Emden und der Fisch Die Matjestage können kommen – der beste Hering ist gewählt
Bei der traditionellen Matjesprobe hat sich der Sieger-Fisch gegen drei Konkurrenten eindeutig durchgesetzt. Was macht ihn zum Leckerbissen? Und darf man ihn noch bedenkenlos essen?
Emden - Die etwa 50-köpfige Jury hat es sich am Dienstagvormittag nicht leicht gemacht, den diesjährigen Sieger-Matjes auszuwählen. Manch einer der Testesser ging im feierlichen Rummel des alten Rathauses in Emden lieber noch ein zweites Mal zum Buffet, um sich die vier Proben erneut auf der Zunge zergehen zu lassen. Die Entscheidung hat immerhin Auswirkungen auf die kommenden Matjestage, das größte Volksfest in Emden.
Denn: Bei der traditionellen Matjesprobe wird darüber entschieden, aus welcher Fang-Charge und Fisch-Fabrik aus Norwegen der Rohfisch kommt, der dann bei der Emder Matjes- und Feinkostmanufaktur Fokken & Müller verarbeitet und für das große Volksfest rund um den Delft angeboten wird. Um die 150.000 Gäste werden erwartet. Wenn jeder nur einen Matjes isst, gehen insgesamt rund zehn Tonnen Fisch über die Theke.
Matjes ist doch gleich Matjes?
Absolut nicht, wie Klaas Müller von dem Emder Familienunternehmen vor Ort erklärte. Auf den Geschmack und die Konsistenz des Herings haben viele Faktoren einen Einfluss, etwa das Futter, das Wetter, der Zeitpunkt. Wenn die Sonne stark auf die Nordsee scheint, dann bildet sich mehr Plankton, was vom Hering gefressen wird, erklärt Müller. Ist der Fisch besser genährt, dann schmeckt er auch besser. In welchem Monat er gefischt wurde und wo, kann auch einen deutlichen Unterschied ausmachen.
Der jungfräuliche Hering wird hauptsächlich in einer etwa viereckigen Zone gefangen, die sich von der Südspitze Dänemarks bis zum schottischen Aberdeen und von der westnorwegischen Hafenstadt Ålesund bis zu den Shetland-Inseln erstreckt. Insbesondere Richtung Shetland-Inseln seien die Fischer meist „recht erfolgreich“. Am 1. Juli 2023 haben Fischer für die Fisch-Fabrik Måløy im westnorwegischen Deknepollen den Fang eingefahren, aus dem die Probe in Emden gewonnen hat. 67 Prozent der Testesser stimmten dafür. Weit abgeschlagen sind damit die Proben vom Fang vom 5. Juli, vom 5. August und dem 6. Juli. „Wir werden so viel aus der Rohware für die Matjestage produzieren, wie möglich“, sagte Klaas Müller.
Darf man Matjes noch bedenkenlos essen?
Die Meere sind überfischt, viele Fischarten sollte man guten Gewissens nicht mehr essen. Doch: Den Sommer-Hering aus dem genannten Fangbereich der Nordsee bei Norwegen könne man laut Klaas Müller noch bedenkenlos essen. Die Ware habe weiterhin das Siegel der gemeinnützigen Organisation Marine Stewardship Council (MSC), die nur nachhaltigen, umweltschonenden Fischereien verliehen wird. Was nördlich von den Fanggebieten gefischt wird, habe das Siegel indes verloren, sagt Klaas Müller. Es werde „sehr genau“ auf den Bestand geschaut, betont er.
Auf der Website von MSC heißt es, dass der Hering aus dem Nordostatlantik das Siegel im Dezember 2020 nicht wegen den Folgen des Klimawandels verloren habe. Es gehe stattdessen darum, dass die zuständigen Länder - die EU, Norwegen, Island, Großbritannien, Grönland und Russland – es nicht schafften, „sich auf eine Fangquotenaufteilung zu einigen, die der Bestandssituation gerecht wird: Um ein Drittel lag die Fangmenge des atlanto-skandischen Herings zuletzt über der wissenschaftlich empfohlenen Menge“. Der Hering aus der westlichen Ostsee hatte bereits 2019 das Siegel für nachhaltige Fischerei verloren. Der Klimawandel setzt dem Bestand zu, so MSC.
Wird es auch in Zukunft Emder Matjes geben?
Derzeit sieht es so aus. Ein Zeichen dafür, dass die Schutzmaßnahmen wirken, sei beispielsweise, dass die Fangquote im Vergleich zum vergangenen Jahr erhöht worden sei, so Klaas Müller. Das heißt, es dürfen mehr Fische gefangen werden, weil offenbar mehr vorhanden sind. Die Produkte für die Matjestage 2025 scheinen also auch bereits gut gesichert. Das aber sei nicht nur von der Fangmenge abhängig, sondern auch davon, wie heiß begehrt der Hering in anderen Branchen ist. Der Unternehmer erklärt, dass die Fische auch für Medizinprodukte, Öle - und Tierfutter verwendet werden.
„Es ist ein Riesenärgernis“, sagt der Emder. Hering werde, wenn der Tiermehl-Preis an den Märkten hoch ist, von den norwegischen Fischern nicht für den Teller gefangen, sondern lieber für den Trog. Fisch aus der Nordsee für Tiermehl, das an Masttiere zu Land verfüttert wird, zu fangen, sei für die Fischer bei höheren Preisen nicht nur lukrativer, sondern ohnehin oft leichter.
Die Fischer dürfen dann bis zu 1000 Tonnen Fisch an Bord haben, nicht nur bis zu 400 Tonnen wie beim Speisefisch. Der Fang, der zu Futter wird, könne auch unkomplizierter an die entsprechenden Fabriken geliefert und dort schnell zu Mehl werden. „Solange es so ist, wird die Natur nicht wertgeschätzt“, ärgert sich Klaas Müller.
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels war davon die Rede, dass bei um die 150.000 Gästen rund 10.000 Tonnen Fisch beim Volksfest über die Theke gehen. Das stimmt natürlich nicht. In Emden wird zwar viel Fisch gegessen, aber rund 67 Kilo pro Person ist dann doch etwas viel. Es soll natürlich zehn Tonnen für 150.000 Personen heißen.