Berlin  So sollten Sie mit 20, 30, 40, 50 und 60 Jahren zusätzlich zur Rente vorsorgen

Hannah Petersohn
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Von Hannah Petersohn
| 14.04.2024 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Je nach Alter bietet sich eine spezielle Strategie für die Altersvorsorge an. Foto: IMAGO / Shotshop
Je nach Alter bietet sich eine spezielle Strategie für die Altersvorsorge an. Foto: IMAGO / Shotshop
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Die Rente wird bei vielen für einen auskömmlichen Lebensabend kaum reichen. Dabei gibt es einen simplen Trick, wie Sie privat fürs Alter vorsorgen können. Und selbst mit 60 Jahren ist es noch nicht zu spät, Ihre Rente aufzubessern.

Die durchschnittliche Höhe der Rente liegt hierzulande bei 1550 Euro brutto monatlich. Angesichts der gestiegenen Kosten für Energie, Miete und Co. kann es knapp werden, um damit über die Runden zu kommen. Selbst die Deutsche Rentenversicherung (DRV) rät zur ergänzenden Altersvorsorge. „Künftig stehen immer mehr Rentenbezieher immer weniger Beitragszahlern gegenüber“, warnt die DRV. Die gesetzliche Rente werde in den kommenden Jahrzehnten langsamer wachsen als die Löhne und der steuerpflichtige Teil der Rente wird schrittweise bis 2040 steigen. „Es ist deshalb sehr wichtig, zusätzlich für das Alter vorzusorgen.“

Aber welche Vorsorge empfiehlt sich für welches Alter und wie viel Geld sollte mit dem Renteneintritt auf der hohen Kante liegen?

Laut dem Vermögensverwalter Fidelity Investments sollten Verbraucher im Alter von 67 Jahren das Zehnfache ihres letzten Jahreseinkommens für ein auskömmliches Rentendasein gespart haben. Der aktuelle Jahresdurchschnittsverdienst eines Deutschen liegt laut Statistischem Bundesamt bei knapp 51.900 Euro brutto. Also wären 519.000 Euro für den Lebensabend notwendig. 

„Das ist in manchen Berufsgruppen überhaupt nicht umsetzbar. So eine Empfehlung ist totaler Quatsch“, kritisiert Antje Schönherr, Expertin für Versicherung und Vorsorge beim Berliner Finanzkontor, die seit über 30 Jahren unabhängige Anlageberatung anbieten. „Das Ziel, ein Kapital aufzubauen, ist natürlich grundsätzlich sinnvoll. Aber es können auch locker 100.000 Euro sein. Die Höhe hängt von den eigenen Kosten ab, die man hat.“

Tatsächlich unterscheidet es sich aber – je nach Alter – welche Vorsorgemaßnahmen sinnvoll sind. Auch macht es einen Unterschied, ob es um einen Mann oder eine Frau geht, und zwar dann, wenn ein Kind ins Spiel kommt. „Nach dem ersten Kind verlieren laut Statistik viele Frauen 80 Prozent ihres Einkommens. Dann ist aus meiner Sicht der Partner ebenfalls dafür zuständig, für sie vorzusorgen. Schließlich verliert die Partei, die die Care-Arbeit übernimmt, Rentenpunkte, die einem niemand ausgleicht.“

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So oder so: Je eher man mit der Vorsorge fürs Alter beginnt, desto besser. Nur, im ersten Job und als junger Mensch mangelt es häufig noch am Bewusstsein für die Rente. Denn die liegt ja noch in weiter Ferne. „Deswegen braucht es ein kleines Regelwerk“, so Schönherr. „Man sollte immer zehn Prozent von seinem Nettogehalt für die Rente zur Seite legen. Wer nach seinem Studium 2000 Euro netto verdient, legt also 200 Euro an die Seite. Mit jeder Gehaltserhöhung passt man die Sparsumme entsprechend an.“

Und was macht man mit dem Geld? Es lediglich auf dem Giro- oder Tagesgeldkonto zu bunkern, lässt die Summe inflationsbedingt dahinschmelzen. „Man kann einen Teil des gesparten Geldes in eine betriebliche Altersversorgung stecken oder in Aktienfonds. Je mehr noch Zeit bis zur Rente ist, desto eher sollte man sich über Fonds informieren“, so die Finanzexpertin.

Von privaten Rentenversicherungen rät sie ab: „Dort sehe ich den Nutzen nicht.“ Stattdessen seien steuergeförderte Versicherungen wie die betriebliche Altersversorgung (bAV) sinnvoll. Nur, was, wenn der Arbeitgeberzuschuss nicht ganz so hoch ausfällt? Zumal sich bei einem Arbeitgeberwechsel nicht jede bAV mitnehmen lässt? Die Probleme sieht Schönherr auch und rät: „Eine betriebliche Altersversorgung ist dann sinnvoll, wenn der Zuschuss die durch den Gesetzgeber vorgegebenen 15 Prozent übersteigt. Am besten ist immer fifty-fifty: Was Arbeitnehmer einzahlen, zahlt der Arbeitgeber noch einmal drauf.“

Die Beraterin empfiehlt allen ab 40.000 Euro Jahreseinkommen aufwärts eine bAV ohne Zuschüsse, denn dann profitiert man von einem hohen Steuervorteil. „In dem Fall wären auch die 15 Prozent Zuschuss in Ordnung. Oder der Arbeitgeber gibt einen Zuschuss von 40 oder 50 Euro monatlich, dann lohnt es sich immer.“

Eine 20-jährige Person sollte auf jeden Fall zehn Prozent vom Netto zur Seite legen, einen Teil des Geldes in eine bAV stecken und den anderen in Aktienfonds wie ETFs investieren. „Im Depot reichen 150 Euro pro Monat, um sich eine gute Rücklage anzusparen“, so Schönherr. In Bezug auf die Risikoklasse des Investments darf es in den jungen Jahren ruhig etwas riskanter zugehen, denn je mehr Zeit bis zum Auszahlungszeitpunkt bleibt, desto besser kann das Schwankungsrisiko ausgeglichen werden, das auch bei ETFs besteht. 

„Es gibt Risikoklassen von eins bis sieben. Risikoklasse eins wäre das geringste Risiko, also zum Beispiel eine Anleihe, festverzinsliche Papiere. Risikoklasse sieben sind Einzelaktien. Je stärker Aktien schwanken, desto höher das Verlustrisiko. Ein 20-Jähriger sollte mit der Risikoklasse fünf bis sechs anfangen.“ Also zum Beispiel in Indexfonds wie den MSCI World investieren. Der ETF besitze ein sogenanntes Einzelfallrisiko, das heißt, es könne schon auch mal vorkommen, dass man in einem Jahr einen Verlust von 30 Prozent hinnehmen muss. Was aber über die Jahre wieder ausgeglichen wird.

Ein 30-Jähriger sollte laut der Expertin monatlich etwa 250 Euro für eine gute Rücklage sparen. Zudem sei die betriebliche Altersversorgung in dem Alter weiterhin eine gute Wahl. Aber: „Auch ein 30-Jähriger braucht dabei den Steuervorteil oder einen ordentlichen Zuschuss vom Arbeitgeber“, so Schönherr. 

Von einem staatlich geförderten Riester-Vertrag rät die Beraterin derzeit hingegen ab. „Ab drei Kindern kann man wegen der Zulagen noch einmal darüber nachdenken, aber sonst nicht.“

Wer jetzt eine Familie gründen will, sollte darüber hinaus über seine Risikoabsicherung nachdenken, also beispielsweise eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen, damit die Familie versorgt ist, sollte man erkranken. „Es nützt ja nichts, wenn man jeden Monat zehn Prozent seines Gehalts sparen will, das dann aber fehlt, weil man nicht mehr arbeiten kann.“ Mit 30 Jahren liegen häufig noch keine schwerwiegenden Erkrankungen vor, was den Abschluss vereinfacht und die Beiträge noch vergleichsweise günstig macht. 

Weil in den Dreißigern noch viel Zeit bis zur Rente ist, könne man weiter in Risikoklasse fünf bis sechs investiert bleiben und weiterhin an der Zehn-Prozent-Sparquote festhalten. „Dann kann man eigentlich nicht so viel falsch machen und das gilt für Frauen wie für Männer“, erklärt die Finanzberaterin.

Jungen Paaren mit Kinderwunsch rät sie zu einem Startkapital in Höhe von 20.000 Euro, bevor das erste Kind kommt. „Das ist gut für den Notfall.”

In diesem Alter steht für viele die Familie im Vordergrund. „Hier beginnen schon einige Frauen etwas für die Kinder zu sparen, ohne an sich selbst zu denken“, kritisiert die Beraterin. 

Jetzt sind es nun nur noch etwa 25 Jahre, bis das Renteneintrittsalter erreicht ist. Laut Expertin sollte der Notgroschen in etwa der dreifachen Höhe des Bruttogehalts entsprechen. Zudem empfiehlt sie ein „Spaßkonto mit Rückstellungen für Urlaube und geplante Ausgaben“. In das – am besten bereits bestehende – Depot müssten nun monatlich 350 Euro für eine gute Rücklage fließen. 

Generell sollte spätestens jetzt jeder einen Blick auf das Rentenkonto wagen. Mittlerweile lässt sich sogar digital die mögliche Rentenlücke berechnen. Die digitale Rentenübersicht verspricht den Bürgern einen Überblick über ihre künftigen Auszahlungen aus gesetzlicher Rente, betrieblicher Altersversorgung und privater Altersvorsorge.

Beraterin Schönherr empfiehlt Frauen, die wegen der Erziehung der Kinder weniger gearbeitet haben, zu überprüfen, ob die Kindererziehungszeiten erfasst sind. „Die muss Frau nämlich aktiv beantragen.“ Also bei der Gesetzlichen Rentenversicherung.

Nun müssten bereits 500 Euro monatlich zur Seite gelegt werden. Wer noch nicht am Kapitalmarkt investiert ist, kann das durchaus noch machen. Schließlich bleiben im Zweifel noch etwa 17 Jahre bis zur Rente und die können ein Depot durchaus auf solide Beine stellen.

Wer bereits angelegt hat, müsse laut Schönherr jetzt sein Portfolio anpassen: Es sollte allmählich konservativer investiert werden, also weniger risikoreich. „Die reinen Aktienfonds dürfen in Mischfonds übergehen. Eine Anlage in Fonds um die 100.000 Euro wäre top. Rücklagen und Notgroschen sollten ebenfalls vorhanden sein.“

In dem Alter ist doch nichts mehr zu holen? Nicht so vorschnell. Selbst die Deutsche Rentenversicherung erklärt: „Auch wenn Sie schon kurz vor dem Rentenalter stehen: Selbst jetzt können Sie noch einiges bewegen.“ Die DRV rät Verbrauchern, den Versicherungsverlauf genau zu prüfen. Vielleicht gibt es irgendwo eine Lücke, also eine rentenrechtlich relevante Zeit, die noch nicht erfasst ist? Dazu gehören neben Erziehungszeiten auch Zeiten, in denen man Angehörige unentgeltlich gepflegt hat. Auch Ausbildungszeiten sollten erfasst sein:  „Klären Sie, ob Sie für bestimmte Zeiten noch freiwillige Beiträge nachzahlen können“, rät die DRV.

Zudem sollten sich jene, die früher in Rente gehen möchten, über die Abschläge bewusst sein. Aber: Sie können mit zusätzlichen Beiträgen ganz oder teilweise ausgeglichen werden. „Sollten sich Ihre Pläne ändern und die Rente doch erst später beginnen, gehen die gezahlten Beiträge nicht verloren. Sie erhöhen dann die reguläre Altersrente. Und außerdem können die Ausgleichszahlungen als Aufwendungen für die Altersvorsorge steuerlich absetzbar sein.“ 

Finanzexpertin Schönherr hat noch einen Hinweis für jene, deren gesetzliche Rente vielleicht nicht ganz so hoch ausfällt. Demnach könnte es in dem Alter „sinnvoll sein, ein paar Rentenpunkte bei der gesetzlichen Rentenversicherung zu kaufen“. Tatsächlich gibt es einen Run auf den Zukauf von Rentenpunkten, gleichwohl allein für einen Punkt in diesem Jahr über 8.000 Euro zu berappen sind: Laut DRV haben im Jahr 2022 etwa 68.000 Versicherte zusätzliche Rentenpunkte geshoppt, das waren viermal so viele wie noch 2018 und bescherte der DRV über 1,1 Milliarden Euro Einnahmen. 

Wichtig zu wissen: Wer eine Grundrente bezieht, dürfe laut Finanzberaterin Schönherr lediglich 5.000 Euro auf dem Konto haben. „Der Rest muss verbraucht werden, bevor die Unterstützung vom Staat greift. Zur Grundrente dürfen Riester und betriebliche Altersversorgung dazu kommen, ohne dass diese angerechnet werden“, so die Expertin.

Wer so, wie es Schönherr empfiehlt, vorgesorgt hat, dürfte nun über ein Depot von 140.000 Euro verfügen und könne daraus flexibel eine Zusatzrente beziehen. Das ist dann doch ein deutlicher Unterschied zu den 519.000 Euro, die Fidelity Investments berechnet hat.

Im Alter sollte allerdings das Portfolio umgeschichtet werden, um das Schwankungsrisiko und damit einen möglichen Verlust zu verringern. Je näher man in die Nähe der Rentenzeit kommt, desto mehr sollte man in der Geldanlage also mit den Risikoklassen heruntergehen und sein Geld eher in festverzinsliche Papiere stecken.

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