Hamburg Die geteilte Stadt: Warum steckt im Derby HSV – St. Pauli eigentlich so viel Wut?
Der Aufstieg des FC St. Pauli in die Bundesliga ist so gut wie sicher. Gelingt er ausgerechnet im Stadion des HSV? Ein Derby zwischen Trotz und Träumen, das die jahrzehntelange Rivalität auf die Spitze treibt.
Die Wachablösung ist faktisch bereits vollzogen. Was noch fehlt, ist die Zeremonie. Und die findet in einem denkbar spektakulären Rahmen statt. Erstmals im Profifußball wird der FC St. Pauli eine Saison vor dem Hamburger SV abschließen. So weit, so bemerkenswert. Doch geht es nach den Fans der Kiezkicker, kommt es beim Derby am Freitag (18.30 Uhr) vor 56.100 Zuschauern im ausverkauften Volksparkstadion zur Krönung – und zur ultimativen Demütigung des großen Stadtrivalen.
St. Pauli könnte beim Risikospiel im „Stadion bei der Müllverbrennungsanlage“ den Aufstieg in die Bundesliga perfekt machen und gleichzeitig die letzten Hoffnungen der Rothosen zerstören, es über die Relegation im sechsten Anlauf doch noch zurück in die deutsche Eliteliga zu schaffen.
Demütigen, zerstören, Risikospiel: Es sind diese Vokabeln, die das von umfassenden Sicherheitsvorkehrungen und einem massiven Polizeiaufgebot flankierte Hamburger Stadtderby stets begleiten. St. Paulis Geschichte ist bis heute titellos, auf Aufstiege folgte irgendwann stets der Absturz. Egal: Ein Sieg gegen den – man muss es so formulieren – verhassten HSV, und jede Saison, nicht nur eine derart überragende wie die aktuelle, darf als Erfolg gewertet werden. „Hamburg ist braun-weiß“, dieser Spruch tut dem schwarz-weiß-blauen Herz richtig weh, und er wird genüsslich bei jeder Gelegenheit platziert.
„Scheiß St. Pauli!“, ein Schlachtruf wie ausgespuckt, hallt es voller Verachtung dagegen. So stumpf die Schmähung ist, fasst sie die Gemütslage der HSV-Fanseele recht gut zusammen. Bedingungslose Treue zum stolzen Traditionsclub trifft auf nicht enden wollende Frustration. Schlimmer kann es nicht mehr werden? Da kann jeder HSV-Anhänger nur müde mit dem Kopf schütteln. Oder die Wut kriegen. Und mit der muss man ja irgendwo hin.
Spätestens seit dem traumatischen „Papierkugelspiel“ 2009 gegen Werder Bremen folgte auf eine enttäuschende Saison immer eine noch etwas schlechtere. Als größter „Triumph“ der jüngeren HSV-Vereinsgeschichte darf der Nichtabstieg am 1. Juni 2015 gewertet werden, als ein Freistoßtor von Marcelo Diaz in der Nachspielzeit beim Relegations-Rückspiel in Karlsruhe dem mausetoten Bundesliga-Dino noch einmal Leben einhauchte. Drei Jahre später war die Ära der Dinosaurier dann auch in der Bundesliga beendet...
Dementsprechend erscheint ein Aufstieg der Braun-Weißen ausgerechnet im Volkspark vielen als fast schon folgerichtiges nächstes Kapitel im Buch der schwarz-weiß-blauen Katastrophen. Die Enttäuschung über das mutmaßliche erneute Scheitern der eigenen Mannschaft wird sich dann wie immer in Richtung des Kontrahenten vom gerade sechs Kilometer entfernten Millerntor kanalisieren. Dass der es in dieser Saison einfach besser gemacht hat, als der eigene Verein, spielt keine Rolle. Scheiß St. Pauli!
Hamburg ist braun-weiß? An der Realität geht dieser Satz indes vorbei. 110.000 Mitglieder hat der HSV, 40.000 der FC St. Pauli. Die Strahlkraft des HSV reicht weit über Hamburgs Grenzen hinaus, seit Uwe Seelers Zeiten gibt es Fanclubs in ganz Deutschland und in aller Welt. Rund 1800 sind es heute; geradezu verrückt ist die Tatsache, dass sich die Zahl seit dem Abstieg 2018 ungefähr verdoppelt hat. Der HSV gehört, was den Zuschauerschnitt angeht, zu den Top 20 in Europa. Wirtschaftlich müsste sich der FC St. Pauli erstmals in seiner Geschichte langfristig in der Bundesliga und vor dem HSV etablieren, um sich Nummer 1 der Stadt nennen zu dürfen. Rund ums Derby zählen solche Fakten nicht. Wer gewinnt, ist der König, wer verliert, der Narr.
Wobei die Fallhöhe für den HSV größer ist. Obwohl der FC St. Pauli als Tabellenführer auf den Vierten trifft, liegt die Favoritenrolle in der öffentlichen Wahrnehmung doch wie immer irgendwie beim HSV. Auch das zeigt, wer der „große“ Club ist – und wie groß der Druck ist, der auf ihm lastet. „St. Pauli ist St. Pauli und der HSV ist Hamburg“. Der Satz stammt von einem der Vorgänger von HSV-Trainer Steffen Baumgart, Daniel Thioune. Er konnte in der Saison 2020/2021 kein Derby für den HSV entscheiden (2:2, 0:1), steht dafür aber inzwischen als Coach von Fortuna Düsseldorf auf dem Relegationsplatz, vier Punkte vor den Hamburgern, was zeigt: Es gibt ein Leben nach dem Derby.
Bliebt die ebenso banale wie zentrale Frage: woher dieser Hass? Der HSV nennt als Gründungsjahr 1887, der FC St. Pauli trägt 1910 im offiziellen Vereinsnamen. Bis weit in die 1980er-Jahre hinein, gab es eine gesunde Rivalität, die aber (fast) ausschließlich auf dem Platz ausgetragen wurde. Das änderte sich, als die großen Zeiten des HSV mit dem Pokalsieg 1987 allmählich zu Ende gingen. Unter die immer weniger werdenden Zuschauer im Volksparkstadion mischten sich immer mehr mit Gewaltpotenzial und rechtem Gedankengut.
Beim FC St. Pauli, bis dahin ein weitgehend unpolitischer Stadtteilverein, wehrten sich die Fans erfolgreich gegen den Versuch einer rechten Unterwanderung, der Mythos vom „linken Club“ entstand. 1988 stiegen die Kiezkicker zudem unter ihrem Kult-Coach Helmut Schulte in die Bundesliga auf. Die Mannschaft, weitgehend bestehend aus der Fußball-Arbeiterklasse, schaffte den Klassenerhalt. Spieler wie André Trulsen, Jürgen Gronau, Dirk Zander und Klaus Ottens standen für eine maximale Identifikation mit dem Verein, während beim HSV die Hoffnungsträger kamen und gingen. Die Folge: Zur Winterpause 1988/89 lag der Zuschauerschnitt am Millerntor (19.349) höher als im Volkspark (18.638).
Richtig Stimmung kam in der alten „Betonschüssel“ nur noch auf, wenn der FC Bayern zu Gast war – oder der FC St. Pauli. Auch wenn der Vergleich „rechts gegen links“ schon damals zu kurz griff, erhielt und behielt die Partie eine politische Brisanz, zumal der FC St. Pauli sein Image als Revoluzzer-Club mit Totenkopf-Marke bis heute pflegt. Diese offensiv und demonstrativ zur Schau gestellte Andersartigkeit („St. Pauli ist die einzige Alternative“) polarisiert. Pauli wird nicht nur in Hamburg geliebt oder gehasst, dazwischen ist nicht viel Spielraum. Bei Fan-Umfragen zu den beliebtesten deutschen Vereinen landet der FC St. Pauli stets weit vorne. Bei der Frage nach den unbeliebtesten Clubs aber auch.
Ähnliches gilt für den HSV. Dem klangvollen Namen stehen Jahrzehnte voller Pleiten, Pech und Pannen gegenüber, HSV-Niederlagen entbehren daher selten eines erheblichen Schadenfreude-Faktors. Wo der Absturz anderer Traditionsclubs Bedauern oder sogar Mitleid auslöst, überwiegt beim ruhmreichen Hamburger SV die Häme. Zum Derby am Freitag hat der NDR in den sozialen Medien ein „HSV Worst Case Bingo“ gepostet. Dabei sind Meilensteine wie „25 Trainer in 15 Jahren“ oder „Platzsturm nach vermeintlichem Aufstieg“ bereits angekreuzt. Bei „St. Pauli steigt im Volkspark auf“ ist der Stift schon angesetzt.
Der Autor ist HSV-Mitglied und hatte seine erste Dauerkarte als Schüler/Student in der Westkurve, Block A. Er hat aber auch 1989 am Millerntor den Klassenerhalt gefeiert und sogar einmal spontan auf den Rängen Schnee geschoben, damit ein Pauli-Heimspiel stattfinden konnte. Das würde er heute nicht mehr tun. Zu einem Derby-Besuch im Stadion ließ er sich zuletzt am 22. Februar 2020 hinreißen. Der HSV verlor mit 0:2.