Melle  Klaus-Peter Wolf in Melle: Warum ich jetzt neugierig auf Kommissar Rupert bin

Karsten Grosser
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Von Karsten Grosser
| 01.04.2024 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Schriftsteller Klaus-Peter Wolf hat im Theater Melle aus dem Krimi „Ostfriesenhass“ gelesen. Foto: Karsten Grosser
Schriftsteller Klaus-Peter Wolf hat im Theater Melle aus dem Krimi „Ostfriesenhass“ gelesen. Foto: Karsten Grosser
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Seine Ostfriesenkrimis sind Bestseller, die Verfilmungen im ZDF erreichen ein Millionenpublikum. Mich bislang noch nicht. Die Lesung am Samstagabend im Theater Melle ist mein erstes Mal. Das erste Mal Klaus-Peter Wolf. Und nun?

Der Saal ist voll. Ausverkauft. Fast 500 Besucher zählt Veranstalterin Christiane Hüsing (Charakter Events). Klar, wer mit seinen Krimis regelmäßig die Bücherhitlisten stürmt, hat genügend Fans, um das Theater Melle zu füllen. Neben mir sitzt ein Paar aus Georgsmarienhütte, auf der anderen Seite eines aus Bad Salzuflen. Die beiden Frauen sind treue Leserinnen, die Männer einfach mitgekommen. Vielleicht sind sie – genauso wie ich – neugierig auf den Mann, der Ostfriesland immer wieder zum Ort schrecklicher Verbrechen werden lässt.

Schiebermütze, runde Nickelbrille, rote Hosenträger, grauer Bart – Klaus-Peter Wolf ist ein Typ. Nicht nur in seiner Erscheinung, auch in seiner Art. Der 70-Jährige beömmelt sich über seine eigenen Witze, sein Lachen ist wie ein Keckern. Ansteckend. Auch wenn es mitunter bewusst überzeichnet wirkt. Aber so sei er halt, lasse ich mir von Fans sagen. Der Krimiautor als Wohlfühlmensch. Opa sitzt auf der Bühne und liest vor. Seine Partnerin Bettina Göschl – mit der er auch Kinderbücher schreibt – spielt zwischendurch Gitarre und singt dazu. Lieder, die sie über ihren Mann und seine Werke geschrieben hat. Fehlt nur noch das knisternde Feuer im Kamin.

Wobei: Mindestens die Hälfte der Zeit liest Klaus-Peter Wolf gar nicht vor. Er beschreibt seinen Arbeitsstil, erzählt Anekdoten, plaudert. Ich höre, dass sein aktuelles Buch „Ostfriesenhass“ direkt auf Platz eins in der „Spiegel“-Bestsellerliste geschossen ist. Wie bei den 17 vorherigen Fällen auch. Nur dieses Mal ohne Werbung zum Verkaufsstart.

Ich lerne, dass Wolf seine Geschichten zunächst mit Füller in eine Kladde schreibt. Dann liest er sich den Text selbst laut vor, um direkt erste Verbesserungen vorzunehmen.

Und ich erfahre, dass der in Norden lebende Ruhrpottler es überhaupt nicht als Druck verspüre, immer wieder neue Bücher vorlegen zu müssen. Im Gegenteil: Er bezeichnete es als Freiheit, immer wieder in die unterschiedlichen Rollen seiner Krimi-Charaktere eintauchen zu können. „Bist du wieder in Ann Kathrin“, habe ihn Bettina Göschl mal gefragt, als er in einem Strandkorb saß und schrieb. „Warum?“, habe er gefragt. „Du hast so weibliche Bewegungen.“

Ann Kathrin Klaasen, Hauptkommissarin in Wolfs Fällen, bleibt an diesem Abend allenfalls eine Nebenrolle. Der Autor nimmt in den vorgelesenen Passagen unter anderem die Perspektive des „Ostfriesenhass“-Täters ein. Eine Person, die in anderen Menschen Aliens sieht und die Welt vorm Untergang retten möchte. Der sonst so fröhliche Klaus-Peter Wolf zeigt sein ernstes Gesicht.

Mir wächst in der Lesung vor allem Klaasens Kollege ans Herz: Hauptkommissar Rupert. Der Mann, der gerne ein Held wäre, dem dafür aber nicht die richtigen Gene vererbt wurden. Der undiplomatisch sagt, was er gerade denkt. Und dessen Sprüche es – wie Wolf erzählt – auf T-Shirts geschafft haben. Wie etwa: „Bin ich ein Barhocker?“ Witzig wird es mit dem zweiten Satz dazu: „Muss ich mit jedem Arsch klarkommen?“

Für Fans ist das nicht neu. Für mich schon. Mehr noch: Ich habe nun die Spur nach dem Phänomen der Ostfriesenkrimis aufgenommen. Sie beginnt im Jahr 2007 und heißt „Ostfriesenkiller“. Wolf arbeitet derweil schon am nächsten Buch. Bis drei, halb vier habe er in der Nacht zuvor noch in die Kladde geschrieben, verrät er dem Publikum und warnt: „Ich habe eine schlechte Nachricht für Euch: Der Mörder läuft noch frei herum.“

Er rät den Besuchern, sicherheitshalber in Kleingruppen nach Hause oder zum Wagen zu gehen: „Ich kann es mir nicht leisten, Euch zu verlieren“, prustet er los und lacht sich – wie passend – über diesen Witz beinahe tot.

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