Hamburg  Rolf Zuckowski: Tiktok ist nichts für Kinder

Lea Borner
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Von Lea Borner
| 17.05.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Seit er ein junger Vater war, schreibt Rolf Zuckowski Kinderlieder – heute singt er sie immer noch seinen Enkeln vor. Foto: dpa/Jonas Walzberg
Seit er ein junger Vater war, schreibt Rolf Zuckowski Kinderlieder – heute singt er sie immer noch seinen Enkeln vor. Foto: dpa/Jonas Walzberg
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Rolf Zuckowskis Lieder haben Generationen von Kindern beim Aufwachsen begleitet. Bis heute ist der Hamburger einer der erfolgreichsten Musiker Deutschlands. Im Interview verrät der Künstler, ob ihm die Ideen ausgehen, ob er seine Lieder an den gesellschaftlichen Wandel anpasst – und wieso er Kinder nicht zu Tiktok locken will.

Sein kleines Hybridauto fädelt Rolf Zuckowski in eine enge Parklücke in Hamburg-Blankenese ein. Den Stadtteil nennt er liebevoll „mein Dorf“. Kaum hat der Komponist von Liedern wie „Wie schön, dass du geboren bist“ und „In der Weihnachtsbäckerei“ die Autotür geöffnet, kommt ein Mann mit zwei Mädchen auf Zuckowski zu.

„Hallo, entschuldigen Sie, Herr Zuckowski! Ich hatte gestern schon kurz mit Ihnen gesprochen, könnten wir heute vielleicht ein Selfie machen? Sie nervt das bestimmt …“, sagt der Mann. Weiter kommt er nicht. „Sie nerven überhaupt nicht“, antwortet Zuckowski und geht lächelnd auf den Mann zu. „Gerne können wir ein Foto zusammen machen!“, sagt der Künstler, dann unterhält er sich kurz mit den beiden schüchternen Kindern. Klick, das Foto ist im Kasten.

Danach führt Zuckowski die Reporterin für einen kurzen Abstecher Richtung Treppenviertel, „nur um einmal kurz auf die Elbe zu blicken“, wie er sagt. Gerade ist kein Schiff zu sehen: „Schade!“

Weiter geht es zu einem von Zuckowskis Lieblingscafés. Immer wieder hält der Musiker an, begrüßt Freunde und Bekannte, bespricht noch schnell eine Kleinigkeit für ein Projekt mit der Inhaberin eines Buchladens. Dann ist er so weit: Das Interview kann beginnen. Im Gespräch schwärmt Zuckowski vom Mai, warnt Kinder vor Tiktok und gibt nach 53 Jahren Ehe Beziehungstipps.

Frage: Herr Zuckowski, Generationen von Kindern sind mit Ihren Liedern wie „Die Jahresuhr“, „Wie schön, dass du geboren bist“ und „In der Weihnachtsbäckerei“ aufgewachsen. Auch als Erwachsener hat man noch die ein oder andere Melodie von Ihnen im Kopf. Geht es Ihnen auch so? Was ist Ihr ganz persönliches Lied, das Sie begleitet?

Antwort: Jetzt ist es Mai. Und „Der Mai, der Mai, der lustige Mai“ war immer mein Lieblingskinderlied. Ich mag den Monat sehr gerne, auch wenn ich zur Allergie neige. Wenn die Birken ausgeblüht haben, dann kann ich den Mai richtig genießen. Für mich ist das Besondere am Mai das noch sehr frische Grün, die Wärme, die nicht Hitze wird, und es ist der Spargel, den ich sehr schätze. Nicht umsonst wird der Mai auch Wonnemonat genannt. Der 12. Mai als Geburtstag ist natürlich auch ein Teil von mir, ich muss den Monat lieben, er hat mich zur Welt gebracht. (lacht) Ich glaube von meinen eigenen Liedern begleitet mich am intensivsten „Wir sind gemeinsam unterwegs – auf einer Reise durch die Zeit“. Das ist ein generationenverbindendes Lied, dass ich geschrieben habe, als meine Kinder noch jung waren. Aber es beinhaltet auch die Vision, dass es irgendwann den letzten Hafen geben wird, in dem das Schiff beladen mit Erinnerungen ankommt.

Frage: Sie haben über 800 Lieder geschrieben, gehen da nicht irgendwann die Ideen aus?

Antwort: Die Ideen gingen mir ungefähr vor 10 Jahren nach und nach aus. Das macht mir das Herz aber nicht schwer. In den frühen Jahren habe ich viele Lieder geschrieben, weil ich in Situationen dachte: Wenn es dazu kein Lied gibt, das müsstest du schreiben. Mein Repertoire ist inzwischen so vielfältig, dass ich kaum noch Situationen habe, in denen ich nicht wüsste, welches Lied dazu passt. Manchmal passe ich Lieder an die Gelegenheit an, zum Beispiel mit einer neuen Strophe und ein anderes Mal gibt es einen neuen Personennamen, den ich einfließen lasse.

Frage: Im März 2022 war „Ich schaff‘ das schon“ (1986), eines Ihrer bekanntesten Lieder von früher, an der Spitze der Tiktok-Charts in Deutschland. Sie sind auch auf Tiktok, Facebook, Youtube und Instagram aktiv: Wie stehen Sie zu Social Media?

Antwort: Zu TikTok habe ich, wie viele andere auch, ein etwas gestörtes Verhältnis. Meine Schallplattenfirma hat mir vor drei Jahren gesagt, dass ich auf Tiktok aktiv werden soll. Das sei das wichtigste Promotionsspielfeld. Ich habe es dann mit der Designerin und Illustratorin Sarah Settgast zusammen ausprobiert. Sie hat in Streichholzschachteln kleine 3D-Bilder gebaut, passend zu meinen Liedern. Die Videos haben wir zu Weihnachten veröffentlicht und eine riesige Resonanz bekommen. Das ist aber nicht für Kinder. Ich will nicht den Eindruck erwecken, dass man sie zu Tiktok locken soll. Die typischen Kinderlieder von mir gibt es auf meinem Account bei Tiktok deshalb nicht. Ich glaube, für Kinder gibt es bessere Plattformen.

Schauen Sie sich eine der Streichholzschachteln im Tiktok-Video an:

Frage: In welchen Lebensphasen oder Situationen denken Sie an Ihr bekanntes Lied „Ich schaff’ das schon“?

Antwort: Seit einigen Jahren habe ich es im Kopf, wenn ich auf der Bühne stehe. Das sind meistens nur noch kleine Gastspiele zu sozial-kulturellen Anlässen. Wenn ich dann Lieder singe, die ich lange nicht gesungen habe, muss ich mich anstrengen, um nicht die Nerven zu verlieren. Ich übe vor diesen kleinen Auftritten heute mehr, als früher für große Konzerte. „Ich schaff’ das schon“ ist fast immer im Programm und betrifft dann auch mich. Das große Blackout (Vergessen des Textes, Anm. d. Red.) hatte ich bisher noch nie, aber die Ängstlichkeit ist größer geworden. Bei Termin- und Kalenderfragen kommt mir „Ich schaff’ das schon“ auch oft in den Kopf. Ich neige immer noch dazu, bei zu vielen Anfragen „ja“ zu sagen. Wenn der Kalender am Ende wieder voller ist, als meine Frau und ich das wollen, denke ich auch „Ich schaff’ das schon“ oder besser: „Wir schaffen das schon“. Ich bereue am Ende aber keinen der Auftritte.

Frage: Sie unterstützen jüngere Musikgruppen, die Kindermusik machen, zum Beispiel die rappende Band „Deine Freunde“. Könnte es bald auch einen Rolf-Zuckowski-Rapsong geben?

Antwort: Es gibt einen ganz leisen Rap von mir, der heißt „Ich wollte ein Lied schreiben“ von 1990. Aber nein, ich bin nicht derjenige, der auf diese Art mit Rhythmus und Worten gut umgehen kann. Ich bewundere das sehr. Ich sehe aber im Moment keinen Reiz darin, das Genre zu wechseln. Das Abenteuerland Musik habe ich für mich gut genug durchforstet.

Zuckowskis Lied „Ich schaff das schon“ auf Youtube:

Frage: Sie machen auch für Erwachsene Musik, wie erklären Sie sich, dass Ihre Kinderlieder bisher immer beliebter waren?

Antwort: Als ich damals anfing, Kindermusik zu machen, gab es einfach sehr wenig Ähnliches. Die Bereitschaft meine Lieder in Kindergärten, Spielkreisen und Schulen aufzunehmen, war riesig. Es hat sich ein ganzer Acker aufgetan, den man erstmal pflügen musste und der dann zum Blühen kam. In den anderen Feldern, wie bei Schlagern, Pop oder Rock, gab es bereits viele Interpreten. Meine Lieder waren damals schon sehr familiär: Zum Beispiel die „Vogelhochzeit“, in der es um Mutter, Vater, Kind und den Nestbau geht, aber eben auch darum, sein Kind eines Tages loszulassen. Die Resonanz bei den Kindern, Eltern und Pädagogen war so stark, dass mich das ermutigt hat, immer weiter neue Lieder zu schreiben. Die Kraft dieser kindlichen Lieder lebt auch davon, dass sie nicht vom Interpreten abhängig sind. Stattdessen kommen die Lieder in die Kinder rein und dann wieder aus den Kindern raus. Irgendwann sind es dann nicht mehr meine Lieder, sondern die Lieder der Kinder. Sie singen nicht „In der Weihnachtsbäckerei“ und denken dabei immer an Rolf, sondern an sich und ans Backen. Diese Lieder haben eine Selbstverbreitungskraft, was im Pop- oder Schlagerbereich gar nicht so einfach ist. Meine Kinder haben mich oft inspiriert, auch als sie längst keine Kinder mehr waren. Man könnte meinen Lebenslauf auch an vielen Liedern festmachen. Für meine verschiedenen Lebensphasen fand ich Töne.

Frage: Sie sind seit 53 Jahren mit Ihrer Frau verheiratet und bezeichnen sie als Ihren „Lifetime Award“. Was ist Ihr Rezept für eine erfolgreiche Ehe?

Antwort: Es ist wichtig, einander genug Freiheiten zu lassen. Meine Frau hat zum Beispiel immer Sport gemacht oder sich mit Freundinnen oder ihrer Doppelkopfgruppe getroffen. Ich hatte eher berufliche Termine und Musiker-Freundschaften. Das sind für uns beide jeweils Felder, in denen wir uns wohlfühlen und in denen wir uns weiterentwickeln konnten. Paare sollten nicht zu eng aufeinander kleben und alles zusammen machen. Wenn man dann etwas gemeinsam macht, sollte man Dinge finden, die beide gleich intensiv gut finden. Das kann alles sein. Wir haben zum Beispiel einen ähnlichen Musikgeschmack: Wir mögen beide melodiöse Musik, aber durchaus nicht nur Balladen und Chansons und auch nicht nur alte Lieder. Es kann gerne auch mal Johannes Oerding oder Michael Patrick Kelly sein. Wir mögen Songwriter, die etwas zu sagen haben und das mit einer starken Melodie ausdrücken. Wenn wir zu Hause Abendessen, dann lege ich immer eine CD aus unserer großen Sammlung auf. Ungefähr 20 davon sind die, die wir immer wieder hören. Ich schaue meine Frau auch noch sehr gerne an. Sie ist älter geworden, aber ich sehe heute noch das 16-jährige Mädchen, in das ich mich verliebt habe. Wie es ihr dabei geht, kann ich nicht sagen. Nur soviel: Wir schauen uns oft noch lange an und nehmen uns genau wie früher fest ihn den Arm. Das ist aber ein Glück, dass vom Himmel fällt, das kann sich niemand erarbeiten.

Frage: Würden Sie allgemein sagen, dass Sie ein Optimist sind?

Antwort: Ja, aber ich fühle mich auch zum Optimismus verpflichtet, für meine Kinder und Enkel. Wenn ich Zweifel habe, wie alles wieder gut werden kann, verunsichere ich sie. Ich sehe es als Pflicht an, den jüngeren Generationen zu zeigen, dass das Leben gut ist und dass die aktuelle Weltlage irgendwann auch wieder besser wird. Pessimisten bringen die Welt auch nicht richtig voran. Optimismus heißt nicht Oberflächlichkeit, sondern sie ist das Bewusstsein, dass wir eine gute Welt haben. Mit großen Problemen, die wir gar nicht lösen können, aber auch mit kleineren, zu deren Besserung wir etwas beitragen können. In meinem Lied „Wir Optimisten“ geht es genau darum. Ich versuche auch selbst etwas dazu beizutragen, dass die Welt besser wird.

Frage: Ihre Lieder berühren Kinder nicht nur, sondern erklären ihnen die Welt. Deshalb sind Ihre Kinderlieder mittlerweile auch von der Diskussion um das Gendern betroffen. Was halten Sie vom Gendern?

Antwort: Ich finde es nicht melodisch. Wenn man wie ich ein Melodie-Erfinder ist und den Klang der Sprache liebt, dann müssen Wörter in einem gewissen Fluss klingen. Die verschiedenen Formen des Genderns lassen sich melodisch nicht unterbringen, egal ob Doppelnennung oder Sternchen. In einem meiner Lieder singen wir „Schüler, Lehrer, Elternrat, heute gibt es kein Diktat!“ Natürlich ist darin die Gemeinschaft aller Schüler gemeint und aller Lehrkräfte, ob männlich oder weiblich. In der melodischen Musik ist das Gendern unmöglich. Da ich nun mal ein singender und Melodien erfindender Künstler bin, kann ich mich auf der Kommunikationsebene nicht völlig anders verhalten als auf der Musikebene. In zwei Sprachwelten kann ich nicht leben. Ich bin aber bemüht, da wo es mir wichtig erscheint, zu zeigen, dass es nicht nur um Männer geht, also auch die weibliche Form zu betonen. Wenn es um Diversität geht, sollte sie zum Thema gemacht und nicht durch ein Sprachkürzel oder eine Sprechlücke abgehakt werden. 

Frage: Wie nehmen Sie Ihre Lieder im Kontext des gesellschaftlichen Wandels wahr? Könnte es bald nicht mehr „Opa liebt Omama“, sondern auch „Opa liebt Opapa“ heißen?

Antwort: Das halte ich für unwahrscheinlich – obwohl es solche Opas gibt, muss ich sie nicht besingen. Das können sie ja selbst machen. Ich glaube, dass ich nicht jede Befindlichkeit besingen muss, die andere Menschen haben. Ich sollte möglichst bei dem bleiben, was ich authentisch fühle. Ein Thema muss emotional mein Ding sein. Es gibt viele Lieder von mir, die Spielräume lassen. Ein Lied wie „So wie du bist“, kann man interpretieren, wie man will. Ich kann nicht wie ein Journalist ein Thema bedienen, weil es gerade en vogue ist oder dringend behandelt werden muss. Ich will aber nicht ausschließen, dass von mir noch etwas kommt, das überraschen könnte.

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