Demo gegen Tierexporte Für Tierschützer ist Aurich „das Tor zur Hölle“
Rund 150 Menschen haben am Sonnabend in Aurich gegen Rinderexporte demonstriert. Es war die dritte Demo dieser Art. Redner erhoben schwere Vorwürfe gegen Exporteure und Politiker.
Aurich - Ist Aurich für Exportrinder das Tor zur Hölle? Viele Tierschützer sind dieser Meinung. Rund 150 Menschen sind am Sonnabend, 11. Mai 2024, in der Kreisstadt gegen Tierexporte auf die Straße gegangen. „Aurich, aufgewacht! Stoppt das Morden in der Nachbarschaft!“, riefen die Demonstranten, die sich von der Sparkassen-Arena aus mit Transparenten, Trillerpfeifen und Megafonen auf einen rund zweistündigen Marsch durch die Innenstadt begaben und dabei auch mehrmals die Fußgängerzone kreuzten. Sie legten Zwischenstopps auf dem Marktplatz und beim Gebäude der Ostfriesischen Landschaft ein. Die Polizei begleitete den Demonstrationszug. Vereinzelt kam es zu Verkehrsbehinderungen, doch alles blieb friedlich, wie die Polizei auf Anfrage mitteilte.
Aurich gilt als Drehscheibe für Exporte lebender Rinder in sogenannte Risikoländer außerhalb Europas. Tierschützer sind überzeugt, dass Zuchtrinder in Ländern wie Marokko oder Ägypten früher oder später ohne Betäubung geschlachtet werden. Unterwegs drohten ihnen große Qualen, heißt es. Kritik üben die Tierschützer am Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOST), der die Transporte von Aurich aus organisiert, an der Auricher Kreisverwaltung, die die Transporte genehmigt, und an der Politik, die das nicht verhindert.
„Bis sich endlich was ändert“
Zu der Demonstration hatte die Organisation „Ostfriesen gegen Tierleid“ in Kooperation mit „mensch fair tier“ und „Metzger gegen Tiermord“ aufgerufen. „Die Politik reagiert immer nur, wenn der Druck von der Straße kommt“, sagte Mitorganisator Peter Hübner (Syke), „wenn wir laut sind, wenn wir viele sind.“ Die Frage, ob er die Teilnehmerzahl von nur 150 nicht enttäuschend finde, verneinte Hübner, der unter dem Namen „Vegan Pete“ als Influencer auftritt und vegane Speisen vermarktet. Er habe mit 150 Teilnehmern gerechnet, sagte Hübner im Gespräch mit der Redaktion. „Aurich ist schwer zu erreichen.“ Und dann sei da ja noch das lange Wochenende.
So erklärten auch die Mitorganisatoren Manfred Hagemann (Emden) und Diedrich Kleen (Wiesmoor) das vergleichsweise verhaltene Echo. An der ersten Auflage der Demo im April 2022 hatten rund 350 Menschen teilgenommen, an der zweiten im vergangenen Jahr rund 200. Die Tendenz ist also klar sinkend. Kleen betonte dennoch: „Wir werden so lange jedes Jahr in Aurich auf die Straße gehen, bis sich endlich was ändert.“
„Notorische Tierquäler und Tiermörder“
Hagemann stimmte die Demonstranten vor dem Start mit markigen Worten ein: „Dann können wir ja heute den notorischen Tierquälern, Tiermördern und ihren Helfershelfern mal wieder kräftig in den Hintern treten!“ Die Tierschutz-Aktivistin Mina Walter aus Wiesmoor kritisierte als Eröffnungsrednerin die Milch- und Fleischproduktion. Die 20-Jährige schilderte, wie sie als Kind auf dem Bauernhof ihres Onkels und ihrer Tante beim Melken zugesehen habe. „Ich hörte so lange, wie die Kälber nach ihren Müttern riefen, dass es für mich normal wurde. Und das ist das Problem. Es ist nicht normal, Babys von ihren Müttern zu trennen. Es ist nicht normal, Jungtiere zum Schlachter zu schicken. Es ist nicht normal, als Mensch Muttermilch einer anderen Spezies zu trinken.“
Ziel des Demonstrationszugs war der Platz beim Rathaus. Dort beschrieb Ina Müller-Arnke von der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ in einer Rede mit drastischen Worten das Leid der Exportrinder. Trächtige Rinder würden in Mittelmeerhäfen mit Stromschlägen auf schrottreife Schiffe getrieben, in denen sie wochenlang in ihren Exkrementen stünden, da dort nicht ausgemistet werde. In den Zielländern wie Marokko oder Ägypten müssten sie bei 40 Grad Hitze ihr Kalb zur Welt bringen. Die Milchleistung lasse wegen des extremen Wasser- und Futtermangels schnell nach. „Früher oder später werden diese Tiere und deren Kälber auf Viehmärkten verkauft und unter vollkommen inakzeptablen Bedingungen geschlachtet.“ Der Todeskampf dauere bis zu 30 Minuten. EU-Politiker und auch der deutsche Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) unternähmen nichts gegen das Tierleid, sagte Müller-Arnke.
„Bauern, die ihre Tiere wegwerfen“
Dr. Kirsten Tönnies von den „Tierärzten für verantwortbare Landwirtschaft“ sprach von einem grausamen, schmerzvollen Tod, der die Tiere erwarte. „Wir sind verantwortlich, die wir die Tiere auf diese Reise schicken.“ Agrarminister Özdemir stelle sich in den Dienst von Viehhändlern, die von Tod und Leid lebten, und von Bauern, „die ihre Tiere wegwerfen“. Dieter Ruhnke, Vorsitzender des Landestierschutzverbandes Niedersachsen, spielte auf die Demonstrationen der Landwirte zu Beginn des Jahres an, die viel erreicht hätten: „Wir können leider keine Trecker auffahren. Wir blockieren nicht die Freiheit anderer.“
Am Nachmittag gab es eine weitere Kundgebung: Knapp 30 Menschen bildeten vor dem VOST-Gelände an der B 72 in Aurich-Schirum eine Menschenkette. Im dortigen Viehvermarktungszentrum werden Rinder auf den Transport vorbereitet. Durch eine Aneinanderreihung von Pappschildern in DIN-A1-Größe mit jeweils einem Buchstaben wurde die Forderung „Tierexporte sofort stoppen“ gebildet. Ob die vorbeirauschenden Autofahrer auf der Bundesstraße es registriert haben? Vereinzelt wurde jedenfalls gehupt.