Bürojob und Bildhauerei  Nach Feierabend lässt er die Holzspäne fliegen

Susanne Ullrich
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Von Susanne Ullrich
| 25.04.2024 19:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Aus Baumstämmen arbeitet Stefan Doden halbrunde Formen heraus. Diese Rohlinge werden später zu Baumschalen-Reliefs. Foto: Ullrich
Aus Baumstämmen arbeitet Stefan Doden halbrunde Formen heraus. Diese Rohlinge werden später zu Baumschalen-Reliefs. Foto: Ullrich
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Die Holzbildhauerei ist eine schweißtreibende Angelegenheit. Wenn Stefan Doden, genannt „Bodo“, loslegt, ist das eine körperliche Herausforderung. Der perfekte Ausgleich zum Verwaltungsjob, sagt er.

Negenbargen - Stefan Doden hat seinen ganz eigenen Blick auf die Natur. Außergewöhnliche natürliche Materialien haben ihn schon in seiner Jugend fasziniert. Und inspiriert. In der Remise einer ehemaligen Scheune in Negenbargen (Stadt Wittmund) hat er seine Werkstatt eingerichtet. Wenn er dort arbeitet, fliegen die Späne. Und er kommt ins Schwitzen. „Bildhauerei schreckt viele ab, weil es eine körperliche Arbeit ist“, erzählt er inmitten einer großen Vielfalt seiner noch unvollendeten Arbeiten. „Ich bin abends auch fertig, wenn ich das gemacht habe.“ Ein Gefühl, das er allerdings genießt, vielleicht sogar braucht.

Fertige Baumschalen-Reliefs. Foto: Ullrich
Fertige Baumschalen-Reliefs. Foto: Ullrich

In seinem bürgerlichen Leben nämlich ist Stefan Doden Verwaltungsmitarbeiter im öffentlichen Dienst. „Für mich ist das ein guter Ausgleich für die Bürotätigkeit.“ Wo andere ins Fitnessstudio gehen, widmet sich der 44-Jährige dem Holz. Bürojob und Bildhauerei – Was auf den ersten Blick wie ein Gegensatz wirkt, ist für ihn untrennbar miteinander verbunden. Denn obwohl sein Beruf ihm weniger Zeit für seine Kreativität lässt, beflügelt er sie doch. Mit der finanziellen Absicherung seiner vierköpfigen Familie schafft der Umwelttechniker sich den Freiraum, sich unbeschwert ausleben zu können: „Ich kann mir künstlerisch treu bleiben.“ Wäre er abhängig von der Gunst eines Publikums oder von Kunden, würde ihn das vermutlich einengen, sagt er. Kurzum: „Ich kann einfach das machen, worauf ich Bock habe.“

In der Remise seines Bauernhauses hat sich Stefan Doden eine Werkstatt eingerichtet. Foto: Ullrich
In der Remise seines Bauernhauses hat sich Stefan Doden eine Werkstatt eingerichtet. Foto: Ullrich

Kunstschaffen als Prozess

Obwohl schon seit seiner Kindheit stets kreativ interessiert, hat der zweifache Familienvater erst in den zurückliegenden Jahren mit der Bildhauerei begonnen. Doden ist seit drei Jahren Mitglied im Ostfriesischen Kunstkreis (OKK) und präsentiert seine Werke auf Ausstellungen. Und doch ist die Bildhauerei für ihn ein Hobby: „Ich mache es hauptsächlich für mich.“ Noch bis Ende April sind einige seiner Arbeiten in der Wittmunder Peldemühle zu sehen. Die erste reine Bildhauer-Gemeinschaftsausstellung „Von Formen und Figuren“ in der 47-jährigen Geschichte des OKK wird von insgesamt zehn Bildhauern gestaltet. Bildhauerei sei populär, meint der Vorsitzende Walter Ruß. Vorrangig bei jüngeren Mitgliedern wie Stefan Doden. Der, so Ruß, erschaffe aus unbelebtem Material ästhetische Botschaften. „Auffällig ist auch die scheinbare Leichtigkeit, mit der der Künstler aus dem rohen Stoff filigrane Formen und Figuren gewinnt.“

Dieser Hai war 2023 Teil der Harle-Kunstausstellung des Ostfriesischen Kunstkreises. Jetzt bewacht er die Werkstatt von Stefan Doden in Negenbargen. Foto: Ullrich
Dieser Hai war 2023 Teil der Harle-Kunstausstellung des Ostfriesischen Kunstkreises. Jetzt bewacht er die Werkstatt von Stefan Doden in Negenbargen. Foto: Ullrich

Stefan Doden selbst sagt, er lege seinen Fokus auf die Natur. Der Autodidakt hat ihre Schönheit im Blick, aber eben auch ihre Vergänglichkeit. „Natur ist im ständigen Wandel.“ Materialien und Formen, die durch Sonne, Wasser und Wind gezeichnet sind, inspirieren ihn. „So dass es ein bisschen verwittert ist.“ Doden unternimmt Streifzüge durch Wälder und stöbert in Verkaufsportalen. Auch dort findet er Baumstämme, Naturstein oder imposante Wurzeln. Wenn ihn etwas anspricht, nimmt er es mit: „Es muss von der Form etwas Besonderes haben.“ Doden hat einen umfangreichen Fundus an Materialien zusammengesammelt. „Es ist wie ein Einkaufsladen.“ Eine Menge Holz, dazu Sandstein, Granitsäulen, Nägel und anderes Metall. Doden mag den Kontrast von Holz zu Stein oder rostigem Stahl. Dieses Repertoire, so sagt er, sei wichtig. Hier könne er sich ausleben, verschiedene Materialien miteinander kombinieren. Er probiert aus und verwirft vieles auch wieder. „Es ist ein Prozess.“

„Ich habe klein angefangen“

Seine Holzbildhauerei braucht viel Platz. „Ich bin immer an mehreren Fronten zugange“, erläutert er. „Hauptsächlich arbeite ich mit Kettensägen, Hochdruckreiniger, Bohrmaschinen, Handflex und Schnitteisen.“ Aus Baumstämmen arbeitet er beispielsweise halbrunde Formen heraus, die er später weiterverarbeitet. Der Prozess des Arbeitens mit Naturmaterialien wie Holz unterliegt besonderen Regeln: Spannungsfugen sorgen dafür, dass es nicht reißt. „Das dauert Wochen.“ Daraus werden später Baumschalen-Reliefs in unterschiedlichen Farben und Strukturen. Und gut abgelagert müssten die verschiedenen Hölzer sein, damit das fertige Kunstwerk seinem Betrachter später dauerhaft Freude bereitet. Im Winter verlegt der Ostfriese sich teilweise auf das Arbeiten im Warmen: Dann gestaltet er Monotypien und Collagen aus Naturmaterialien und Acrylfarben. Durch das Brennen geschliffener Holzstücke schafft er sich einzigartige Druckplatten. Einen Einblick in sein Schaffen gibt es auf seinem Internetauftritt.

Jedes Holz hat seine Eigenheiten. Buche splittert. Foto: Ullrich
Jedes Holz hat seine Eigenheiten. Buche splittert. Foto: Ullrich

Angefangen habe alles mit einer 300 Jahre alten verwitterten Eiche, erinnert er sich. „Eiche zu bearbeiten ist schon eine Nummer“, führt er aus. Außer an Eiche legt Stefan Doden auch mit Vorliebe an Buchen Hand an. „Wenn Buche gefällt wird, dann splittert sie.“ Überhaupt, jeder Baum ist anders: „Die Faserung, wie es bricht, die Härte – das ist alles unterschiedlich.“ Vieles ist Handwerk, Erfahrung, Können. „Ich habe klein angefangen und mache jetzt Größeres.“ Doden selbst bezeichnet sich als kunstschaffenden Handwerker. Und dessen stattliche Auswahl an Werkzeugen, die gut sortiert parat liegen, findet sich in der Werkstatt-Remise. Trotz der Menge an Material wirkt alles aufgeräumt – wie Doden selbst.

Jeder Baum ist einzigartig. Stefan Doden zeigt, was in einem Exemplar stecken kann, wenn er Weichholz und Hartholz durch Hochdruckreiniger oder Stahlbürsten sichtbar macht. Foto: Ullrich
Jeder Baum ist einzigartig. Stefan Doden zeigt, was in einem Exemplar stecken kann, wenn er Weichholz und Hartholz durch Hochdruckreiniger oder Stahlbürsten sichtbar macht. Foto: Ullrich

Der 44-Jährige wuchs in Esens auf. Viele kennen ihn unter seinem Spitznamen Bodo: „Es ist mittlerweile so, dass viele meinen richtigen Namen überhaupt nicht kennen.“ Dieser Spitzname ist eine Erinnerung an seinen Bruder Thomas. Er starb bei einem Motorradunfall, als Stefan Doden 16 Jahre alt war. Dieser Verlust habe ihn und seinen Blick auf den Tod verändert. Sicherlich hat er auch sein kreatives Schaffen geprägt: Die Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit ist tief in seinen Werken verankert. Der Ostfriese sagt, ihm fehle oft die Wertschätzung der Menschen für ihre Umwelt. Seine Arbeiten sollen den Blick dafür schärfen, wünscht er sich. „Ich möchte den Leuten die Natur wieder näherbringen.“

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