Berlin  Stilles Leiden: Wenn traumatisierte Flüchtlinge keine Behandlung erhalten

Leon Grupe
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Von Leon Grupe
| 30.03.2024 13:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Rund 30 Prozent der Schutzsuchenden in Deutschland leiden an Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Foto: Imago/Xinhua
Rund 30 Prozent der Schutzsuchenden in Deutschland leiden an Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Foto: Imago/Xinhua
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Nach der Flucht vor Krieg und Verfolgung brauchen viele Menschen psychische Hilfe. Doch oft ist das gar nicht möglich. Dafür ist auch die deutsche Migrationspolitik verantwortlich. Für die Integration ist das verheerend, warnen Experten.

Friederike Schwarzkopf kennt die brutalsten Geschichten. Ihr gegenüber sitzen Menschen, die ein Ausmaß an Gewalt erlebt haben, das sich die meisten Deutschen vermutlich nicht vorstellen können. Menschen, die aufgrund ihrer politischen Haltung verfolgt und gefoltert wurden. Die unter grausamsten Bedingungen in Haft saßen und Angehörige verloren haben. Frauen, die misshandelt wurden, einfach nur, weil sie Frauen sind. Natürlich hinterlässt das Spuren: körperliche Narben und tiefe seelische Wunden. Wie man diese heilt, so gut das eben geht, damit beschäftigt sich Schwarzkopf.

Die 35-jährige Psychotherapeutin arbeitet im Zentrum Überleben in Berlin. Hier beraten und betreuen sie Asylsuchende mit traumatischen Erfahrungen. Erwachsene, Jugendliche, Kinder. Hinter der Behandlung steckt ein ganzheitlicher Ansatz: „Unterstützung bei der Rehabilitation und Integration“, nennen sie das.

Die Klienten sollen wieder Vertrauen in Menschen gewinnen, sagt Schwarzkopf. „Außerdem helfen wir ihnen dabei, in den ersten Wochen und Monaten nach der Ankunft eine Alltagsstruktur aufzubauen.“ Gerade für traumatisierte Menschen sei das wichtig, betont sie, um in einer unbekannten Umgebung anzukommen.

Jeden Tag suchen Menschen in der Bundesrepublik Schutz vor Verfolgung und Kriegsgräueln. Wissenschaftler gehen davon aus, dass fast neun von zehn Geflüchteten in Deutschland traumatisiert sind. Lässt man sie damit alleine, kann das schwere Folgen haben.

Viele Betroffene werden krank, können nicht arbeiten, haben viel Mühe, sich zu integrieren und die neue Sprache zu lernen. Das sind noch die harmlosesten Folgen. Manche verlieren die Kontrolle, entwickeln suizidale Absichten – oder werden in Ausnahmefällen zur Gefahr für andere. Wie Ibrahim A., der im Januar 2023 zwei Menschen in einem Regionalzug in Schleswig-Holstein tötete. Der Täter soll sich in einer psychischen Krise befunden haben.

Das Problem ist in der Politik bekannt. Bereits 2018 warnte die Leopoldina vor „gravierenden Konsequenzen“, sollte traumatisierten Geflüchteten nicht schnell geholfen werden. Doch nur ein winziger Bruchteil erhält tatsächlich psychische Unterstützung.

Im Zentrum Überleben kümmern sich Psychotherapeuten, Sozialarbeiter und Dolmetscher um rund 600 Patienten pro Jahr. Das Angebot reicht von verschiedenen Therapieansätzen, medizinischer Versorgung bis zur Sensibilisierung in Behörden. Oft haben die Betroffenen nicht nur eine schockierende Erfahrung gemacht, erzählt Friederike Schwarzkopf, sondern sind gleich mehrfach traumatisiert.

Nach den verstörenden Erfahrungen in den Heimatländern komme es häufig vor, dass Menschen auch auf der Flucht Schlimmes erleben, wie Polizeigewalt und lebensbedrohliche Situationen auf der Überfahrt nach Europa. In Deutschland angekommen, erklärt die Therapeutin, kann dann eine dritte Phase der Traumatisierung einsetzen.

„Nach der Flucht können weitere Belastungsfaktoren auf die Geflüchteten wirken.“ Sogenannte Postmigrationsstressoren, die grundsätzlich alle Menschen mit Fluchtgeschichte betreffen: unsichere Bleibeperspektive, prekäre Verhältnisse in den Sammelunterkünften, eingeschränkte Rechte und auch Diskriminierungserfahrungen. „Wer jedoch an Traumafolgestörungen leidet, kann mit diesen zusätzlichen Stressoren weniger gut umgehen“, sagt Schwarzkopf.

Wie viele Geflüchtete eine Therapie brauchen, ist nicht klar. Es gibt aber Anhaltspunkte. Laut Forschern haben etwa 30 Prozent der Schutzsuchenden in Deutschland mit den Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen.

Aktuell halten sich hierzulande rund 3,1 Millionen Schutzsuchende auf. Konservativ gerechnet hieße das: ungefähr 1,1 Millionen sind depressiv, können sich nicht richtig konzentrieren, haben psychosomatische Beschwerden und erleben ungewollt traumatisierende Situationen wieder – sogenannte Flashbacks.

Die Patienten, die Friederike Schwarzkopf und ihre Kollegen behandeln, wohnen üblicherweise in Erstaufnahmeeinrichtungen und Sammelunterkünften. Für Personen mit einem schweren Trauma sind das denkbar ungeeignete Orte. „Es ist laut, die Menschen können kaum zur Ruhe kommen, müssen sich mit anderen ein Zimmer teilen, es gibt keine Privatsphäre.“ Bei den Betroffenen löse all das Flashbacks aus, „ein Kernproblem der posttraumatischen Belastungsstörung.“

Realitätsnahe Rückblicke in traumatisierende Situationen können laut der Expertin gravierende Folgen haben: Ohnmacht, Panikattacken, Abwesenheit. Und da ist noch mehr. Bei Überlebenden von Folter sei es möglich, dass sie den körperlichen Schmerz „erneut und heftig spüren“.

Deshalb sei die Behandlung stark von „verhaltenstherapeutischen Elementen“ geprägt, so Schwarzkopf. Langfristig wollen sie den Betroffenen Werkzeuge an die Hand geben, „wie sie selbst mit schwierigen Situationen wie etwa Flashbacks besser umgehen können.“

Das Zentrum Überleben ist eines von 47 psychosozialen Zentren in der Bundesrepublik. Ohne sie würde es vielerorts gar keine Hilfe für seelisch kranke Schutzsuchende geben. Doch im Versorgungsbereich klafft eine erhebliche Lücke. Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) hat berechnet, dass auf 20.000 Plätze eine halbe Million Behandlungsbedürftige kommt. Pro Jahr erhalten also nur vier Prozent der Betroffenen einen Therapieplatz.

In den Einrichtungen macht sich die Schieflage zwischen Angebot und Nachfrage bemerkbar. „Viele psychosoziale Zentren arbeiten schon gar nicht mehr mit Wartelisten, sondern entscheiden nach Dringlichkeit“, sagt BafF-Geschäftsführer Lukas Welz. Ansonsten müssten die Patienten im Schnitt sieben Monate auf eine Behandlung warten. Woher kommt die starke Auslastung?

Den Hauptgrund sieht Welz im Asylbewerberleistungsgesetz, das den Zugang zu Sozial- und Gesundheitsleistungen regelt. Bis auf akute Erkrankungen sind Geflüchtete, die noch auf einen Asylentscheid warten oder nur geduldet sind, von der medizinischen Regelversorgung ausgeschlossen. Eine psychotherapeutische Unterstützung bei niedergelassenen Therapeuten sei nicht möglich, kritisiert Welz. Nur etwa nach Suizidversuchen gebe es Anspruch auf eine medikamentöse Behandlung in der Psychiatrie.

Durch das kürzlich verabschiedete „Rückführungsverbesserungsgesetz“ müssen Asylsuchende künftig drei statt eineinhalb Jahre warten, bis sie volle Sozial- und Gesundheitsleistungen bekommen. Welz warnt vor möglichen Konsequenzen: „Wenn die Menschen keine Behandlung bekommen, droht die Gefahr der Chronifizierung. Das psychische Leid verstetigt sich und führt zu dauerhaften, gesundheitlichen Schäden, die nur noch schwer therapierbar sind.“

Eigentlich dürfte das gar nicht passieren. „Deutschland hat sich rechtlich dazu verpflichtet, Überlebenden von Folter und Verfolgung zu helfen.“ So schreibt eine verbindende EU-Richtlinie den Mitgliedstaaten vor, die Behandlung von psychischen Störungen bei Schutzsuchenden zu garantieren. Auch durch die Ratifikation der UN-Antifolterkonvention ist Deutschland verpflichtet, Folteropfer eine vollständige Rehabilitation zu ermöglichen.

Ein weiteres Problem sei die unsichere Finanzierung, sagt Welz. Die Psychosozialen Zentren werden von EU-Mitteln gefördert, auch Bund, Länder und Kommunen beteiligen sich. Allerdings fließen die Gelder nur für einen begrenzten Zeitraum, danach müssen neue Förderanträge gestellt werden.

Laut Welz sei es aber notwendig, die Einrichtungen nicht nur mit einer ausreichenden, sondern einer dauerhaften Finanzierung abzusichern. Auch, um Mitarbeiter zu halten. Nun hat ausgerechnet einer der wichtigsten Geldgeber, der Bund, seine Mittel für dieses Jahr gekürzt: von 17 auf 13 Millionen Euro. Das sei lächerlich wenig, klagt Welz.

Auch in der Politik sehen das einige kritisch. „Der Zugang zum gesundheitlichen Regelsystem muss für Asylsuchende geöffnet werden und psychosoziale Beratung muss finanziell abgesichert werden“, fordert etwa die Migrationsexpertin Filiz Polat, die für die Grünen im Bundestag sitzt.

Friederike Schwarzkopf, die Therapeutin, will aber nicht nur darüber sprechen, was in der Migrationspolitik schiefläuft. Immer wieder beobachtet sie, dass Schutzsuchende trotz Traumata ihren Alltag bewältigen und ein Teil der Gesellschaft werden. Man dürfe nicht unterschätzen, sagt sie, wie resilient Menschen seien.

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