Rollstuhlbremse für MS-Kranke  Schülerinnen gehen für kranke Lehrerin unter die Erfinder

Gerd Schade
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Von Gerd Schade
| 07.04.2024 09:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mithilfe Künstlicher Intelligenz haben Lotte Luise Goldenstein (links) und Finja Harms vom Gymnasium Papenburg ein Bremssystem für Rollstühle entwickelt. Foto: Schade
Mithilfe Künstlicher Intelligenz haben Lotte Luise Goldenstein (links) und Finja Harms vom Gymnasium Papenburg ein Bremssystem für Rollstühle entwickelt. Foto: Schade
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Lotte Luise Goldenstein und Finja Harms haben ein „Smart Wheel“ entwickelt, ein Bremssystem für Rollstühle. Ansporn für die Papenburger Gymnasiastinnen waren die Probleme einer Lehrerin.

Papenburg - Was manche Schüler abseits des Unterrichts draufhaben, zeigt der Forschergeist von Lotte Luise Goldenstein (17) und Finja Harms (18) vom Gymnasium Papenburg. Mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) haben die beiden ein Bremssystem für Rollstühle entwickelt. Dabei ließen sie sich weder von Rückschlägen, noch von Einschränkungen ihres Privatlebens aus der Bahn werfen. Lohn ihrer Arbeit ist nicht nur das Ergebnis an sich, sondern auch der Doppel-Erfolg beim Wettbewerb „Jugend forscht“. Nach dem Sieg bei der Regional-Entscheidung in Lingen landeten Goldenstein und Harms auch bei der Kür der Landesgewinner in Clausthal-Zellerfeld in der Kategorie „Arbeitswelt“ auf Platz eins.

Wie die Idee für das „Smart Wheel“ entstand

Vereinfacht dargestellt funktioniert das von den jungen Frauen entwickelte Bremssystem namens „Smart Wheel“ so: Ein Sensor erkennt, dass die Rollstuhlräder stehen, und stellt die Bremsen fest. Mit einer bestimmten Körperbewegung lassen sie sich wieder lösen.

„Die Idee kam erst im Dezember und wir haben uns auf den letzten Drücker angemeldet“, erzählt Goldenstein. Umso größer sei die Überraschung über die Siege. Das Projekt hat seinen Ursprung in der Schule von Harms und Goldenstein. Eine Lehrerin am Gymnasium ist an Multipler Sklerose (MS) erkrankt. Sie sitzt im Rollstuhl. MS ist eine autoimmune, chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie verläuft meist in Schüben und ist unheilbar.

Wie Goldenstein und Harms erklären, fehlen besagter Lehrerin aufgrund ihrer Erkrankung je nach Tagesform manchmal Kraft und Koordination in den Armen. Dann könne sie die Feststellbremsen ihres Rollstuhls nicht allein betätigen. „Daraus resultiert für sie ein großes Sicherheitsproblem“, erklärt Goldenstein.

Kaum Zeit mehr für Freunde und Hobbys

Sie und Harms machten sich daran, eine Lösung für dieses Problem zu entwickeln. Erklärtes Ziel: Den Betroffenen so lange wie möglich Teilhabe an Arbeit und Privatleben zu ermöglichen. Andreas Bauer, Lehrer am Gymnasium und Projektbetreuer, war von Anfang an zuversichtlich: „Ich wusste, dass die beiden was wollen und können. Dass sie an Projekten interessiert sind und eine hohe Frustrationstoleranz haben. Sie haben sich da richtig reingefuchst.“

Am Anfang stand die Theorie, dann eine Einkaufsliste für die benötigten Materialien. „Danach haben wir uns gemeinsam an die Arbeit und Entwicklung gemacht“, berichtet Goldenstein. Umgesetzt wurde das Projekt komplett außerhalb der Unterrichtszeit.

Das hatte Folgen für das Privatleben. Die Freunde beider Schülerinnen mussten zurückstecken. Bei Goldenstein kamen außerdem Leichtathletik und Musik – sie spielt Klarinette in zwei Orchestern – zu kurz. „Es war eine sehr stressige Zeit“, sagt Harms. „Gefühlt waren immer drei Dinge gleichzeitig zu tun. Es hat aber trotzdem Spaß gemacht.“

Die Schülerinnen steckten Rückschläge gut weg

Der Weg zum Erfolg blieb indes nicht ohne Tücken. Es passierte ausgerechnet beim Regionalwettbewerb in Lingen. „Kurz bevor die Jury kam, gab es einen Kurzschluss, weil zwei Kabel versehentlich nicht richtig isoliert waren“, erzählt Goldenstein.

Die Folge: „Alle Kabel waren einmal durchgeschmort und das Relais-Modul durchgebrannt.“ Aber die beiden Forscherinnen hatten vorgesorgt. „Zum Glück hatten wir einen Koffer mit Ersatzteilen dabei – in doppelter und dreifacher Ausfertigung.“

Und doch blieb der Stresslevel hoch. Zwar sei das Relais-Modul „öfter mal durchgeschossen“, aber nun musste das System unmittelbar vor dem Auftritt der Jury binnen kürzester Zeit wieder funktionstüchtig sein. „Ich habe es mit zittrigen Händen zusammengeschraubt“, erinnert sich Goldenstein. „Normalerweise brauche ich zwei bis zweieinhalb Stunden für den Stromkreislauf.“

Wie geht es nun weiter?

Dass es trotzdem geklappt hat, ist für Andreas Bauer ein weiteres Zeichen dafür, „wie hoch die Durchdringung der beiden für das Projekt ist“.

Der Pädagoge kann sich gut vorstellen, dass das System der Schülerinnen interessant für Sanitätshäuser ist. Eine entsprechende Gebrauchsmusteranmeldung sei unterwegs, sagt Bauer.

Schulleiter Theo Hockmann ist doppelt stolz. „Es ist super, solche Schüler zu haben“, sagt er und findet es „enorm, was für Potenziale an der Schule vorhanden sind“. Toll sei es zudem, dass das Gymnasium Lehrer habe, die solche Talente außerhalb des regulären Unterrichts entdecken und fördern.

Bauer motiviert es nach eigenen Worten, „wenn ich sehe, wie sich Schüler entwickeln“. Er habe „ein unglaubliches Vertrauen in Schülerleistungen“.

Und wie geht es für Finja Harms und Lotte Luise Goldenstein weiter? Beide wollen nach dem Abitur Medizin studieren – Harms im Bereich Pädiatrie, Goldenstein Chirurgie. Womöglich aber werde für sie auch Medizintechnik interessant, sagt Goldenstein. Durch „Jugend forscht“ sei sie an viele Informationen gekommen.

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