Hamburg  Die falsche Freundlichkeit der Duz-Kultur

Julia Falkenbach
|
Von Julia Falkenbach
| 28.04.2024 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
„Na, was darf ich dir bringen?“ Foto: Imago images/Westend61
„Na, was darf ich dir bringen?“ Foto: Imago images/Westend61
Artikel teilen:

Im Möbelhaus, an der Supermarktkasse, im Restaurant: Überall wird inzwischen geduzt. Unsere Autorin hat kein Problem damit, mit ihrem Vornamen angesprochen zu werden – wohl aber mit der häufig damit einhergehenden geheuchelten Vertraulichkeit.

„Kannst Du bitte kurz warten?”, fragt mich die Rezeptionistin eines deutschen Mittelklassehotels. Seit gut zehn Minuten sehe ich ihr dabei zu, wie sie sich abmühte, einem englischsprechenden Gast die Hintergründe eines Meldescheins zu erläutern. Insofern habe ich bereits bewiesen, dass ich Übung habe im Warten. Nun ärgerte es mich nicht, mit meinem zehn Sekunden dauernden Anliegen (Rückgabe der Schlüsselkarte) stehengelassen zu werden. Was mich ärgerte, war, dass mich die Mitarbeiterin duzte.

Nicht, weil ich es grundsätzlich etwas dagegen hätte. Je lockerer die Atmosphäre ist – sei es an der Bar oder im Yogastudio – desto selbstverständlicher scheint es mir. Wer neben mir sportelt, hinter mir in der Kloschlange wartet oder vor mir im Stadion jubelt, wird geduzt. 

Etwas anderes ist es für mich im beruflichen Kontext, ob im wechselseitigen  (Pressesprecher ruft Journalistin an) oder im einseitigen (Servicekraft zu Gast). Im Gegensatz zum gemeinsamen Schwitzen, Warten oder Jubeln hat hier mindestens einer der Gesprächspartner ein wirtschaftliches Interesse am anderen. Wer hier duzt, tut das nicht, weil es praktischer ist (die zeitliche Ersparnis des Duzens liegt im Millisekundenbereich) oder weil man sich so nah steht (tut man ja nicht); er tut es, weil er sich von der durch das Duzen simulierten Nähe Privilegien erhofft, sei es in Form eines Geschäftsabschlusses, eines Trinkgelds oder mehr Verständnis für Fehler. Es tut mir leid, aber für mich ist es eine Frage des Respekts, im Restaurant nicht selbstverständlich geduzt zu werden. 

Gerade bei der Kommunikationen innerhalb größerer Unternehmen wird häufig das Argument aufgeführt, dass es im Englischen keine Sie-Form gibt und die Ansprache mit Vorname und Du insofern viel internationaler ist. Doch klappt dieser Übertrag häufig nur unzureichend; wer sich vom englischen Du verführen lässt, eine freundschaftliche Nähe zum Gegenüber anzunehmen und sich entsprechend zu verhalten, tritt anderen leicht auf die Füße. Nicht nur, weil „Du Arschloch“ leichter über die Lippen geht als „Sie Arschloch“, sondern auch weil es mit dem Irrtum einhergeht, dass Freundlichkeit und Nähe miteinander Hand in Hand gehen. Während Freundlichkeit eine Selbstverständlichkeit sein sollte, ist Nähe ein Privileg. So steht mir manch ein Kollege, der lieber gesiezt werden möchte, näher als ein anderer, den ich seit Tag 1 duzen darf; zumal Hierarchien nur durch Offenheit und Wertschätzung überwunden werden, nicht durch die Verwendung von Vornamen. 

Wobei das “Darf” eh so eine Sache ist. Als ich mit 19 Jahren meine ersten journalistischen Schritte machte, empfand ich es oft despektierlich, wenn Gesprächspartner mich aufgrund meines Alters duzten, während ältere Kollegen vom gleichen Gesprächspartner gesiezt wurden. Vielleicht musste ich den von mir mit dem “Sie” assoziierten Respekt zu hart erkämpfen, um mich beim Rückgabeschalter im Möbelhaus selbstverständlich duzen zu lassen.

Respekt vor dem Gesprächspartner im professionellen Kontext ist freilich keine Frage des Duzens allein; Respekt zeigt sich im Handeln und durch andere sprachliche Nuancen. Doch werde ich weiterhin dabei bleiben, zumindest im professionellen Kontext weiterhin erstmal zu siezen, bis mir das Du angeboten wird. Denn auch wenn Respekt und Duzen sich in keiner Weise ausschließen, ist es in meinen Augen eine Frage des Respekts, jemanden zu siezen, der dies wünscht, statt ihm das vertrauensvolle “Du” aufzudrücken.

Ähnliche Artikel