Osnabrück  Stefan Schmidtke: Ostdeutsche Biografien fehlen im gesamtdeutschen Narrativ

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 11.05.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Stefan Schmidtke, Geschäftsführer der Kulturhauptstadt GmbH, steht in der Geschäftsstelle in Chemnitz. Unter dem Motto „C the Unseen“ startet Ostdeutschlands viertgrößte Stadt 2025 in das Jahr als europäische Kulturhauptstadt Foto: picture-alliance/dpa
Stefan Schmidtke, Geschäftsführer der Kulturhauptstadt GmbH, steht in der Geschäftsstelle in Chemnitz. Unter dem Motto „C the Unseen“ startet Ostdeutschlands viertgrößte Stadt 2025 in das Jahr als europäische Kulturhauptstadt Foto: picture-alliance/dpa
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Er will Ostdeutschen eine Stimme geben, macht sich aber keine Sorgen um Stimmen für die AfD: Stefan Schmidtke erläutert, was mit der Kulturhauptstadt 2025 in der Stadt anders werden soll - und in Deutschland auch.

Stefan Schmidtke ist Geschäftsführer der Kulturhauptstadt Europas 2025 gGmbH in Chemnitz. Der Dramaturg und Kulturmanager hat das Programm der Wiener Festwochen gestaltet und als Dramaturg in Berlin, Düsseldorf und Stuttgart gearbeitet. In Osnabrück war er als Berater für das Jubiläumsjahr 375 Jahre Westfälischer Friede 2023 tätig. Unter dem Motto „C the Unseen“ will er Chemnitz neues Selbstbewusstsein geben und Biografien der Ostdeutschen erzählen. Kultur – das ist für ihn eher Graswurzel als Leuchtturm. Im Interview erläutert Schmidtke sein Programm für das Jahr als Kulturhauptstadt Europas 2025.

Frage: „C the Unseen“: Was sagt der Slogan zur Kulturhauptstadt Europas 2025? Was ist an Chemnitz so lange übersehen worden?

Antwort: Der Slogan bedeutet: Zeig Dich, sei dabei, mache Dich sichtbar. Es geht darum, dass es hier viele Biografien gibt, die von Transformation und gesellschaftlichem Wandel und Wechsel geprägt sind. Die Menschen hier haben sich aber nie unterkriegen lassen. Die Mentalität der Region zeichnet sich aus durch Ingenieursgeist, Tüftlertum und Macherqualitäten. Genau das sollen sie zeigen. Hier leben kluge Menschen, die viel erreicht haben und sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Wir schaffen Raum, dass Menschen ihre Biografien erzählen. Die fehlen bislang im gesamtdeutschen Narrativ. 

Frage: In der Wahrnehmung?

Antwort: Ja, genau. So gut die Wiedervereinigung auch gelaufen ist, so fehlt doch ein Teil der deutschen Geschichtserzählung, und wir glauben, mit der Kulturhauptstadt Europas 2025 den auch sichtbar machen zu können.

Frage: Ist das der rote Faden des Projekts?

Antwort: Ja. Wir versuchen, in verschiedenen Programmfeldern zum Beispiel den Tüftlergeist, auf der anderen Seite den Geist der Zivilgesellschaft und den der Kreativwirtschaft ineinander zu führen. Der rote Faden ist: Gestalte selbst mit, sei Zivilgesellschaft in vielen kleinen Initiativen. Es geht uns gar nicht um die Großprojekte. Wir wollen an jedem Gartenzaun, in jeder Garage mit der Community möglichst viel Kontakt von Person zu Person herstellen. Das fehlt. 

Frage: Ist das nicht schon immer die Aufgabe der Kultur gewesen?

Antwort: Die Kultur der letzten Jahrzehnte hat auch Bubbles, also Blasen produziert. Hier die Opernliebhaber, dort die Tanz- oder anderen Liebhaber. Was Chemnitz 2025 ausmachen wird, ist, dass alle neu aufeinander zugehen, auch gemeinsam Projekte umsetzen und sich auch international vernetzen.

Frage: In der Welt der Kultur gibt es die Leuchtturmprojekte und jene der Graswurzel. Wäre Chemnitz mit diesem Programm dann eher auf der Seite der Graswurzel angesiedelt?

Antwort: Wir sind nicht wie Dresden oder Leipzig eine Stadt, in der die Kultur an erster Stelle steht. Das Industriemuseum ist ein Flaggschiff, ebenso wie die Kunstsammlungen Chemnitz. 80 Prozent unseres Programms werden aber eher aus der Graswurzel kommen. Der Anteil der sogenannten Hochkultur wird entsprechend kleiner sein. 

Frage: Welche Argumente gibt es dann, für auswärtige Besucher Chemnitz als Kulturhauptstadt zu besuchen?

Antwort: Unser Slogan lädt dazu ein, etwas zu sehen, was man noch nicht kennt. Viele Menschen, die jetzt kommen, sind zum ersten Mal in Chemnitz. Unser größtes Kunstprojekt ist der Kunst- und Skulpturenweg Purple Path. Da sind Arbeiten weltbekannter internationaler Künstler wie Alice Aycock, Tony Cragg oder James Turrell, aber auch die von sächsischen Künstlerinnen und Künstlern wie Jana Gunstheimer oder Friedrich Kunath vertreten. Mit insgesamt über 30 Werken entsteht bis 2025 eine einzigartige Ausstellung zeitgenössischer Kunst im ländlichen öffentlichen Raum rund um Chemnitz. Die Arbeiten stehen für sich und sind eine Reise wert. Gleichzeitig stellt dieser Kunst- und Skulpturenweg eine symbolische Verbindung zwischen der Industriestadt Chemnitz und der vom Bergbau geprägten ländlichen Region her. Und er vermittelt auf spannende Weise zwischen Vergangenheit und Zukunft, zum Beispiel über die Materialen, aus denen die Kunstwerke bestehen, oder über die Bezüge zum jeweiligen Standort. Diejenigen, die in Düsseldorf leben und Tony Cragg kennen,  können so auf ganz neue  Weise in diese Region eintauchen und die vielen Facetten kennenlernen. 

Frage: Das Programm erweckt den Eindruck, dass in Chemnitz viel Redebedarf besteht. Worüber muss denn in Chemnitz gesprochen werden?

Antwort: Ich möchte die Frage an die Menschen in ganz Deutschland zurückgeben und fragen, ob nicht auf mehreren Ebenen Redebedarf besteht. Wir wollen die Biografien der Ostdeutschen mit ihren Brüchen aus den Garagen herauslassen. Die Chemnitzer Zivilgesellschaft ist besonders. In Westdeutschland gab es lange Ruhe. Da konnten sich Stadtgesellschaften mit ihren kommunikativen Wegen herausbilden. Chemnitz, eine Stadt, die ja auch lange Karl-Marx-Stadt hieß, ist eine Stadt voller Brüche. Der Wiederaufbau einer Zivilgesellschaft braucht das Gespräch und Zeit. Überall im Land gibt es Unzufriedenheit und viele Fragen. Mit Chemnitz 2025 stehen wir an einem neuralgischen Punkt. Es geht darum, unsere Gesellschaft gemeinsam neu zu denken. So wie bisher geht es nicht weiter. Die unzähligen Projekte, die aus der Zivilgesellschaft heraus für das Kulturhauptstadtjahr entstehen, schaffen Begegnung, Teilhabe und Auseinandersetzung.

Frage: Sie haben Kultur als Blase beschrieben. Kultur sollte aber doch immer das Verbindende sein. Was kann Kultur leisten, um die Risse in der Gesellschaft zu heilen?

Antwort: Es geht um Begegnung, darum, sich aus geschützten Räumen herauszuwagen und miteinander ins Tun und darüber ins Gespräch zu kommen. Wir sind Kulturhauptstadt Europas. Das heißt, wir fördern den Blick über den Tellerrand, initiieren internationale Kooperationen, einen europäischen Austausch. Das sind ja die Grundbausteine einer freien Zivilgesellschaft.

Frage: Oder einer freien Kultur…

Antwort: Ja, oder einer freien Kultur. Wir wollen in jeder Hinsicht die Grenzen überschreiten. Wir bieten deshalb nicht einfach nur bestimmte Produkte der Hochkultur an, sondern wollen offene Räume schaffen. Wir fragen zum Beispiel Schulen, ob sie sich vorstellen können, mit einer Firma zusammen Bäume zu pflanzen. So kommen die Menschen zueinander.

Frage: Das klingt nach Joseph Beuys und seinen 7000 Eichen.

Antwort: Der hat sein Projekt etwas anders gedacht. Beuys gab dem Bürgertum eine Gelegenheit, sich mit Geld freizukaufen. Man musste ja eine Einlage leisten. Beteiligung sieht heute anders aus. Wir bieten die Pflanzware an. Was die Menschen dann damit machen, wie sie sich verbünden, entscheiden sie selbst. Das ist schön, aber auch anstrengend, weil dabei Grenzen überschritten werden müssen.

Frage: Meinen Sie damit jene, die protestieren, etwa für das Klima?

Antwort: Ja, es gibt junge Leute, die sich irgendwo festkleben. Mit denen muss man reden, sie einbinden in die Prozesse.

Frage: Sie haben in Osnabrück die Vorbereitung auf das Jubiläumsjahr 375 Jahre Westfälischer Friede 2023 beraten. Welche Erfahrungen aus Osnabrück haben Sie denn nach Chemnitz mitgenommen?

Antwort: Ich habe wieder einmal gesehen, dass man bei Prozessen der Beteiligung langfristig mutig sein muss. Man darf sich nicht beirren lassen. Dieser Prozess wird oft nicht verstanden, gerade von jenen, die Kultur nur als Blase sehen. In Osnabrück ist der Ansatz hervorragend gelungen. Auch dort war es Pionierarbeit für eine völlig neue Weise, Stadtkultur für die  Zukunft zu gestalten. Herzliche Glückwünsche nach Osnabrück. Die Differenz: In Osnabrück ist das aus dem Kulturamt heraus betrieben worden. Das bringt eine Amtsleiterin in die schwierige Situation, immer als Amtsperson handeln zu müssen. In Chemnitz ist das Projekt Kulturhauptstadt Europas von einer gGmbH geleitet, die regelmäßig an einen Aufsichtsrat berichtet. Das Stadtparlament wird informiert. Damit entstehen andere Spielräume.

Frage: Ist das der Unterschied zum Osnabrücker Modell?

Antwort: Die Osnabrücker Leiterin und ihr Team haben sehr mutig und erfolgreich agiert. Das Projekt ist gelungen. In Chemnitz hat man sich anders entschieden. Ich meine das nicht als Kritik. Was gleich ist: Mit einem Großprojekt stehen Sie massiv in der Öffentlichkeit, damit hat man zu kämpfen, das ist dann mehr, als ein Amt repräsentiert.

Frage: Welche Widerstände gibt es denn in Chemnitz?

Antwort: Viele fragen: Was machen die da eigentlich? Wie kann ich mitmachen? Und was soll das alles? Diese Widerstände sind überwindbar durch ständige Kommunikation und Angebote zur Partizipation. Menschen fragen immer nach dem Ergebnis. Aber schon während sie miteinander sprechen, sind sie in dem Prozess, den wir meinen.

Frage: Und das bedeutet konkret?

Antwort: In dem Projekt „3000 Garagen“ werden wir beispielsweise die Türen zu diesen typisch ostdeutschen Garagenhöfen öffnen und Menschen einladen, aus ihren Biografien zu erzählen und diese Orte über ihre eigenen Geschichten lebendig werden zu lassen. Das ist nicht so einfach. Der Garagenbesitzer befindet sich schließlich in seinem Privatraum. Sobald er in die Öffentlichkeit geht, wird er oder sie spüren, wie sich die Dinge durch diesen Schritt verändern.

Antwort:  

Frage: Zwickau und Chemnitz waren Rückzugsbereiche des NSU, Nationalsozialistischer Untergrund. Welche Rolle spielt der Blick auf eine rechtsradikale Terrororganisation im Jahr der Kulturhauptstadt?

Antwort: Wir schauen nach vorn. Unser Anliegen ist es, möglichst viel kulturelle Beteiligung zu initiieren. Wir werden uns nicht so sehr mit der Reflexion beschäftigen. Das macht ein einzelnes Projekt mit dem Titel „Offener Prozess“. Das ist ein Kunst- und Kulturprojekt, in dem reflektiert wird, wo Rassismus und Fremdenfeindlichkeit herkommen und wie sie entstehen. Es ist Bestandteil der neu entstehenden Dokumentationszentren zum NSU-Komplex. Es muss positive Reflexionen geben über Wege, die aus dem Extremismus herausführen.

Frage: Viele schauen gespannt auf die Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen, vor allem mit Blick auf die hohen Umfragewerte für die AfD. Welchen Einfluss werden mögliche Wahlergebnisse auf den Verlauf des Kulturhauptstadtjahres nehmen?

Antwort: Rein fiskalisch und organisatorisch wird es keine Auswirkungen geben. Das Projekt der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 ist in der guten Lage, dass alle Budgets, alle Mittelflüsse politisch unter Dach und Fach sind. Die Chemnitz 2025 gGmbH ist in der Stadt so eingebettet, dass es konzentrische Kontrollmechanismen gibt, die unsere Arbeit überwachen. Wir sind mit unseren künstlerischen Projekten freigestellt. Die Politik mischt sich da nicht ein. Es stehen 110 Millionen Euro für das künstlerische Programm und für Investitionen bereit. 

Frage: Nach 2025 soll es weitergehen?

Antwort: Ja, wir hatten dazu schon unsere erste Konferenz. Der Prozess der Kulturhauptstadt geht von 2017 bis 2027. Jetzt denkt die Stadt darüber nach, was nach dem Jahr bleiben soll und wie es verstetigt werden kann. Wir sind stolz darauf, dass mit dem Festival Theater der Welt 2026 Deutschlands größtes Theaterfestival in Chemnitz stattfinden wird. Das wandert alle drei Jahre in eine andere deutsche Stadt und hat zuletzt 2023 in Frankfurt am Main stattgefunden. Das ist ein deutliches Signal dafür, dass es hier weitergeht. Die Bundeskulturstiftung gibt 7,5 Millionen Euro für ein Kinder- und Jugend-Entwicklungsprogramm. Die „Junge Kulturhauptstadt“ ist damit bis 2029 angelegt. Auch außerhalb von Chemnitz wird klug mitgedacht, wie der Impuls der Kulturhauptstadt fortgeführt werden kann. Nichts ist für eine Kulturhauptstadt Europas schlimmer, als wenn am 31. Dezember Aschermittwoch ist. Das darf nicht passieren.

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