Berlin Was die Menschen an Royals fasziniert
Permanent berichten Zeitschriften über Prinz William, Fürstin Charlene oder Königin Maxima. Warum sind die Deutschen so verrückt nach Adligen – und ist das ein Problem?
Kronprinzessin Victoria: Das Ende einer großen Liebe. König Charles: Er hat noch einen Wunsch. Prinzessin Caroline: Ein Leben voller Dramen. Das sind einige von unzähligen Überschriften, mit denen Zeitschriften wie „Frau im Spiegel“, „Adel aktuell“ oder „Freizeitrevue Royal“ Woche für Woche über Königshäuser berichten.
Auch in seriösen Medien werden royale Themen gut gelesen – und das, obwohl Adel im Grunde ein gestriges Thema ist: Nirgends in Europa gibt es noch eine absolute Monarchie, Standesdenken und die Vererbung von Privilegien scheinen überholt, und der Adel ist in Deutschland seit über 100 Jahren abgeschafft.
Ein Karl Theodor zu Guttenberg entstammt zwar einem fränkischen Adelsgeschlecht – adlig ist er aber nicht. Und Prinz Ernst August von Hannover ist auch kein Prinz, sondern ein Bürgerlicher, der die Bezeichnung „Prinz“ genauso wie das „von“ lediglich im Namen trägt. Wieso wird trotzdem über die „Blaublütigen“ (Bunte) berichtet, und weshalb so erfolgreich? Und ist das schlimm, eine Gefahr für die Demokratie gar?
In einem Essay fragt der Soziologe Joachim Renn: „Steckt hinter dem populären Reiz des personifizierten Geburtsprivilegs womöglich eine Verdrossenheit gegenüber dem sperrigen politischen System (...)? Stehen die Tränen über das Schicksal der Lady Diana in einer geheimen Verbindung mit der Frustration über die realdemokratische Wirklichkeit scheinbar entrückter und fremdartiger Politik?“ Müssen wir uns also Sorgen machen, weil die Menschen nach Prinzen und Königinnen lechzen?
Michael Hartmann ist Deutschlands bekanntester Elitenforscher und glaubt nicht daran. „Die Faszination für den Adel ist politisch unproblematisch. Es ist im Grunde nichts anderes als mit anderen Celebrities. Ob man Adele nimmt oder Taylor Swift – in der Kategorie bewegt sich der Adel mittlerweile auch“, erklärt der Soziologe.
Niemand wünsche die Monarchie zurück, nur weil er gern Neuigkeiten über die Windsors lese. „Das Thema hat sich für die Deutschen erledigt, das haben Umfragen immer wieder gezeigt.“
Und er betont, dass die Begeisterung für den Adel jenseits von Klatsch und Tratsch stark abgenommen hat: „In meiner Heimatstadt gab es früher eine große britische Garnison, und wenn die Queen zu Besuch kam, standen Tausende an der Straße – die hatten als Kinder ja noch den Kaiser erlebt. Das würden Sie heute nicht mehr erleben. Wenn King Charles käme, würden da ein paar 100 Leute stehen.“
Es geht also weniger um Ehrerbietung gegenüber dem Stand als um dessen Glamour. Auch Joachim Renn verweist darauf, dass der Adel nicht als Herrschaftselite oder echte Autorität interessiert – sondern als Projektionsfläche. Übrig bleibe zum Wunschbild „eine Mischung aus Märchenkulisse, Galagarderobe und Charakterfestigkeit.“
Aber gibt es tatsächlich keinen Unterschied zwischen der Prominenz einer Taylor Swift und einer Prinzessin Kate? „Bei Adligen gibt es eine lange Kontinuität“, ergänzt Michael Hartmann. „Wenn ein berühmter Sänger stirbt oder etwas anderes macht, dann war‘s das eben. Das ist bei den Königshäusern anders. Die Queen gibt es nicht mehr, aber jetzt gibt es King Charles und sollte der sterben, gibt es King William. Sie haben eine andere Traditionslinie.“
Joachim Renn nennt zwei Motive, die die Begeisterung für Royals von der für Hollywoodstars unterscheiden könnten: Womöglich sehnen sich Adelsliebhaber danach, aus dem „Elend des Gewöhnlichen“ erlöst zu werden, ohne etwas leisten zu müssen: „So beruht die Faszination des Adels vielleicht in Teilen auf der diffus verspürten Verheißung der Ausnahme von der Leistungsregel“, schreibt der Soziologe der Uni Münster.
Zudem werde die adelige Lebensart durch bürgerliche Moral diszipliniert: Kommuniziert die Herzogin nicht politisch korrekt, gibt es einen Skandal. Betrügt ein König ständig seine Frau, ist das heute kein Adelsprivileg mehr, sondern unehrenhaft. „Der Adel, dem seine Wertschätzung durch das Publikum zu großen Teilen aus den Wolkenpalästen der Traumgebilde zukommt, muss für die Anerkennung seiner Prominenz (...) einen Preis entrichten“, erklärt Joachim Renn.
Wie lange wird sich das europäische Publikum seine Wolkenpaläste noch leisten wollen? „Schwer zu sagen“, sagt Elitenforscher Hartmann. „Spanien wird wahrscheinlich das erste Land sein, in dem das Königshaus auf der Kippe steht, weil die Monarchie dort umstrittener ist als anderswo und es viele Skandale gab. Aber auch in Großbritannien wird die Diskussion zunehmen, weil die Monarchie ja nicht ganz billig ist.“
Und was findet er – braucht es den Adel noch? „Eigentlich könnte man das alles ersatzlos abschaffen, so wie Österreich das gemacht hat. Das wäre kein Verlust. Die Leute würden sich sehr schnell daran gewöhnen, dass es keinen König mehr gibt.”