Heide/Kiel  Northvolt-Gründer im Porträt: Die zwei Leben des Peter Carlsson

Martin Schulte
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Von Martin Schulte
| 30.03.2024 18:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Auf der Northvolt-Baustelle: Peter Carlsson. Foto: Michael Ruff
Auf der Northvolt-Baustelle: Peter Carlsson. Foto: Michael Ruff
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Ein Lawinenunglück hätte ihn fast das Leben gekostet, Elon Musk hat ihn geprägt: Wer mit Peter Carlsson spricht, lernt einen freundlichen und ehrgeizigen Mann kennen.

Es war ein Skiunfall in Kanada, der sein Leben veränderte. „Ich wurde von einer Lawine erfasst“, erzählt Peter Carlsson: „Als ich gefunden wurde, habe ich nicht mehr geatmet.“ Bis heute hat er keine Erinnerungen an den Unfall, nur an den Flug mit dem Helikopter ins Krankenhaus.

Das war im Jahr 2016 und seitdem, erzählt der CEO und Gründer von Northvolt, habe sich sein Leben in die Zeit vor und nach dem Lawinenunglück geteilt. „Als ich im Krankenhaus lag und mich langsam erholte, wurde mir bewusst, dass ich dieses zweite Leben sinnvoll nutzen wollte, mit meiner Familie, aber auch mit meiner Mission.“ Diese Sätze tragen ein gewisses Pathos in sich, aber man merkt dem Vater von drei erwachsenen Kindern an, wie sehr ihn dieser Unfall immer noch beschäftigt. Und Peter Carlsson ist nicht dafür bekannt, gern über Privates zu sprechen.

Diese Mission, von der er spricht, war natürlich Northvolt. Jenes Unternehmen, das er kurz vor dem Unfall mit anderen gegründet hatte und das auch der Grund ist, warum er an diesem verregneten Märzsonntag hier sitzt, in einem kargen Container auf einer ziemlich großen Baustelle in Dithmarschen.

Es ist der Tag vor dem offiziellen Baubeginn der Batteriefabrik, morgen kommt der Kanzler und ganz viel andere Polit- und Wirtschaftsprominenz, wegen Carlsson, vor allem aber, weil der Mann baut, was Europa dringend braucht: nachhaltige Batterien für E-Autos.

Der Schwede ist ein europäischer Hoffnungsträger geworden, dabei ist sein Unternehmen immer noch ein Versprechen, auch wenn in seinem Heimatland schon wöchentlich Zehntausende Batteriezellen an Kunden ausgeliefert werden. Es müssen mehr werden, viel mehr.

Laut Northvolt haben Kunden wie Volkswagen, BMW und Volvo Aufträge in Höhe von 50 Milliarden Euro an das Start-Up vergeben, deshalb muss der Bau der neuen Fabrik in Dithmarschen auch reibungslos umgesetzt werden – 2026 sollen die ersten Batterien ausgeliefert werden. „Was wir hier machen, ist sehr anspruchsvoll: Das ist fast wie die Arbeit in der Formel 1 am laufenden Motor.“ Carlsson zeigt ein breites Lächeln, als er das sagt, dabei beugt sich der zwei Meter große Mann leicht nach hinten. Er redet gern über Sport, dieser ist ein wichtiger Teil seines Lebens, das er eigentlich schon vor dem Skiunfall ändern wollte.

Der 53-Jährige hatte nach fünf Jahren bei E-Autobauer Tesla gekündigt, dort verantwortete er den Einkauf und gehörte zum engsten Führungszirkel um Elon Musk. Bis es irgendwann zu viel wurde und er die Reißleine zog. „Ich wollte und konnte nicht mehr.“

Man ahnt den Grund, wenn er erzählt, dass in seiner Zeit bei Tesla die Zahl der Mitarbeiter von 450 auf 17.000 wuchs. Der Kontakt zu Musk besteht noch locker. „Elon und ich haben sehr unterschiedliche Führungsstile, aber da ist eine Sache, die ich an ihm bewundere: Er glaubt wirklich an das, was er macht. Er will Dinge verändern.“

Carlsson will das auch, zumindest erzählt er immer wieder davon. Während des Treffens auf der Baustelle unter einem grauen Himmel in Dithmarschen, am Tag danach während des feierlichen Baubeginns mit dem Kanzler und auch später in einem Heider Gymnasium, wo der Northvolt-Chef auf Schüler des 11. Jahrgangs trifft: „Wir müssen unsere CO2-Emissionen in drei Jahrzehnten um 80 Prozent reduzieren, wenn wir das Pariser Klimaabkommen einhalten wollen.“

Dafür müssten der Autoverkehr und der Transport elektrifiziert werden. Carlsson sagt es und blickt in die Runde der Schüler. Die blicken zurück, hier redet eigentlich nur einer. An der digitalen Tafel soll der Northvolt-Chef mit ein paar Zahlen, Strichen und Pfeilen seine Idee für Northvolt erklären, es folgt ein sehr ausführlicher Monolog über die Bedeutung der Kosten-Leistung-Rechnung bei den Batteriezellen. Als er fertig ist, schaut Carlsson in viele fragende Gesichter und sagt: „Das war jetzt sehr ausführlich, oder?“

Dann lacht er, er kennt die Antwort auf seine Frage. Einer aus seiner Entourage, die mit in die Schule gekommen ist, berichtet später von einem kleinen Witz, den man sich in der Firma erzähle: „Gib Peter nie ein leeres Whiteboard in die Hand, dann wirst du ihn nicht mehr los.“

Auf der Baustelle in Dithmarschen, die derzeit nur aus Wiesen und einigen Wassergräben besteht, spricht Carlsson über die Entwicklung seiner Vision. „Hier entsteht eine moderne Fabrik, hier werden viele, viele hochqualifizierte Menschen arbeiten“, sagt er und blickt dabei über den Baugrund. Northvolt sucht offensiv Mitarbeiter, europaweit. Und diese Menschen müssen irgendwo wohnen, einkaufen, ihre Freizeit verbringen. Vieles muss ineinandergreifen, damit das gesamte Projekt schnell vorankommt. Northvolt ist ein Raumschiff, das mitten im Nichts gelandet ist und ein neues soziales und wirtschaftliches Ökosystem mit sich bringt.

Carlsson aber will kein Außerirdischer sein. „Wir wollen gute Nachbarn werden“, sagt er. Und er betont oft, wie schön es in Schleswig-Holstein sei. „Als Kind habe ich mit meinen Eltern einige Urlaube hier verbracht.“

Jetzt will er ankommen in der Region. Er hat bei der Kohlernte geholfen und er ist Mitglied im Boßelverein Heid Rüsdorp, dessen Vorsitzender am Tag des Baubeginns auch dem Bundeskanzler den Gebrauch der Boßel-Kugel erklärt hat. Scholz hat dann gleich am weitesten geworfen, etwas hüftsteif zwar, aber offensichtlich mit Wirkung. „Ich werde mir jetzt ein paar Kugeln mit nach Schweden nehmen, ich muss besser werden“, sagt Carlsson. Er sei ein ehrgeiziger Sportler: „Gib mir eine Möglichkeit zum Wettbewerb und ich bin dabei.“

Vielleicht ist das auch der Grund, warum er schon zwei Mal mit Ministerpräsident Daniel Günther joggen war, einmal in Berlin und einmal am Morgen des Baubeginns. Da sind beide auf dem Büsumer Deich unterwegs gewesen, mit anschließendem Frühstück. „Für gemeinsame Projekte ist eine persönliche Verbindung wichtig. Die haben wir mit dem Sport“, sagt Günther: „Da sind wir sofort auf einer guten Gesprächsebene und haben einen netten und unkomplizierten Umgang.“

Und die Gesprächsthemen sind zahlreich, sie gehen weit über den Fabrikbau hinaus. Schulen, Straßen, Wohnungen, Zugverbindungen, die gesamte Infrastruktur im Umfeld der Unternehmensansiedlung muss mitentwickelt werden. Carlsson hat darauf mehrfach hingewiesen, schon während der Verhandlungen mit Land und Bund. Auch da war er im Wettbewerb, hat Standorte gegeneinander ausgespielt und die besten Bedingungen für sein Unternehmen ausgehandelt. Er gibt unumwunden zu, dass die Konkurrenz zwischen den USA und Deutschland hilfreich war: „Klar, das war gut für uns.“

Da wird der Visionär zum Geschäftsmann und eine gewisse Härte ist gewiss keine schlechte Voraussetzung für das, was Peter Carlsson in den kommenden Jahren vorhat: Er will den Wettbewerb mit dem großen Autobatteriehersteller China aufnehmen. Aber das wird noch ein paar Jahre brauchen.

Jetzt zählt erst einmal die Gegenwart und da ist der private Carlsson gefordert. Gerade ist er wieder in Nordschweden: „Ich werde über Ostern mit der Familie ein paar Tage Skifahren gehen“. Skifahren, ernsthaft? Entweder ist der Mann nicht besonders ängstlich – oder aber er blickt tatsächlich lieber nach vorn als zurück.

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