Kolumne „Digital total“ Digitale Lösung oftmals gar nicht ausgereift
Digitalisieren wir in Deutschland Prozesse zur um der Digitalisierung willen? Digital ist nicht immer besser, findet unser Kolumnist – und empfiehlt, einfach mal vorher nachzudenken.
Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht von Problemen mit der digitalen Infrastruktur in Deutschland lese. Das liegt meiner Meinung nach nicht an der Technik selbst oder daran, dass wir Deutsche generell schlecht darin sind, digitale Projekte umzusetzen, sondern vielmehr an den Voraussetzungen. Wir betreiben in Deutschland überwiegend Digitalisierung um der Digitalisierung willen. Wir stellen Prozesse nicht deswegen auf Computer um, weil wir die Prozesse nüchtern analysiert und Vor- und Nachteile einer Digitalisierung gegeneinander abgewogen haben, sondern weil wir von vornherein überzeugt sind, dass digital besser ist als das, was wir vorher gemacht haben – ohne etwaige Nachteile einzukalkulieren.
Ich beobachte dieses Phänomen auf allen Ebenen der Gesellschaft. Sowohl wenn ich im „Spiegel“ von äußerst beunruhigenden Bemühungen lese, die Bundeswehr rapide zu digitalisieren, als auch wenn ich mich mit meinem Nachbarn unterhalte, dessen neues Elektroauto nach zwei Monaten zurück ins Werk muss, weil Teile der Motorsteuerung nicht ausgereift sind und die Software umprogrammiert werden muss, damit sie den Motor nicht nach 10.000 Kilometern komplett zerstört.
Zur Person
Fabian Scherschel, geboren in Duisburg und nun in Düsseldorf lebend, arbeitete bis 2019 als Redakteur für das Tech-Portal Heise-Online und für die Tech-Newsseite „The H“ in London. Als Freiberufler schreibt er unter anderem für das Magazin „c’t“. Mittlerweile hat der begeisterte Podcaster sein eigenes Projekt: fab.industries. Fernseh- und Radiosender schätzen ihn als Experten.
Momentan stöhnen viele Ärzte, weil die neuen E-Rezept-Systeme der Gematik ständig gestört sind. In der vergangenen Woche hatten diese Systeme an fünf von sechs Tagen die eine oder andere Störung. Auch dort haben wir offensichtlich mal wieder eine „Lösung“ ausgerollt, die nicht ausgereift war. Die elektronische Patientenakte (ePA) hat nicht mal eine Volltextsuche. Das ist Technik, die in Software im Jahre 1989 allgegenwärtig war, als ich meinen ersten Computer bekommen habe. Trotzdem wurde das in der ePA nicht von Anfang an mit konzipiert. Stattdessen will man dort jetzt Künstliche Intelligenz integrieren. Schon wieder so eine Hau-Ruck-Aktion. Warum lassen wir uns nicht einfach mal Zeit und denken nach, bevor wir handeln? Kein Wunder, dass wir so immer wieder ins Fettnäpfchen treten.
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