Stein auf Stein etwas Außergewöhnliches  In ihren Händen wird aus Wittmunder Klinker Kunst

Susanne Ullrich
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Von Susanne Ullrich
| 11.04.2024 20:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Nic Schaatsbergen arbeitet nach und nach die Feinheiten eines Gesichts aus dem Klinker heraus. Während des Arbeitsprozesses wirken die einzelnen Rohlinge wie eine große Masse. Ihre endgültige Struktur bekommt die Büste erst nach dem Brennen. Foto: Ortgies
Nic Schaatsbergen arbeitet nach und nach die Feinheiten eines Gesichts aus dem Klinker heraus. Während des Arbeitsprozesses wirken die einzelnen Rohlinge wie eine große Masse. Ihre endgültige Struktur bekommt die Büste erst nach dem Brennen. Foto: Ortgies
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Nic Schaatsbergen ist Bildhauerin mit besonderem Blick auf ihre Umgebung und prägender Geschichte. Einer ihrer Werkstoffe ist Ziegelstein – ein Novum und zugleich eine Liebeserklärung an Ostfriesland.

Dornum/Wittmund - „Menschen und Emotionen darzustellen, finde ich ganz spannend.“ Nic Schaatsbergen erschafft in ihrem Atelier in einem alten Gulfhaus am Ortsrand von Dornum Kunst, die den Betrachter in ihren Bann zieht. Auf den ersten Blick sind ihre Arbeiten interessant, aber auch augenschmeichelnd. Auf den zweiten Blick jedoch kann sich das Auge daran reiben. Jede ihrer Skulpturen hat eine ganz eigene Oberflächenstruktur, aber auch bewusst Makel. Diese Werke haben Ecken und Kanten – wie die Künstlerin selbst. Auch das Material ist so beschaffen: Nic Schaatsbergen arbeitet seit zwei Jahren intensiv mit Wittmunder Klinker. Keiner ist wie der andere, jedes Exemplar ist ein Unikat. Stein auf Stein erschafft die Künstlerin außergewöhnliche Hingucker. Kunst, die man anfassen möchte und an der es immer wieder Neues zu entdecken gibt.

Die erste fertige Arbeit von Nic Schaatsbergen aus Wittmunder Klinker trägt den Titel „Zu-versicht“ und ist derzeit in einer Austellung des OKK in der Peldemühle Wittmund zu sehen. Foto: Ullrich
Die erste fertige Arbeit von Nic Schaatsbergen aus Wittmunder Klinker trägt den Titel „Zu-versicht“ und ist derzeit in einer Austellung des OKK in der Peldemühle Wittmund zu sehen. Foto: Ullrich

Es ist Kunst, wie gemacht für den öffentlichen Raum. So sieht es die Erschafferin. Etwas, was keine Funktionalität hat – aber dennoch einen wichtigen Zweck erfüllt. „Es lässt dich innehalten. Es macht kurz was mit dir“, erklärt sie. „Du wirst zum Nachdenken gebracht. Du lernst bestenfalls noch etwas über dich und deine Umgebung.“ Die Skulptur mit dem Titel „Zu-versicht“ ist die erste, die die Diplom-Bildhauerin aus Wittmunder Klinker gemauert hat. Sie ist zugleich ihre Abschlussprüfung. Eine Büste aus Stein und Beton, die trotz der starren Materialien voller Leben zu sein scheint: Zuversichtlich blickt die Frau in die Zukunft. Die Frau, die die Großmutter der 44 Jahre alten Bildhauerin ist. Ein altes Foto hatte sie berührt. Es ist die Grundlage ihrer Arbeit. Um Ausdruck, Emotionen und Physionomie genau zu treffen, arbeite sie fast immer mit Modellen oder Fotos.

Nic Schaatsbergen möchte eine lebensgroße Skulptur aus Ziegelsteinen erschaffen. Doch aller Anfang ist schwer. Neben den Proportionen muss auch die Standfestigkeit stimmen. Foto: Ortgies
Nic Schaatsbergen möchte eine lebensgroße Skulptur aus Ziegelsteinen erschaffen. Doch aller Anfang ist schwer. Neben den Proportionen muss auch die Standfestigkeit stimmen. Foto: Ortgies

Ihre Kunst brauchte erst einen Bruch

In ihrem Atelier finden sich Aufnahmen ihrer Tochter Tuuli. Das Kunstwerk auf der Arbeitsfläche davor ist längst noch nicht fertig. Doch schon jetzt trägt es Gesichtszüge der Zehnjährigen. Nic Schaatsbergen versteht ihr Handwerk offenbar. Schon in ihrer Kindheit in Herne habe sie verschiedene kreative Interessen gehabt, erinnert sie sich. Zunächst aber entschied sie sich für den Journalismus. Gemeinsam mit ihrem 2016 verstorbenen Mann kam sie 2000 nach Dornum. In Ostfriesland schlugen beide gemeinsam einen neuen Weg ein und spezialisierten sich unter anderem auf Trauma-, Paar- und Sexualberatung. Damals arbeitete sie noch als Nicole Schenderlein. Nach dem Suizid ihres Ehemannes und Vaters ihrer Tochter brauchte sie jedoch auch beruflich einen Neustart. 2018 nahm sie ihr Studium der Bildhauerei in Bochum auf. Dieser Bruch mit der Vergangenheit wird auch in ihrem Namen deutlich: Heute nutzt sie ihren Künstlernamen Nic Schaatsbergen.

Unter mehreren Lagen Handtüchern verstaut Schaatsbergen die unfertigen Arbeiten, damit diese nicht austrocknen. Foto: Ortgies
Unter mehreren Lagen Handtüchern verstaut Schaatsbergen die unfertigen Arbeiten, damit diese nicht austrocknen. Foto: Ortgies

Die Vielfalt an Materialien und Möglichkeiten habe sie an der Bildhauerei fasziniert. Im Zentrum steht immer die Überlegung: „Wie verhält sich das Material?“ Die wichtigsten sind vermutlich Gips, Holz, Beton oder Stein. An jeden Grundstoff kann die Herangehensweise eine andere sein. „Man bildet auf oder haut ab“, führt Schaatsbergen aus. „Ich wollte jede Art der Bildhauerei kennenlernen – weil ich die Vielfalt mag.“ Studiengänge wie diesen gibt es nur eine Handvoll in Deutschland. Somit ist die Diplom-Bildhauerin eine von wenigen ihrer Art. Auch insgesamt ist die Bildhauerei neben anderen Kunstformen oft eher unterrepräsentiert. Beim Ostfriesischen Kunstkreis (OKK) hingegen gibt es derzeit mit zehn weiblichen wie männlichen mehr Bildhauer denn je. Laut Vorsitzendem Walter Ruß sind gegenwärtig unter 91 Mitgliedern 53 aktive Künstler.

Eigene Ausstellung für Ostfrieslands Bildhauer

Diese Bildhauerdichte wird jetzt erstmals mit der Ausstellung „Von Formen und Figuren“ in der Wittmunder Peldemühle zelebriert. Noch bis zum Ende April 2024 sind die Arbeiten bei freiem Eintritt immer mittwochs, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr zu sehen. „Bildhauerei ist populär geworden und muss wieder gezeigt werden“, findet Ruß. Schaatsbergen zeichne sich durch die Vielzahl ihrer bildnerischen Ausdrucksmöglichkeiten aus. „Dies führt jedoch nicht zu einer endlosen Wiederholung einmal gefundener Techniken, Motive oder Aussagen, sondern variiert offenbar ihre Vorstellungskraft und ihren Gestaltungswillen.“

Nic Schaatsbergen arbeitet auch abstrakt, sagt aber: „Menschen finde ich spannender.“ Foto: Ortgies
Nic Schaatsbergen arbeitet auch abstrakt, sagt aber: „Menschen finde ich spannender.“ Foto: Ortgies

Neben der Ziegelskulptur „Zu-versicht“ werden auch einige ihrer figurativen Klein-Bronzen gezeigt. Schaatsbergen setze mit ihrer Kunstauffassung bedeutende Akzente, lobt Ruß. „Aus diesem internen Diskurs versprechen wir uns viele neue Perspektiven und Erkenntnisse für die künstlerische Arbeit im OKK.“ Die Dornumerin geht bewusst neue Wege. „Vor Fehlern ist mir da nicht bang. Das gehört dazu“, verrät sie. Die Zügel fest in die Hand nehmen – aber im entscheidenden Moment loslassen können. Das zeichnet die Frau aus, die in ihrem Leben schon an so mancher Weggabelung zwischen Abgrund und Weitermachen wählen musste. Entscheidend sei am Ende, was daraus erwachsen kann. Den Wandel annehmen und neue Verbindungen schaffen – im Leben wie im Werk: „Ich finde es total spannend, ein klassisches Material zu nehmen und es neu zu verwenden.“ Neben der Bildhauerei zeichnet und malt sie und ist auch im Kunsthandwerk und als Autorin aktiv. Eine Übersicht gibt es auf ihrer Internetseite.

Die Künstlerin ist vielseitig. Foto: Ortgies
Die Künstlerin ist vielseitig. Foto: Ortgies

Stein auf Stein – Schönes aus Lehm

Der Ziegel als wichtiger Aspekt ostfriesischer Kultur sei der Pottfriesin, wie sie sich selbst bezeichnet, schon vor vielen Jahren aufgefallen. Die alten Backsteinbauten hätten sie fasziniert. Irgendwann war ihr klar, dass sie mit Klinker arbeiten wolle. „Ich fand, es ist ein Alleinstellungsmerkmal.“ Mit Brad Spencer gibt es in den USA einen Bildhauer, der ebenfalls mit Klinker arbeite – aber anders. Er erschafft daraus Reliefs. Sie ergänzt lachend: „Alle haben mich bisher für bescheuert gehalten.“ Nicht jedoch im Klinkerwerk Neuschoo. Das Unternehmen stellt seine Rohlinge zur Verfügung und brennt die von Schaatsbergen verarbeiteten Ziegelsteine. „Generell finden wir es gut, wenn jemand in Lehm arbeitet und daraus schöne Dinge macht“, sagt Geschäftsführer Kristof Kromminga. „Man unterstützt sich in Ostfriesland.“

Nur beim genauen Hinschauen werden die Fugen zwischen den einzelnen Klinkern sichtbar. Foto: Ortgies
Nur beim genauen Hinschauen werden die Fugen zwischen den einzelnen Klinkern sichtbar. Foto: Ortgies

Ein Klinkerrohling bestehe vor allem aus Lehm, schildert er. Es werde eine Rohmasse angemischt, die nach 14 Tagen in Form gepresst wird. Nach drei, vier Tagen Trocknen geht der Stein für weitere vier, fünf Tage in den Brennofen der Ziegelei. „Wir versuchen, so traditionell wie möglich zu fertigen.“ Gerät aber einer dieser Lehmklumpen in die Hände von Nic Schaatsbergen, dauert es deutlich länger, bis er getrocknet und gebrannt werden kann. Sie erstellt zunächst anhand einer Idee einen Entwurf, eine Skizze oder ein Modell. Sie setzt zunächst mehrere Ziegelsteine zusammen. Nach und nach trägt sie überflüssiges Material ab und arbeitet die künftige Form immer feiner heraus. „Das macht man nicht mal eben so.“

Nach einer Weile in den Händen von Nic Schaatsbergen ist der Lehmrohling (im Vordergrund) nicht mehr als solcher erkennbar. Erst in der fertigen Skulptur wird die Steinstruktur wieder deutlich. Foto: Ortgies
Nach einer Weile in den Händen von Nic Schaatsbergen ist der Lehmrohling (im Vordergrund) nicht mehr als solcher erkennbar. Erst in der fertigen Skulptur wird die Steinstruktur wieder deutlich. Foto: Ortgies

Jeder Ziegel ein Unikat

Es dauert, bevor sie überhaupt Hand an ihren Werkstoff legen kann: Arbeitet sie nicht an ihrer Skulptur, verschwindet die gut durchfeuchtet unter mehreren Lagen Handtüchern und schließlich Plastik. Mit Spachteln, Meißel oder Raspel rückt sie dem rauen Naturprodukt zu Leibe – und mit einer Babybadewanne. „Es muss feucht bleiben“, erklärt sie. Aber wie arbeitet es sich „in Klinker“? „Es ist vergleichbar mit Ton – aber es lässt sich wegen der Zusatzstoffe viel schwerer modellieren.“

Ein Blick ins Dornumer Atelier. Foto: Ortgies
Ein Blick ins Dornumer Atelier. Foto: Ortgies

Zeit und Geduld ist gefragt. Wochen und Monate vergehen von der Idee zum fertigen Kunstwerk. Erst, wenn Schaatsbergen mit ihrer Skulptur zufrieden ist, zerlegt sie sie in ihre Einzelteile und nummeriert die Steine. Spannend sei, wie die aus der Ziegelei zurückkehren: „Jeder einzelne Ziegel sieht nach dem Brennen anders aus.“ Erst dann fügt sie die Einzelteile final zusammen, mauert die Fugen ihres Werkes. Eine Grenzerfahrung für die Künstlerin, die zugibt: „Ich bin eigentlich ein sehr ungeduldiger Mensch.“

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