Aachen Rabbiner Pinchas Goldschmidt: „Die Karlspreisträger 2024 leben in Angst“
Der Präsident der Europäischen Rabbiner-Konferenz, Pinchas Goldschmidt, wurde mit dem Internationalen Karlspreis 2024 ausgezeichnet – und mit ihm die jüdischen Gemeinden in Europa. Der Preisträger ist seit vielen Jahren Chef der europäischen Rabbiner.
Pinchas Goldschmidt stand allein am Pult in diesem ehrwürdigen Krönungssaal, aber er machte sofort deutlich, dass er für 1,5 Millionen Jüdinnen und Juden in Europa sprach. „Die Karlspreisträger 2024 leben in Angst“, sagte der Präsident der Europäischen Rabbiner-Konferenz am Donnerstagvormittag im Aachener Rathaus, nachdem ihm unter dem Kreuzrippengewölbe dieses mittelalterlichen Orts der Internationale Karlspreis verliehen wurde.
Er nannte die Auszeichnung in seiner Dankesrede „einen Lichtblick“ und „eine Ermutigung in einer herausfordernden Zeit“. Tatsächlich ging der Preis nicht nur an den 60-jährigen Rabbiner, sondern zugleich an die jüdischen Gemeinden in Europa.
Das Karlspreis-Direktorium wolle damit das Signal setzen, „dass jüdisches Leben selbstverständlich zu Europa gehört und in Europa kein Platz für Antisemitismus sein darf“, wie es in der Begründung hieß. „Das klingt märchenhaft“, sagte Goldschmidt in seiner Dankesrede. Leider sei das Gegenteil der Fall. „Jüdisches Leben ist eben nicht selbstverständlich, und in Europa ist viel Platz für Antisemitismus.“ Er sei zu alt, „um an Märchen zu glauben, aber ich bin zu jung, um aufzugeben“, sagte Goldschmidt und rief dazu auf, zusammenzustehen.
Freiheitsliebende Demokraten müssten ihre Werte verteidigen. Der Geistliche ist der wohl bekannteste Rabbiner in Europa. Er steht seit fast 13 Jahren als Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner vor, in der mehr als 700 Rabbiner vertreten sind. Zudem setzt er sich unermüdlich für den Dialog der Religionen wie auch für Frieden, Toleranz, Vielfalt und Verständigung ein.
So betont er etwa stets das Verbindende der Religionen und hat unter anderem das Gremium des europäischen Muslim-Jewish-Leadership Councils mitgegründet, in dem hochrangige jüdische und muslimische Würdenträger im Austausch stehen. Geboren in Zürich, lebte er zuletzt drei Jahrzehnte in Russland. In Folge der Invasion Wladimir Putins in die Ukraine verließ er Moskau, nachdem er sich dem Druck auf die Leiter der jüdischen Gemeinden, den Krieg zu unterstützen, widersetzt hatte.
Goldschmidts Leben und Wirken ermögliche „einen Blick auf das, was Europa sein kann, sein sollte und im Schatten der Welt, wie sie heute ist: sein wollen muss“, sagte Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) in seiner Laudatio. „Menschen machen einen Unterschied, wenn sie wie Rabbi Goldschmidt einen Unterschied machen wollen.“ Das sei ein Auftrag an uns alle: „Aufzustehen, wenn Menschen unterdrückt, Minderheiten bedroht oder Gewalt eingesetzt wird.“ Mit der Ehre für Goldschmidt setze die Jury laut Habeck ein Zeichen gegen Antisemitismus und dafür, „dass jüdisches Denken und jüdisches Leben Europa reicher macht“. Habeck traf in jeder Hinsicht den richtigen Ton.
Auch wenn die diesjährige Verleihung am Europatag klar eine Verbindung zu den Konflikten dieser Zeit zog. Man nehme ganz ausdrücklich „keine Position im Gaza-Krieg“ ein, sagte Armin Laschet, ehemaliger Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens und Mitglied des Karlspreisdirektoriums, gegenüber dieser Zeitung. Das seien „zweierlei Sachen“. Hier das alltägliche Leben der Juden in Europa, dort der Kurs der israelischen Regierung. Doch kann man in der aktuellen polarisierten Debatte diese Trennlinie wirklich ziehen und die jüdischen Gemeinschaften in Europa auszeichnen, ohne die Ereignisse im Nahen Osten zu bewerten?
Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, findet schon. Es gehe darum, „dass Jüdinnen und Juden in Europa nicht dafür verantwortlich gemacht werden sollen, was im Gaza-Streifen passiert“, sagte er gegenüber dieser Zeitung. Man könne kritisch gegenüber dem Vorgehen der israelischen Armee sein. „Aber es kann nicht angehen, dass hierunter Bürger in Europa leiden und in Kollektivhaft genommen werden“, so Klein.
Tatsächlich zeigte sich bereits bei den Diskussionsveranstaltungen im Vorfeld der Verleihung, wie schwer sich viele Vertreter aus Politik und Kultur taten mit der Differenzierung. Die radikalislamische Terrororganisation Hamas tötete am 7. Oktober fast 1200 Menschen in Israel. Tausende wurden verletzt, rund 240 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Die israelische Regierung reagiert seitdem mit einer großangelegten Militäroffensive, bei der in dem palästinensischen Gebiet bereits mehr als 34.000 Menschen ihr Leben verloren. Gleichzeitig ist die Zahl der antisemitischen Straftaten in vielen Ländern Europas stark gestiegen.