Lenz geht, Janssen kommt  Wechsel an der Feuerwehrspitze in Emden

Stephanie Schuurman
|
Von Stephanie Schuurman
| 27.04.2024 15:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Kennen den Job von der Pike auf: der neue Chef Harald Janssen und der alte, Bernd Lenz. Foto: Schuurman
Kennen den Job von der Pike auf: der neue Chef Harald Janssen und der alte, Bernd Lenz. Foto: Schuurman
Artikel teilen:

Feuerwehrmann stand bei beiden nicht ganz oben auf der Berufswunschliste. Was die beiden Feuerwehrchefs Lenz und Janssen außerdem eint, sind die immer vielfältigeren Aufgaben.

Emden - Viele werden es noch nicht groß bemerkt haben. Für die meisten der Feuerwehrleute in Emden ist er sowieso noch Chef, eben als ehrenamtlicher Stadtbrandmeister. Doch die Doppelfunktion ist seit kurzem für Bernd Lenz Geschichte. Seit Ende Februar ist der 61-Jährige Pensionär. Den beruflichen Part übernimmt seitdem Harald Janssen. Er ist der neue und gar nicht so unbekannte Leiter des Fachdienstes für Brand-, Zivil- und Katastrophenschutz - dazu gehört auch die Hauptberufliche Wachbereitschaft. Doch dazu später mehr.

Erst einmal ging in diesen Wochen eine über 25-jährige Ära des Feuerwehrchefs Bernd Lenz zu Ende. Vermisst er schon die ständige Bereitschaft, auszurücken? Die Verantwortung für 40 hauptberufliche Feuerwehrkräfte seiner Dienststelle? Den Verwaltungsaufwand für beispielsweise 1982 Einsätze allein im vergangenen Jahr? „Eigentlich nicht“, sagt Lenz im Gespräch mit dieser Zeitung. „Und ich kriege ja auch noch alles mit, jede Ölspur, jeden Alarm. Wenn was Interessantes dabei ist, fahre ich auch raus.“

Länger im Job, als er musste

Tatsächlich bleibt Lenz noch eine ganze Weile der von 249 aktiven Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr gewählte Stadtbrandmeister und Chef aller sieben Ortsfeuerwehren, auch wenn er jetzt seine neu gewonnene Zeit für die Emder Tafel nutzt. Er behält sein Feuerwehr-Funkgerät und auch sein altes Dienstfahrzeug. Doch sein Büro ist jetzt zu Hause in Constantia-West. In der Brückstraße bleibt ihm noch ein Postfach, das er regelmäßig leert. So ganz lässt ihn der Job also noch nicht los.

Lenz hat ihn ohnehin schon um ein Jahr länger gemacht, als er musste. Aufgrund der physischen und psychischen Belastung gehen Berufsfeuerwehrleute in Niedersachsen sonst mit 60 Jahren in den Ruhestand. Er hat erst noch den „Neuen“ eingearbeitet.

Aus dem Ruhrpott zurück in den Norden

Dass Lenz überhaupt einmal Feuerwehrmann werden würde, und das fernab des Münsterlandes in Emden, hatte er nicht geplant. Der gebürtige Ochtruper war zwar schon als 15-Jähriger in die Freiwillige Feuerwehr eingetreten, doch nach der Klemptner-Lehre stand zunächst das Maschinenbau-Studium obenan. Mathe war sein Gegner, dem er sich geschlagen gab. Die Aufnahmeprüfung bei der Feuerwehr in Essen bestand er 1984 allerdings sofort.

Dank Feuerwehrschule in Münster traf er auf seine spätere Ehefrau, eine gebürtige Papenburgerin. Haus im Ruhrpott gebaut, zwei Kinder bekommen, doch der Norden rief immer. Und als dann in einer Fachzeitschrift das Stellenangebot der Stadt Emden für die Leitung der Hauptberuflichen Wachbereitschaft auftauchte, bewarb sich Lenz. Das war 1998, Lenz wurde zum Vorstellungsgespräch in die Seehafenstadt eingeladen. „Da war gerade Matjesfest, und die ganze Familie dachte, was ist denn da alles los?“ Am 1. Juli 1998 war Lenz Chef der Hauptberuflichen Wachbereitschaft. Zwei Jahre später auch Stadtbrandmeister in Emden.

Janssen kann Katastrophenschutz

Zu diesem Zeitpunkt war auch Harald Janssen schon drei Jahre lang bei der Freiwilligen Feuerwehr Widdelswehr/Petkum. Gleich nebenan hat er sein Haus gebaut, lebt dort mit Frau und zwei Kindern. Und natürlich hatte auch er zunächst eine ordentliche Ausbildung im Handwerk als Industriemechaniker für Betriebstechnik absolviert, seinerzeit noch im Kraftwerk von Preussen Elektra. Das Kraftwerk ist Geschichte, für Janssen kam es gerade recht, dass die Stadt 2002 erstmals wieder Anwärter-Stellen für Berufsfeuerwehrmänner ausgeschrieben hatte. Auch er bestand die Aufnahmeprüfung, absolvierte ein halbes Jahr Grundausbildung in Celle und 18 Monate Praxis in Emden.

Viele Lehrgänge weiter, eine ganze Menge Berufserfahrung und letztlich die Einarbeitung in die neue Führungsrolle ist Janssen jetzt Chef des Fachdienstes 437 bei der Stadt Emden. Dass er neben Brand- auch Zivil- und Katastrophenschutz kann, hat er unter anderem schon in der Corona-Zeit bewiesen, als er in Emden den Aufbau des Impfzentrums unterstützte.

Viele Themen auf der To-do-Liste

Mit Janssen stieg auch Wachabteilungsführer Reno Oostinga in die Tagschicht auf, er ist nun Vertreter für den Feuerwehrchef. Intern hätten sich neun Kollegen dank ihrer Qualifikation für die Lenz-Nachfolge bewerben können, doch nur Janssen tat es auch. Dass er dafür seine Spezialisierung als Feuerwehrtaucher augeben musste, nimmt er in Kauf. „Mit der Führungsaufgabe bleibt dafür keine Zeit.“

Es stehen andere Aufgaben auf der To-do-Liste. Aktuell ist es die Beschaffung von neuer Funktionsschutzkleidung für 40 Berufs- und 80 ehrenamtliche Feuerwehrleute, für die die Stadt Emden 200.000 Euro ausgibt. Spezielle Membranen sollen die Atemschutzgeräteträger noch mehr vor gefährlichen Brandstoffen schützen. Oder auch das neue Hygienekonzept von der Spezialseife gegen Ruß bis zur besten Reihenfolge, wie man aus der verrauchten Klammote raus- und in neue Wäsche reinkommt, ohne dabei gifte Chemikalien einzuatmen.

Digitalisierung und Alltagsgeschäft

Die Digitalisierung steht bei der Feuerwehr auf dieser Liste mit Alarmierungs-App und einheitlichem Internetauftritt. Neue Software, Glasfaser an allen sieben Ortsfeuerwehrhäusern, Einrichtung der Leuchtturm-Stationen für den Katastrophenfall in Emden. Nichts, was den alten Chef nicht auch schon beschäftigt hätte. „Bernd Lenz hat schon viel vorgelegt“, sagt Janssen.

Dazu das Alltagsgeschäft. Die Anzahl der Einsätze steigt jedes Jahr, wie beide sagen. Ob Ölspur, Katze im Baum oder Fehlalarme, im Schnitt waren es allein im vergangen Jahr fünf Einsätze am Tag in Emden. Viele so genannte Notfalltüröffnungen sind dabei, bei denen die Feuerwehr Zugang und Rettung zu hilflosen Menschen in ihren Wohnungen ermöglicht. „Früher war das selten“, sagt Lenz. „Die Zahl der Singles und Senioren steigt, jetzt haben wir das fast täglich.“

Feuerwehr wohl für alles zuständig

Aber die Feuerwehr wird inzwischen auch gerufen, wenn mal das Wasser ein Zentimeter hoch im Keller steht - früher nahm man einen Feudel -, oder ein dickerer Ast auf der Straße liegt. „Die Selbsthilfe war füher ausgeprägter“, formuliert es Lenz.

Und auch, wenn sich im Laufe der Jahre die Feuerwehr ständig modernisiert hat, die Einsätze vielfältiger werden, so erinnern sich der alte und der junge Chef noch an ganz besondere Brandeinsätze. 10.000 Tonnen Papier brannten am 11. Mai 2001 in der Halle von Anker-Schifffahrt. „Ein ordentliches Feuer“, wie sie sagen. „Dienstagmorgen um 11 Uhr ging es los, sonntagabends war der Einsatz beendet.“

Doppelfunktion wird weitergereicht

Lenz erinnert sich auch noch an einen schlimmen Wohnhausbrand in Petkum, bei dem eine junge Mutter und ihre beiden Kinder ums Leben kamen. Den kleinen Jungen holten die Kollegen schnell aus dem Haus, doch da war er schon tot. Der Junge war im gleichen Alter wie der Sohn des Feuerwehrchefs. „Da habe ich psychisch mit zu tun gehabt“, sagt Lenz.

Auf solche Einsätze kann Bernd Lenz tatsächlich künftig verzichten, die will niemand erleben, auch „wenn das in diesem Job dazugehört“, wie beide sagen. Noch bis Ende April 2025 dauert die ehrenamtliche Amtszeit für Lenz. Ob er sich dann nochmals zur Wiederwahl aufstellen lässt, lässt er offen. „Irgendwann wird aber Harald Janssen auch das übernehmen“, sagt Lenz. „So ist der vorgedachte Plan.“

Ähnliche Artikel