Hamburg  Richard Wagners Ur-Urenkel Antoine: Wie der Künstler Grenzen sprengt

Andreas Wrede
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Von Andreas Wrede
| 11.04.2024 15:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Foto: Felix Bartlett
Foto: Felix Bartlett
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Richard Wagner hat Phantasiewelten erschaffen und Grenzen verschoben. Heute ist sein Ur-Urenkel Antoine ein Weltenbummler, der das Feld der Kunst mit Erfolg neu vermisst. Grenzen und Sprachen halten ihn nicht auf. Ein Portrait.

Der Künstler Antoine Wagner ist ein Kosmopolit, er verkörpert den ungebändigten Weltbürger, seine Nationalität ist die Kunst. Die Mutter hat die deutsche Staatsbürgerschaft, der Vater die französische. Antoine Wagner selbst wurde in den USA geboren. Er arbeitet und lebt in Tirol, London, New York City und Woodstock.

Das hat Gründe: Antoine Wagner – der Ururenkel von Richard Wagner (1813-1883) und der Urururenkel von Franz Liszt (1811-1886) – arbeitet interdisziplinär und multivisuell. Fotografie und Video-Art, Installationen und Skulpturen, Performances und mehr. Sound-Design ist ihm ebenso nah wie die Inszenierung einer Oper. Im Gespräch wechselt Wagner oft und unbewusst vom Deutschen ins Französische, Italienische oder Englische und zurück. Er sagt: „Ich habe keine Mutterzunge“, dabei lacht er frei und fröhlich.

Wagner sieht aus wie ein Rockstar: lange Haare, Vollbart, lässiger Stil, irgendwo zwischen Carhartt, Stone Island und Patagonia. Abenteuerlustig war er schon von klein auf, etwa bei den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen: „Ich bin als kleiner Junge jedes Jahr in Bayreuth heimlich in die Kulissen geschlichen und habe still gelauscht, Musik ist sehr bedeutsam für mich.“

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2015 hat Wagner für eine umfängliche Ausstellung im damaligen Völkerkunde-Museum in Hamburg die begleitende Musik komponiert. Die Werkschau trug den Titel „Exil“. Es hingen eindringliche, überdimensionale Porträts von in Deutschland lebenden Migranten. Wagners kategorisches Statement für Humanität. Dass ihn das Thema Exil bewegt, ist angesichts der Biografie Richard Wagners einleuchtend. Der Komponist lebte von 1849 bis 1858 selbst im Exil in Zürich.

„Wagners Fluchtweg von Deutschland in die Schweiz bin ich nachgewandert,“ erzählt Antoine Wagner, dabei fliegen seine schlanken Hände nachdrücklich begeistert durch die Luft . Für den Foto-Essay „Wagner in der Schweiz“ gewann er den Prix de l’Académie Lyrique Pierre Bergé. Studiert hat er an der Northwestern University in der Nähe von Chicago und der renommierten Universität Sciences Po in Paris. Theaterwissenschaften und Politik. „Und riesiges Glück hatte ich, dass ich Oscar-Preisträger Michael Haneke beim Remake von ‚Funny Games‘ assistieren konnte. Fabelhaft, an der Seite eines genialen Regisseurs zu stehen und zu lernen“.

Neben seinem eigenen Arte-Film über die Popband Phoenix drehte Antoine Wagner Videos mit Vanessa Paradis, Johnny Hallyday (1943-2017) oder Kate Moss. Es folgte der Dokumentarfilm „Wagner: A Genius in Exile“ im Jahr 2013. Die erste seiner inzwischen zahlreichen internationalen Ausstellungen fand 2011 statt: „Entkommene Landschaften“ zeigte Fotografien.

Zweimal war er, der eine große schöpferische Neugier hegt, Artist-in-Residence: 2005 in Robert Wilsons legendärem Water Mill Center auf Long Island vor New York und 2014 in der illustren Villa Medici, dem Außenposten der französischen Akademie der Künste in Rom. Im von Frank Gehry entworfenen New World Center in Miami inszenierte Wagner multimedial den zweiten Akt der „Walküre“. Die Arbeiten von Antoine Wagner sind mittlerweile etwa in New York, Tokio, Singapur, Paris, Shanghai, London oder Brüssel zu sehen gewesen.

Ende 2023 zeigte die Galerie „The Fridge“ in New York City mit dem Titel „A Distant Closeness“ eine Reihe von Gemälden, die an Naturgewalten erinnern. Sie sind inspiriert von einer Reise durch den urtümlichen japanischen Nationalpark Yakushima. Bei diesen Arbeiten auf Acryl hat Wagner Asche, Sand und Erde integriert. Von der New Yorker Kunst-Kritik wurde ihm „eine bemerkenswerte meditative Qualität und eine kraftvolle, fast greifbare Energie“ zugeschrieben. Das beschreibt seine Art, wenn er am liebsten nachts „zehn, zwölf Stunden“ durcharbeitet, um sich herum „alles vergisst, weil ich im Momentum verhaftet bin“. Das hindert ihn freilich nicht daran, jeden frühen Morgen eiskalt schwimmen zu gehen, sei es in einem Tiroler See oder einem ungeheizten Freibad irgendwo auf der Welt. 

Die Kunstwissenschaftlerin Carola Blumenfeld hat einmal formuliert: „Die Bildwahl von Antoine Wagner, wie auch jene von Bill Viola, ist ein Paradoxon. Ehrgeizig in seiner Wahl, aber vor allem ein Quell immenser Freiheit.“ Zu besichtigen war dies bei zwei Ausstellungen Anfang des Jahres in London, aktuell läuft eine weitere in der Galerie von Tristan Hoare: „Antoine Wagner: Maria Callas“ ist eine fotografische Serie von Bühnenvorhängen berühmter Opernhäuser, in denen die Diva (1923 - 1977) aufgetreten ist. Wagner dazu: „Für mich ist der Bühnenvorhang integraler Bestandteil der immersiven Natur des Opern-Spektakels“.

And what’s next, Antoine? „Ich arbeite an einem Film zum Thema Identität“. Wie heißt es in Wagners Oper „Parsifal“? „Wo bist du her? Das weiß ich nicht…Wer sandte Dich dieses Weges? Das weiß ich nicht“. So hoffen wir denn, dass wir alsbald erfahren, welchen neuen künstlerischen Gral Antoine Wagner sich und uns erschließt.

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