Berlin Islamist und Student: Wer ist der Anführer von „Muslim Interaktiv“?
Auf Social Media hat die umstrittene Gruppe „Muslim Interaktiv“ zigtausende Follower. Joe Adade Boateng versucht, sie zu missionieren. Was über den Kopf der Organisation bekannt ist.
Zwei Tage nachdem rund 1.000 Menschen durch Hamburg gezogen waren, wo sie von der Errichtung eines Kalifats träumten und „Allahu Akbar“ riefen, veröffentlicht „Muslim Interaktiv“ ein Video, das sich direkt an die Bundesinnenministerin richtet: In den Medien und auf Social Media laufe eine „Verleumdungskampagne“ gegen die Gruppe, die darauf ausgelegt sei, Nancy Faeser „zu einem Verbot unserer Plattform zu bewegen.“ Auf YouTube und TikTok wird das Video tausendfach geklickt und hundertfach geliked.
Der Mann, der die emotionalen Worte in die digitale Welt sendet, nennt sich selbst „Raheem“. Sein bürgerlicher Name: Joe Adade Boateng. Student, Influencer und eine Größe der Hamburger Islamisten-Szene. Sicherheitskreise haben ihn und die Gruppierung schon länger auf dem Radar. Auf der Kundgebung am vergangenen Samstag gehörte Boateng zu den Rednern. Auch für ein Geheimtreffen von Islamisten am Osterwochenende, ebenfalls in Hamburg, soll er verantwortlich sein. Laut Sicherheitsbehörden ist der 25-Jährige „führendes Mitglied“ von „Muslim Interaktiv.“
2020 in Hamburg gegründet, fällt die Vereinigung immer wieder mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf, um angeblich gegen Islamophobie zu protestieren. Nach Ansicht des Landesverfassungsschutzes dient die „Instrumentalisierung gesellschaftlich relevanter Debatten“ aber dazu, die „Grenzen zwischen demokratischem und extremistischem Engagement aufzulösen.“
In Wahrheit sei die Gruppe eng mit der islamistischen Hizb-ut-Tahrir-Bewegung verbunden. Die Organisation – seit 2003 in Deutschland verboten – zielt auf ein weltweites Kalifat auf Basis der Scharia ab und fordert die Tötung von Juden, heißt es im Hamburger Verfassungsschutzbericht.
Bei den Veranstaltungen konnte „Muslim Interaktiv“ teilweise mehrere Tausend Leute auf die Straße locken. Den größten Zuspruch gibt es aber im Netz. Auf TikTok hat die Gruppe mehr als 24.000 Follower, auf Instagram über 5.000. Selbstbewusste junge Männer in T-Shirts inszenieren sich als lässige Prediger. Allen voran: Joe Adade Boateng.
Laut eigenen Aussagen ist der Deutsch-Ghanaer 2015 zum Islam konvertiert. Die Inhalte seiner Videos: ein breiter Mix. Mal plädiert er für eine strenge und ultrakonservative Auslegung des Korans, mal kommentiert er gesellschaftliche Diskurse. In letzter Zeit versucht er mit dem Israel-Gaza-Krieg, die User aufzuhetzen.
An anderer Stelle gedenkt er der Opfern des rechtsextremen Anschlags in Hanau. Dann wirft er Saudi-Arabien vor, den Islam zu „beschmutzen“, weil es eine „halbnackte Frau“ zu einem Schönheitswettbewerb schicke. Wie ein „Kleinkind“ kopiere das Land eine westliche Erfindung. „Es reicht!“
Die Botschaften sind hochemotional und provokant. Genau das belohnt der Algorithmus. „Muslim Interaktiv“ kann so relativ einfach massenhaft Jugendliche erreichen. Der Hamburger Verfassungsschutz zeigt sich alarmiert. Im jüngsten Jahresbericht der Behörde heißt es: Die Gruppierung steigere ihre Zielgruppe sowohl im Netz als auch im echten Leben, insbesondere unter jüngeren Muslime.
Was bei den Inhalten aber vor allem auffällt: Muslime wird kontinuierlich die Opferrolle zugeschrieben. Immer wieder betonen Boateng und seine Mitstreiter, islamische Werte würden „dämonisiert“ und seien bedroht.
Die Strategie dahinter ist bewusst gewählt. Man kennt sie auch von Salafisten wie Pierre Vogel oder Abul Baraa. Sie alle arbeiten in einem hohen Maße mit einer vermeintlichen Verschwörung von Gesellschaft, Politik und Medien gegen Muslime. Fachleute weisen darauf hin, dass gerade bei jungen Menschen das Diskriminierungsnarrativ bewirken kann, dass sie sich der islamistischen Szene anschließen, weil sie sich Orientierung und Zugehörigkeit wünschen.
Die Inhalte, mit denen „Muslim Interaktiv“ und andere Gruppierungen versuchen, junge Menschen zu ködern, wirken oft unverfänglich. Aber sie können den Nährboden für eine mögliche Radikalisierung bereiten. Sicherheitsbehörden beobachten das Treiben, greifen aber nur äußerst selten ein und schalten etwa einen Account ab. Und die Islamismus-Influencer mögen Propaganda verbreiten, strafbar sind die Botschaften nicht. Niemand ruft in den Videos dazu auf, Ungläubige oder Nicht-Muslime zu töten. Auch Joe Adade Boateng nicht.
Ungeachtet seiner zweifelhaften Aktivitäten arbeitet der Influencer an einer Karriere, die ihn ins Klassenzimmer befördern könnte. An der Universität Hamburg studiert er Lehramt. Zuerst hatte das „Hamburger Abendblatt“ darüber berichtet. Auf Nachfrage bestätigt die Uni, dass Boateng weiterhin eingeschrieben sei.
Ein Ausschluss vom Studium steht allerdings nicht zur Debatte. „Studierende können in Hamburg exmatrikuliert werden, wenn sie der Universität durch schweres schuldhaftes Fehlverhalten erheblichen Schaden zugefügt haben“, teilt die Hochschule gegenüber unserer Redaktion mit. Im Zusammenhang mit der „genannten Person“ habe es keine relevanten Vorfälle gegeben. Die Uni betont außerdem, keinen Einfluss darauf zu haben, wie sich Studenten in den sozialen Medien äußern. Das sei „Aufgabe für Polizei und Justiz.“
Sollte Boateng aber ein Referendariat anstreben, könnte er für Schulbehörden und Kultusministerien zum Problem werden.