere Entlastungen müssten von einer neuen EU-Kommission jedoch konsequent fortgesetzt werden. Im Sommer wird nach der EU-Wahl auch die EU-Kommission neu besetzt. Konrad spricht von einem „direkten ökonomischen Vorteil“, den Betriebe hätten, wenn sie künftig weniger Flächen brach liegen lassen müssten.
Lakner rechnet mit geringfügigen Erleichterungen für Betriebe. „An den Hauptursachen von Bürokratie in der Landwirtschaft, nämlich den Melde- und Dokumentationspflichten in der Tierhaltung, ändert sich dagegen nichts“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Umweltprobleme verschwänden durch die Erleichterungen nicht, sodass damit zu rechnen sei, dass ähnliche oder strengere Umweltregeln kurz- oder mittelfristig zurückkommen würden.
Mit Material von DPA