Osnabrück Karl Marx: Vom massigen Monument zum Label einer Industriestadt
Seit 53 Jahren schaut er streng nach vorn – der Karl Marx von Chemnitz. Als Monument sollte er eine sozialistische Musterstadt zentrieren. Was ist davon geblieben? Ein Ortsbesuch.
Karl-Marx-Monument? Das sagt in Chemnitz kaum einer. Wir sind am Nischel verabredet. Nischel, das ist das sächsische Wort für Kopf oder Schädel, ein Wort, dass sich bestens nuscheln lässt. Do Nischel: Weich sächselnd klingt das Kosewort, hart sind die Falten, die der sowjetische Bildhauer Lew Kerbel seinem Karl Marx in die Bronze gebügelt hat. Seit 1971 blickt der mächtige Marx in Chemnitz der klassenlosen Gesellschaft entgegen.
Do Nischel: Auch für Norbert Engst heißt das über 13 Meter hohe Marx-Monument so. „Wir Jüngeren haben ein entspanntes Verhältnis zu dem Denkmal“, sagt der Bauingenieur, der mit dem Giganten des Klassenkampfs aufgewachsen ist. So massig der Marx, so schmal ist Engst, der Bauingenieur. „Sogar das Amtsblatt bezeichnet mich als Stadthistoriker“, sagt er. Engst gehört zum Vorstand des Chemnitzer Geschichtsvereins.
An diesem sonnigen Tag im späten April gehört ein wenig Fantasie dazu, um sich jene Menschenmassen vorzustellen, die das Monument seit seiner Einweihung umbrandet haben. 250.000 Menschen drängen sich schon am 9. Oktober 1971, als das Denkmal eingeweiht wird. Ob Parteiabordnung oder Betriebsdelegation – zum 1. Mai und zu anderen Festtagen der DDR defilieren die Werktätigen in Blockformation unter Marx‘ strengem Blick vorbei.
Chemnitz heißt zu jener Zeit Karl-Marx-Stadt. Und die heutige Brückenstraße, die sich vierspurig vor dem Monument aufspannt, Karl-Marx-Allee. Einheitsgrau des SED-Staates, auch bei Namensgebungen.
Norbert Engst beschreibt mit seinem Arm einen weiten Kreis. „Von links kamen die Formationen anmarschiert und verschwanden nach rechts. Dem Monument gegenüber war die Tribüne aufgebaut. Die Aufmärsche kamen aus dem Nichts und verschwanden im Nichts, zumindest war das die Regie“, erklärt Engst die Choreografie des kommandierten Jubels. Der Marx-Kopf ist von 1971 bis zum Mauerfall 1989 Kulisse und Zielpunkt der Parteikundgebungen, Energiezentrum des Menschenwirbels.
Den Nischel gibt es heute als Holzreplik für das Bücherregal oder als Signet auf der Kreditkarte der örtlichen Sparkasse. Karl Marx als Label des Kapitalismus: Geschichte kann sehr ironisch sein. Die Macht und Masse des Karl-Marx-Kopfes, seine Wucht und Vehemenz haben sich so zum Markenzeichen normalisiert wie das Porträt des Revolutionärs Che Guevara. Karl-Marx-Stadt wird 1990 nach Bürgerentscheid wieder zu Chemnitz – und der Marx-Klotz zum Motiv eines Werbespruchs. „Stadt mit Köpfchen“. So firmiert Chemnitz einige Jahre lang.
Etwas über sieben Meter hoch, rund 40 Tonnen schwer: Norbert Engst zählt die Daten auf, addiert noch den rund 50 Tonnen schweren Granitblock dazu, auf dem der gewaltige Kopf ruht. Nur ein Lenin-Kopf im sibirischen Ulan-Ude ist knapp höher. Mit dem Chemnitzer Marx kommt der trotzdem nicht mit. Der sowjetische Bildhauer Lew Kerbel (1917-2003) macht seinen Marx massig breit und gibt ihm zugleich mit wehendem Haarschopf beschwingte Dynamik. Der Chemnitzer Marx, das ist die Aerodynamik der Weltrevolution – die dann doch ausgeblieben ist.
Norbert Engst blättert in den Unterlagen, die er in einer Mappe mitgebracht hat und spricht ungerührt von der „Sachgesamtheit“ des Denkmalschutzes, die der Marx und die umgebenden Gebäude bilden. Ob das 99 Meter hoch aufragende Hotel, die Verwaltungsgebäude oder die Tafel mit der revolutionären Losung „Proletarier aller Länder vereinigt euch“ – aus dem Ensemble ist proletarischer Kampfgeist endgültig gewichen. „Wir sind hier sozusagen in einem Museum“, sagt Engst und schaut von dem Plateau des Monuments in die weite Runde.
Dieser Marx braucht Platz, viel Platz. Vorplatz und vier Fahrspuren, überhaupt der ganze leere Raum, der sich um ihn herum aufspannt: In diesen Resonanzraum gibt der Nischel seine visuelle Kraft ab. Was in seinem Bannkreis geschieht, hat die volle Wucht der politischen Wichtigkeit. Das findet auch Norbert Engst: „Man kann das beeindruckend oder beängstigend finden. Gleichgültig lässt einen das nicht.“
Mit dem Untergang der DDR sind die Aufmärsche am Karl-Marx-Monument nämlich nicht verschwunden. Sie haben nur ihr Programm geändert. 2018 wird Daniel H. am Rande des Chemnitzer Stadtfestes bei einer Rauferei erstochen. Rechte rufen zu Protesten auf, jagen Ausländer durch die Stadt. Das Monument avanciert zum Zielpunkt der Protestaufmärsche der AfD und rechter Gruppierungen.
Ob Proteste gegen Rechts oder Demos für Vielfalt – immer liefert Marx die Kulisse. Unbeweglich der Klotz, dynamisch die Aufmärsche: Dieser Kontrast produziert elektrisierende Energie.
Für die Stadt gilt das nicht unbedingt. „Chemnitz sollte als Karl-Marx-Stadt eine sozialistische Musterstadt werden“, blickt Nobert Engst in die Geschichte zurück. Nach seinen Angaben sollte die Industriestadt bis zu 500.000 Einwohnern eine Heimat bieten. Derzeit leben nur halb so viel Menschen in der Stadt mit ihrer zerklüfteten Struktur. Karl Marx, der Beweger der Weltgeschichte: Chemnitz gibt er mit der Unerschütterlichkeit seines Porträts fast schon einen Ruhepunkt.
Norbert Engst erinnert daran, dass schon vor hundert Jahren sozialistische Kommunalpolitiker daran dachten, an gleicher Stelle eine Statue des Philosophen aufzustellen. Ganze eineinhalb Meter hoch sollte das Denkmal werden und ein Gegengewicht bilden gegen die Präsenz der Unternehmer in der Stadtgesellschaft. Heute verleiht der Marx-Kopf die Wucht der Weltgeschichte einer Stadt, die weiter nach ihrem Selbstbild sucht.
„Uns fehlt es einfach an Selbstbewusstsein“, sagt Lokalhistoriker Norbert Engst. Passend sein Hinweis, dass auch am scheinbar unverrückbaren Marx der Zahn der Zeit nagen könnte. „Der Kopf ist innen hohl. Drinnen befindet sich eine Stahlkonstruktion. Über ihren Zustand wissen wir nichts“, sagt Engst. Wie hinfällig mag das Monument in Wirklichkeit sein? Engst ficht das einstweilen nicht an. „Karl Marx war ein guter Mensch. Von ihm können wir auch heute noch einiges lernen“, sagt er und blickt vom Monument herab in jene Weite, in der sich einst die Werktätigen zum Vorbeimarsch formierten.