Zum Tode von Antje Gronewold  Trauer um eine leidenschaftliche Plattdeutsch-Aktivistin

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 05.05.2024 16:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Antje Gronewold, hier auf einem Foto von 2022, engagierte sich unermüdlich. Foto: Archiv/Luppen
Antje Gronewold, hier auf einem Foto von 2022, engagierte sich unermüdlich. Foto: Archiv/Luppen
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Ihr Engagement für die plattdeutsche Sprache brachte ihr den Keerlke-Preis und die Verdienstmedaille. Die Holtroperin Antje Gronewold konnte Menschen begeistern. Am Sonnabend ist sie gestorben.

Holtrop - Wenn man sich mit langjährigen Weggefährten über Antje Gronewold unterhält, fällt früher oder später das Wort „begeisterungsfähig“. Die Holtroperin konnte sich für Ideen und Projekte begeistern und hatte zugleich die Fähigkeit, Menschen mitzureißen und im Engagement für eine Sache zusammenzubringen. „Wenn Antje eine Idee hatte, nahm sie die Leute mit“, sagt Hans Freese vom Verein Oostfreeske Taal. Am Sonnabend, 4. Mai 2024, ist die ehemalige Hochschuldozentin, Plattdeutsch-Aktivistin und Verdienstmedaillenträgerin im Alter von 66 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Sie hinterlässt ihren Ehemann und einen Sohn.

Ja, Antje Gronewold konnte mit ihrer Hartnäckigkeit auch nerven. Aber das muss man mitunter auch, wenn man etwas erreichen will. Zuletzt hatte sich die Diplom-Pädagogin, die viele Jahre lang an der Hochschule Emden/Leer lehrte und seit Kurzem im Ruhestand war, das Thema Radfahren auf die Fahnen geschrieben. 2021 gründete sie mit Fahrradaktivisten aus Aurich und Umgebung den Verein „Ostfriesland fährt Rad“. Sie beklagte den über weite Strecken schlechten Zustand des Ostfriesland-Wanderwegs und die fehlende touristische Infrastruktur für Radfahrer. Die Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand, nannte die Dinge beim Namen: „Sie kriegen nichts zu essen, nichts zu trinken, und Sie können nicht mal aufs Klo gehen.“ Es gebe zwar gute Radrouten, doch die würden teilweise nicht gepflegt. Viele Wege seien in einem schlechten Zustand und viel zu schmal.

Nicht alle Ideen wurden Wirklichkeit

Aber Antje Gronewold war keine Nörglerin, sie war eine Macherin. Der langjährige Holtroper Ortsbürgermeister Martin Aden (SPD) schwärmt von ihrer zupackenden Art. Ein Meilenstein in ihrem Schaffen sei die Gründung des Dorfvereins Holtrop un umto im Jahre 2010 gewesen. „Sie schaffte es, die Bürger im Dorf zusammenzuführen und zusammenzuhalten“, sagt Aden. „Ihr gelang es, Dinge auf den Weg zu bringen.“ Immer wieder habe sie neue Ideen gehabt. Nicht alle konnten verwirklicht werden. So habe Gronewold von der Gründung einer Ländlichen Akademie für Holtrop geträumt – nach dem Vorbild der Ländlichen Akademie Krummhörn, für die sie sich ebenfalls engagierte. „Das war eine Nummer zu groß“, sagt Aden.

Das war knapp: 2011 gratulierte die unterlegene Kandidatin Antje Gronewold dem Wahlsieger Harm-Uwe Weber. Foto: Archiv/Ortgies
Das war knapp: 2011 gratulierte die unterlegene Kandidatin Antje Gronewold dem Wahlsieger Harm-Uwe Weber. Foto: Archiv/Ortgies

Vergeblich habe er versucht, Gronewold für die Kommunalpolitik zu gewinnen, erinnert sich der Sozialdemokrat. „Sie wollte neutral bleiben.“ 2011 jedoch mischte Gronewold die Auricher Kreispolitik auf. Als parteilose Kandidatin trat sie bei der Landratswahl gegen den damaligen Ersten Kreisrat Harm-Uwe Weber (SPD) und zwei weitere Kandidaten an. Gronewold, die mehr Bürgernähe versprach, wurde von den Freien Wählern, der FDP und den Grünen unterstützt, Weber von SPD und CDU. Die von manchen belächelte Holtroperin bekam 42,2 Prozent der Stimmen – nur 3,7 Prozentpunkte weniger als Weber, obwohl jener eine satte Mehrheit im Kreistag hinter sich hatte. Da das niedersächsische Kommunalwahlrecht seinerzeit keine Stichwahl vorsah, blieb Weber der Zweikampf mit Gronewold erspart. Politische Beobachter behaupten, das habe ihm das Amt gerettet.

„Sie hat immer der Zeit vorausgedacht“

Im Juni 2018 gab es ein Wiedersehen mit Weber: Als Landrat überreichte er Gronewold in der Historischen Schmiede Striek in Großefehn die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Grund war ihr Engagement für die plattdeutsche Sprache. 2016 hatte sie dafür bereits den Keerlke-Preis des Vereins Oostfreeske Taal erhalten. Dank ihres Einsatzes wurden unter anderem das Projekt „Plattdüütsk bi d‘ Arbeid“ und der „Plattdüütskmaant“ der Ostfriesischen Landschaft ins Leben gerufen. Der Plattdeutsch-Aktivist Hans Freese aus Ulbargen sagt über sie: „Antje hat es geschafft, Plattdeutsch in den Alltag zu holen und wieder gesellschaftsfähig zu machen.“ Sie sei ein Motor gewesen. Ihr Tod sei „ein harter Schlag“.

„Sie hat immer der Zeit vorausgedacht“, sagt Erwin Adams (parteilos), Bürgermeister von Großefehn, über Gronewold. Ihr Talent sei es gewesen, Menschen zusammenzubringen und Ziele zu erreichen. Sie habe gewusst, dass das nur als Team gelingen kann. „Allein ist man nichts.“ Auch Adams′ Amtsvorgänger Olaf Meinen (parteilos), heute Landrat des Landkreises Aurich, ist bestürzt über die Nachricht von Gronewolds Tod. „Sie hat viel für Ostfriesland getan.“

Das für Donnerstag, 9. Mai 2024, geplante Himmelfahrtstreffen der Dorfgemeinschaft und der Rentnergang in Holtrop ist wegen des Todes von Antje Gronewold abgesagt worden, wie der ehemalige Ortsbürgermeister Aden mitteilt. „Wir sind alle sehr bestürzt.“

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