Selbsthilfe für Eltern  Von Zappelphilipp bis Tagträumer – ADHS hat viele Gesichter

Karin Lüppen
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Von Karin Lüppen
| 07.04.2024 18:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Auf Menschen mit ADHS prasseln viele Eindrücke auf einmal herunter. Sie verlieren leicht den Überblick und können sich schlecht konzentrieren. Foto: peshkova/stock.adobe.com
Auf Menschen mit ADHS prasseln viele Eindrücke auf einmal herunter. Sie verlieren leicht den Überblick und können sich schlecht konzentrieren. Foto: peshkova/stock.adobe.com
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Margit Tütje-Schlicker aus Moormerland gibt Tipps, wie eine genaue Tagesplanung und einfühlsame Erziehung den Alltag von ADHS-Kindern erleichtern können.

Moormerland - Kann es sein, dass mein Kind ADHS hat? Das fragen sich Eltern, wenn sie merken, dass ihre Tochter oder ihr Sohn sich anders verhalten als Gleichaltrige. Meistens dann, wenn es oft hibbelig und unkonzentriert ist. Doch die Störung kann sich auch ganz anders äußern. Wie sehr das Thema viele Menschen umtreibt zeigte sich kürzlich bei einer Veranstaltung zu dem Thema beim Treffpunkt Anleger in Moormerland: Der Andrang war so groß, dass ein zweiter Termin anberaumt wurde. Wir haben mit der Referentin, Margit Tütje-Schlicker, Mutter von Kindern mit ADHS und seit vielen Jahren aktiv in Selbsthilfegruppen für ADHS tätig, gesprochen.

Was kennzeichnet ADHS?

Viele Menschen haben bei dem Begriff gleich ein hyperaktives Kind vor Augen. Doch diese Vorstellung muss nicht immer stimmen, sagt Margit Tütje-Schlicker. ADHS bedeutet Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Betroffene haben häufig nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, sind leicht ablenkbar oder fangen alles an, bringen aber nichts zum Ende. ADHS-Betroffene können sich nur schwer Dinge merken und sind oft vergesslich. Vor allem Kinder sind schnell zappelig und können ihre Kräfte schwer einschätzen. Allerdings gibt es auch ADHS-Kinder, die sehr ruhig sind: Ihr eigener Sohn zum Beispiel war in der Schule eher still. Auffällig war, dass er immer sehr für sich gewesen sei und Lerndefizite hatte. Das 1x1 habe er sich zum Beispiel nicht merken können.

Margit Tütje-Schlicker ist als Mutter seit vielen Jahren in der ADHS-Selbsthilfe aktiv. Foto: privat
Margit Tütje-Schlicker ist als Mutter seit vielen Jahren in der ADHS-Selbsthilfe aktiv. Foto: privat

Als Erwachsene sind Betroffene häufig nicht in der Lage, ihren Alltag zu strukturieren und zu bewältigen. ADHS ist nicht heilbar. Es handelt sich nach dem aktuellen Stand der Forschung um eine Regulationsstörung im Frontalhirn. Die Ausschüttung von Botenstoffen, vor allem Noradrenalin und Dopamin, ist bei ihnen nicht im Gleichgewicht. Deshalb müssen sie zu viele Reize auf einmal verarbeiten. Nicht alle ADHS-Betroffenen sind gleich, denn es gibt unterschiedliche Erscheinungsformen und Ausprägungen des Syndroms. Einmal erkannt, kann ADHS mit Medikamenten behandelt werden und durch gezielte Förderung und Training können Betroffene lernen, mit ADHS umzugehen.

Daneben gibt es auch ADHS ohne Hyperaktivität, früher ADS genannt. Die Betroffenen können sogar sehr ruhig und verträumt sein, so Tütje-Schlicker. Diese Kinder (und Erwachsenen) sind trotzdem schnell abgelenkt, weil ihr Gehirn zu viele Informationen auf einmal wahrnimmt und verarbeitet. Haben sie jedoch ein Thema oder eine Beschäftigung gefunden, können sie daran stundenlang konzentriert arbeiten. ADHS-Betroffene fühlen sich oft leicht von anderen angegriffen und reagieren „empfindlich“.

Woran erkennt man ADHS?

Nicht jedes Kind, das ständig unruhig ist, nicht stillsitzen kann oder leicht etwas vergisst, hat ADHS. Für viele Eltern sei es schwierig, geeignete Medizinerinnen und Mediziner zu finden, die die Diagnose stellen können, so Tütje-Schlicker. Häufig könnten Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten einen ersten Hinweis geben, ebenso Lehrerinnen und Lehrer. Bei Mädchen wird ADHS häufig übersehen oder falsch eingeschätzt. „Bei ihnen ist die Hyperaktivität oft anders ausgeprägt“, sagt Tütje-Schlicker. Sie zeigten unter Umständen kein auffälliges Verhalten, sondern wippen zum Beispiel unter dem Tisch ständig mit dem Fuß oder kratzen sich. „Damit wird der Bewegungsdrang kompensiert“, sagt Tütje-Schlicker.

Wer kann ADHS feststellen?

Die Diagnose kann nicht jeder Medizinerin gesichert stellen, sagt Margit Tütje-Schlicker. Dazu befähigt sind laut einer Richtlinie bei Kindern und Jugendlichen:

  • Fachärztin/-arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen/-therapeut
  • Psychologische Psychotherapeutinnen/-therapeut mit Zusatzqualifikation für Kinder und Jugendliche
  • Fachärztin/-arzt für Kinder- und Jugendmedizin mit Erfahrung und Fachwissen in der Diagnostik von ADHS

sowie bei Erwachsenen:

  • Fachärztin/-arzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
  • Fachärztin/-arzt für Neurologie,
  • Fachärztin/-arzt für psychosomatische Medizin
  • Ärztliche oder Psychologische Psychotherapeutinnen/-therapeut

Ein wichtiger Hinweis auf ADHS kann in der Familie zu finden sein, denn die Störung ist vererbbar. „Wo ein Kind ADHS hat, ist ein Elternteil mit ADHS nicht weit“, sagt Tütje-Schlicker. Manche Betroffenen erhalten die Diagnose erst im Erwachsenenalter. Dann könne diese sehr erleichternd sein, weil sich dann viele Schwierigkeiten im Elternhaus oder der Schule im Nachhinein aufklären. Den Betroffenen werde damit der Druck genommen, sich falsch verhalten zu haben. „Sie können ja nichts dafür“, sagt Tütje-Schlicker.

Ist ADHS eine Modekrankheit?

Nein. Rund fünf bis zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen sind davon betroffen, etwa die Hälfte davon auch als Erwachsene. „Früher hat man geglaubt, dass es sich auswächst“, sagt Tütje-Schlicker. Tatsächlich bessere sich für viele Betroffene als Erwachsene die Situation, aber manche behalten die Symptome ein Leben lang. In sozialen Medien stößt man häufig auf Männer und Frauen, die hervorheben, dass sie ADHS haben und ihre Kreativität preisen. Tatsächlich haben wohl einige Betroffene eine lebhafte Fantasie, „aber die wenigsten können etwas daraus machen“, ist Tütje-Schlicker überzeugt. Prominente könnten möglicherweise die Vorteile von ADHS nutzen, weil andere sich für sie um die Organisation ihres Lebens kümmern. „Auf diese Weise müssen sie mit den Nachteilen nicht umgehen“, glaubt sie.

Wie geht man mit ADHS bei Kindern um?

Allen Eltern gibt Margit Tütje-Schlicker den Rat, früh hinzusehen, wenn sich ihr Kind in irgendeiner Weise offensichtlich anders verhält als Gleichaltrige. Wichtig sei es, Kindern mit ADHS im Alltag eine Struktur zu geben. „Rituale sind dabei sehr wichtig“, sagt sie. Als Beispiel nennt sie die Morgenroutine, die vom Aufstehen bis zum Schulbus wortwörtlich minutiös durchgeplant werden kann. Der immer gleiche Ablauf gebe Sicherheit. Doppelt wichtig sei es, konsequent zu handeln und einzuhalten, was man sagt. Ebenso wirkt sich geduldiges Handeln und viel Lob bei erwünschtem Verhalten positiv auf Kinder aus. ADHS-betroffene Kinder probieren mehr als nicht-betroffene aus. Dies gilt auch für eigenständiges, selbstständiges Handeln, was häufig als „oppositionelles Verhalten“ beschrieben wird. „Kinder mit ADHS sind neugierig und wissbegierig und trotz ihrer Schwierigkeiten liebenswert“, betont sie.

Immer Medikamente einnehmen? Nicht alle Menschen mit ADHS wollen das. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
Immer Medikamente einnehmen? Nicht alle Menschen mit ADHS wollen das. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Als Medikament ist vor allem Methylphenidat bekannt. „Für viele ist das ein rotes Tuch. Tatsache ist aber: es hilft“, sagt Tütje-Schlicker. Es ermögliche vielen Betroffenen, mit ihren Schwierigkeiten besser umgehen zu können, beispielsweise sich zu konzentrieren. Nicht jedes Kind brauche jedoch Medikamente. Bei Jugendlichen und Erwachsenen bedeutet ADHS eine erhöhte Suchtgefährdung, da zum Beispiel Alkohol oder Nikotin beruhigend wirkt. Was andere aufputscht, wie Ecstasy, kann für ADHS-Betroffene nicht zum Rausch führen, sondern eher stimulierend wirken und dazu führen, dass sie sich besser konzentrieren können. Dann bestehe die Gefahr, sich an den Konsum zu gewöhnen und eine Sucht zu entwickeln.

Welche Rolle spielt Selbsthilfe bei ADHS?

Nachdem sie für ihren Sohn die Diagnose ADHS bekommen hatte, riet die behandelnde Ärztin Margit Tütje-Schlicker zum Besuch einer Selbsthilfegruppe. Später gründete sie mit vier anderen Frauen an ihrem damaligen Wohnort eine solche Gruppe. Es tat ihr gut, weil die anderen Teilnehmer in der gleichen Situation waren und ein Austausch möglich war. Tütje-Schlicker leitete die Gruppe 20 Jahre lang, übernahm später die Landesgruppenleitung für Niedersachsen im Verein ADHS Deutschland. Seit 2022 lebt sie wieder in Ostfriesland und engagiert sich weiter in der Selbsthilfe.

Kinder mit ADHS können oft ihre Kräfte nicht richtig einschätzen. Foto: Julian Stratenschulte / dpa
Kinder mit ADHS können oft ihre Kräfte nicht richtig einschätzen. Foto: Julian Stratenschulte / dpa

„Ich wünsche mir, dass sich ein großes Netzwerk bildet“, sagt Tütje-Schlicker. In dieses sollten neben Eltern und Betroffenen auch Schulen, Kindergärten und Universitäten einbezogen werden. Denn noch immer fehle eine Stelle, an der alle Informationen darüber gebündelt werden, welche Hilfen es für Betroffene und Eltern gibt und wo es Kontakte gibt. Wer mit Margit Tütje-Schlicker in Verbindung treten will, kann sie mit einer E-Mail an mtuetje-schlicker@web.de erreichen. Eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit ADHS gibt es in Aurich, adhs_aurich@web.de.

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