Osnabrück Schützenfeste: Irgendwie rechts? Eine Expertin klärt auf
Viele Schützenvereine waren im Nationalsozialismus verboten. Heute wird ihnen oft unterstellt, rechtslastig zu sein. Aber stimmt das? Wie Schützenvereine mit Frauen umgehen, ob Homosexualität ein Problem ist und welche Zukunft das Schützenfest hat.
Die Schützenfest-Saison ist offiziell eingeläutet. Ob Schützen, Gefreite, Offiziere oder Majore: Alle bringen sich in Stellung, um den neuen Schützenkönig oder die nächste Schützenkönigin zu krönen. Aber vor allem: um die Gemeinschaft zu feiern, sagt die Journalistin Nadine Hampel. Sie hat ein Buch geschrieben über „Das Schützenfest als kultureller Sonderfall“.
Hampel ist mit der Schützenkultur aufgewachsen und weiß: Ganz gleich, wie modern man als Erwachsener in einer großen Stadt leben mag: Jeder kommt für das Schützenfest zurück in die Heimat, so Hampel im Gespräch mit unserer Redaktion.
Frage: Was macht das Schützenfest zu einem Sonderfall, wie Sie es im Titel Ihres Buches behaupten?
Antwort: Der Ort, an dem das Fest stattfindet, befindet sich meistens in einem kompletten Ausnahmezustand. Das Erstaunlichste ist aber, dass über die Jahrhunderte am Schützenfest und an den mitunter sehr veralteten Traditionen festgehalten wird. Es ist eine Art Gegenpol zur Moderne. Das macht es zum Sonderfall.
Frage: Wie unterscheidet sich der Brauch zwischen den Bundesländern?
Antwort: Allein zwischen Hannover und dem Emsland gibt es enorme Unterschiede, obwohl sich beide im gleichen Bundesland befinden. Die meisten haben ihr eigenes Brauchtum, manche sogar ein eigenes Getränk, andere haben spezielle Lieder. Auch, wie oft Schützenfeste stattfinden, unterscheidet sich: Manche Orte veranstalten es jedes Jahr, andere nur alle zwei oder drei Jahre. Und die Uniformen und Abzeichen unterscheiden sich. Viele Vereine haben für jedes Fest einen bestimmten Pin, der an der Mütze oder Jacke angebracht wird. Es gibt Vereine, die Aufnäher haben für die einzelnen Ränge, also für den Adjutanten, den Zugführer, den Hauptmann. Manche haben wiederum gar keine Abzeichen. Andere habe keine Jacken und nur T-Shirts. Wieder andere haben nur Anzüge für den Vorstand. Die Unterschiede haben sich über Jahrhunderte entwickelt.
Frage: Gibt es ähnliche Brauchtümer auch in anderen Ländern?
Antwort: Ja, die Niederlande oder Österreich feiern vielerorts Schützenfeste, aber auch in den USA oder Namibia gibt es welche – dort waren es oftmals deutsche oder europäische Auswanderer, die die Feste mitgebracht haben.
Frage: Sind Schützenfeste eher ein ländliches Phänomen?
Antwort: Sie finden seltener in Großstädten statt – mit Ausnahme zum Beispiel von Hannover, wo verschiedene Vereine gemeinsam das größte Schützenfest der Welt austragen. Dort hat es eher einen Jahrmarkt-ähnlichen Charakter. Meistens ist es aber so, dass sich mehrere kleine Ortschaften zusammenschließen und ein Schützenfest ausstatten oder, dass die Ortschaften und Gemeinden jeweils eigene Schützenfeste haben.
Frage: Warum gibt es denn Schützenfeste öfter in kleineren Ortschaften?
Antwort: Dort spielen Traditionen oft eine größere Rolle als in Städten. In Dörfern geht es oft eher gemeinschaftlich zu, in Städten ist das Leben meist etwas anonymer.
Frage: Warum treten Menschen überhaupt in einen Schützenverein ein?
Antwort: In die Sportschützenvereine treten Leute ein, weil sie dem Sport nachgehen möchten. Bei den eher volksfestähnlichen Vereinen geht es darum, die Gemeinschaft zu pflegen, die Stadt oder den Ort zu unterstützen. Oft ist bereits die gesamte Familie Mitglied im Verein. Wer aus der Stadt aufs Land zieht, für den ist der Schützenverein auch eine Möglichkeit, um sich zu integrieren.
Frage: Wie unterscheiden sich die Schützenbräuche in Ost- und Westdeutschland?
Antwort: Ich denke, im Westen gibt es mehr Schützenvereine als im Osten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Frage, ob es die Vereine wieder geben soll. Während des Nationalsozialismus wurden viele Vereine verboten. Sie sind ja – bis heute – sehr inklusiv. Zwar gibt es Unterschiede, aber generell gilt: Wer zum Dorf gehört, kann auch zum Schützenverein gehören. Das hat den Nazis mit ihren ausschließenden Ansichten nicht gefallen. Sie wollten zum Beispiel, dass die jeweilige Fahne, die jedem Schützenverein heilig ist, Hitler gewidmet wird und Nazi-Symbole abbildet. Unter anderem dagegen haben sich viele Vereine gewehrt und wurden daraufhin verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war den Alliierten daran gelegen, dass es wieder ein Gemeinschaftsgefühl gibt. Das erste Schützenfest nach dem Krieg fand in Hannover statt, weil es schon zuvor eines der weltweit ersten war. In Ostdeutschland waren die Schützenfeste von der damaligen Sowjetunion hingegen nicht so sehr gewollt, vielleicht auch, weil sie eher Individualität bedeuten.
Frage: Welchen historischen Ursprung hat das Schützentum?
Antwort: Angefangen hat die Schützenkultur im Mittelalter. Es gibt zwei verschiedene Entwicklungsstränge: die Sportschützenvereine, die eher den sportlichen Aspekt betonen und die Bürgerschützenvereine, die Schützenfeste als Kultur- und Volksfeste ausrichten. Sie sind aus den Bürgerwehren im 16. Jahrhundert hervorgegangen, die tatsächlich die Straßen und Städte vor Eindringlingen schützen wollten. Wobei man nicht weiß, ob es wirklich eine Bedrohungslage gab oder ob es um ein gemeinschaftsstiftendes Moment ging.
Frage: Das Schützenbrauchtum hat eine lange Tradition: Sind damit auch die Gepflogenheiten eher tradiert oder gehen die Vereine mit der Zeit?
Antwort: Viele Traditionen werden so erhalten, wie sie sind – was die Schützenvereine auch ausmacht. Aber natürlich geht auch das Schützenwesen mit der Zeit, wenn auch langsam. Mittlerweile werden manche Lieder, wenn sie diskriminierend sind, nicht mehr gesungen. Nachdem die erste Schützenkönigin gekrönt worden ist, haben andere Vereine nachgezogen. Vergangenes Jahr gab es sogar die erste Bundesschützenkönigin. Sie hat jetzt nach einem Jahr Resümee gezogen und gesagt, dass sie sich eine Menge anhören musste nach dem Motto: Frauen gehören nicht an die Position. Der Weg ist also noch weit.
Frage: Und wie ist der Umgang mit dem Thema Homosexualität in den Schützenvereinen?
Antwort: Dass jemand Schützenkönig wird, der in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, ist schon lange kein Problem. Das bestand eher darin, den Partner oder die Partnerin mit auf den Thron nehmen zu können. Aber auch das gibt es in den ersten Städten.
Frage: Beeinflussen sich die Vereine gegenseitig?
Antwort: Auf jeden Fall! Einer macht immer den Anfang, dann ziehen die anderen nach. Und es gibt richtige Trends: Viele Vereine schießen zum Beispiel auf Holzvögel. Es gab mal eine Zeit im 16./17. Jahrhundert, da waren es Papageien, sie galten als schön. An der Schützenkette für die Schützenkönige hängt bis heute oft noch eine kleine Papageien-Figur als sogenanntes Kleinod.
Frage: Welche Rolle spielt der Schießsport gerade in Zeiten eines gewissen Bedrohungsgefühls, wenn selbst die Politik davon spricht, das Land kriegstüchtig zu machen?
Antwort: Ich glaube, das spielt keine so große Rolle. In der Alltagswelt der meisten Menschen ist das Thema Krieg, glaube ich, noch zu weit weg, als dass sie sich deshalb in einen Schießsportverein begeben würden.
Frage: Lässt sich ein verbindendes politisches Lager bei den Schützenfesten ausmachen?
Antwort: Nein, das geht auch gar nicht. Die Feste sind alters- und Ansicht-übergreifend. Ich werde immer wieder gefragt: Sind die Feste nicht irgendwie rechts? Das halte ich für ein Vorurteil, das vielleicht durch den Brauch der Umzüge und Märsche mit Kapellen kommt. Wenn der Ort nicht von vornherein einer politischen Richtung folgt, dann zeigen die Feste immer einen Querschnitt der Bevölkerung.
Frage: Also eine Person of Color, eine nicht-weiße Person, womöglich mit Migrationshintergrund hätte keine Probleme auf einem Schützenfest?
Antwort: Zumindest nicht aufgrund des Schützenwesens an sich.
Frage: Welche Rolle spielt der demografische Wandel für das Brauchtum? Haben die Schützenvereine Probleme mit dem Nachwuchs?
Antwort: Nein, überhaupt nicht. Die Mitgliederzahlen steigen sogar wieder. Es gibt über 15.000 einzelne Vereine in Deutschland. Die Menschen wachsen oft mit den Vereinen auf und in die Vereine hinein.
Frage: Hat der Mitgliederzuwachs auch etwas mit der Landlust mietenmüder Großstädter zu tun?
Antwort: Möglich ist das schon. Ich würde aber eher sagen, dass das eine Typfrage ist. Ich denke, der Schützenbrauch wird nie sterben, denn irgendwer wohnt immer auf dem Land und hat Lust auf die Bräuche.
Frage: Kommen die Menschen auch zurück in ihre Heimat, um diese Bräuche zu leben?
Antwort: Absolut! Das ist besser als jedes Klassentreffen. Auf den Schützenfesten trifft man jeden wieder. Bei uns, in meiner Heimatstadt Altena im Sauerland, kommt jeder fürs Schützenfest nach Hause und übernachtet im alten Kinderzimmer, ich selbst auch. Das ist manchmal auch wie eine kleine Realitätsflucht, gerade wenn man sonst in der Stadt wohnt und ein ganz anderes Leben führt.
Frage: Schützenkönig und -Vize greifen ihren Mitgliedern und dem Verein oft auch finanziell unter die Arme. Welche Auswirkungen hat die Inflation auf die Spendierlust?
Antwort: Ob nun mit oder ohne Inflation: Man überlegt es sich natürlich gut, ob man sich das leisten kann. Die Kosten können in die Zehntausende gehen. Es kommt darauf an, ob man beispielsweise die Rechnung des gesamten Throns, inklusive zehn Hofstaatpaaren bezahlt oder kleinere Ausgaben hat. Man kann ja auch mit dem Hofstaat zu anderen Schützenfesten fahren, die Kosten dafür übernimmt manchmal auch der König. Es gibt aber inzwischen Städte, die einen Fonds eingerichtet haben, in den über die Zeit alle einzahlen, um dem Schützenkönig oder der -königin unter die Arme zu greifen. In den seltensten Fällen wird aber jemand zufällig Schützenkönig und schießt den Vogel ab. Die Kandidaten werden oftmals vorher gefragt, ob sie sich vorstellen können, das Zepter zu übernehmen.
Frage: Viele Menschen haben einen eng getakteten Wochenplan. Zwischen Familie, Job und der Pflege Angehöriger: Bleibt da überhaupt noch Zeit für die Schützenkultur?
Antwort: Ja, zum einen ist die Schützenkultur mit der Familie sehr gut vereinbar. Man nimmt einfach alle mit. Zum anderen bekommt man auch Unterstützung durch den Verein. Für viele ist die Vereinsarbeit auch ein Ausgleich, gerade, wenn man einen Angehörigen pflegt oder einen sehr fordernden Job hat.
Frage: Wird es das Schützenwesen also auch in Zukunft geben?
Antwort: Ja. Es entstehen auch neue Schützenvereine, gerade, wenn Städte und Dörfer wachsen. Die Leute wollen von sich aus an dem Brauchtum festhalten.