Berlin  Medienforscher warnt vor Horror-Welt, „in der niemand irgendwas mehr glaubt“

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 30.03.2024 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Wer liest überhaupt in zehn Jahren noch eine Zeitung? Darüber haben wir mit Stephan Russ-Mohl gesprochen. Foto: IMAGO/Design Pics
Wer liest überhaupt in zehn Jahren noch eine Zeitung? Darüber haben wir mit Stephan Russ-Mohl gesprochen. Foto: IMAGO/Design Pics
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Auch TikTok werde die Zeitung nicht zerstören, sagt „Medien-Papst“ Stephan Russ-Mohl, Gründer des European Journalism Observatory, im Interview. Guter Journalismus werde im KI-Zeitalter sogar noch wichtiger, um das Ohnmachtsgefühl zu verhindern, in einer Fake-News-Welt zu leben.

Aber wie steht es um die Glaubwürdigkeit des Journalismus selbst? Wie können Medien überleben, wenn kaum noch jemand bereit ist, für Informationen zu bezahlen? Und wer liest überhaupt in zehn Jahren noch eine Zeitung?

Im Interview spricht der emeritierte Professor und Publizist Stephan Russ-Mohl (73) über die Zukunft der Zeitung, über die akute Verblödungsgefahr durch TikTok und über Fluch und Segen von Künstlicher Intelligenz.

Frage: Herr Professor Russ-Mohl, in den USA gehen inzwischen 2,5 Zeitungen pro Woche ein. Wird in Deutschland in zehn Jahren noch irgendjemand eine Zeitung lesen?

Antwort: Als Wissenschaftler sollte man auf so eine Frage tunlichst keine Antwort geben. Was in zehn Jahren sein wird, kann ich auch als Experte nicht vorhersagen. Es gibt immerhin ein paar Anhaltspunkte. Zeitungen sind auch vor 20 und vor 10 Jahren schon totgesagt worden, aber sie leben noch. Allerdings wird sich der Medienkonsum in den kommenden 10 Jahren noch mehr ins Internet verlagern. Die Prognose, die ich wage: Der Journalismus wird nicht aussterben. Wir brauchen sogar mehr und besseren Journalismus.

Frage: Wo liegt dann das Problem?

Antwort: Es gibt ein doppeltes Problem. Das eine ist die fehlende Zahlungsbereitschaft. Kaum jemand - gerade unter jüngeren Menschen - ist bereit, für journalistische Inhalte Geld auszugeben. Und dass die Zahlungsbereitschaft wieder wächst, bezweifle ich.

Frage: Das zweite Problem?

Antwort: Die Werbeeinnahmen sind zu Facebook, Google, Instagram und so weiter abgewandert. Das hätte so vor zwanzig Jahren kaum ein Medienmanager erwartet. Und auch die weitgehende Zerstörung des Werbegeschäftes wird kaum rückgängig zu machen sein. Daher wird es vermutlich mit vielen gedruckten Zeitungen weiter bergab gehen. Zumal die Zustellung der einzelnen Zeitung teurer wird, wenn die Auflage schrumpft, was das Geschäft zusätzlich belastet. Allerdings müssen weniger Zeitungen aus Papier nicht automatisch ein Verlust sein. Auch ältere Leute lesen längst gerne Artikel auf dem Smartphone oder Tablet.

Frage: Ist eine Zeitung nicht viel mehr als eine Timeline voller einzelner Artikel?

Antwort: Das ist sie in der Tat. Und ich bin mir sicher, dass das eigentliche Zeitungskonzept, also die durchdachte Gewichtung der Themen, eine Auswahl guter Artikel und die Trennung von Information und Meinung seinen Reiz und seine Berechtigung nie verlieren wird. Den Horizont der Leser erweitern, und eben nicht nur einen Algorithmus die jeweiligen Vorlieben bedienen zu lassen, das bleibt unheimlich wichtig. Aber natürlich kennen Facebook, TikTok und Co. unsere Verführbarkeit und nutzen sie scham- und gnadenlos aus, indem sie uns nur das servieren, worauf wir offenbar ansprechen, um uns in ihren Fängen zu halten.

Frage: Was ist verkehrt daran, sich nach den Vorlieben der Leser zu richten?

Antwort: Ich sehe darin eine gewisse Gefahr. Früher erstklassige US-Medien wie die New York Times und die Washington Post, die sich inzwischen nicht mehr über Werbung, sondern überwiegend über Digital-Abos und Klicks finanzieren, sind dazu übergegangen, ihre zahlungsbereite Klientel politisch zu bedienen. Sie sind dadurch nach links weggerutscht und haben ihre Offenheit aufgegeben. Die so entstandene Lücke wurde von Krawall-Medien wie Fox News gefüllt. Dabei ist es die wichtigste Aufgabe des Journalismus, die Menschen wahrhaftig zu informieren, anstatt sie zu beeinflussen. Durch das Abwandern der Werbeeinnahmen von klassischen Medien zu Social Media ist der Journalismus in den USA schon sehr stark unter die Räder geraten.

Frage: Ist der Trend bei uns noch zu stoppen?

Antwort: Ein Versuch ist der sogenannte „Deep Journalism“: Newsletters mit vertieften Informationen für bestimmte Bereiche. Das Angebot richtet sich an begrenzte Gruppen von Lesern, die in der Regel selbst Spezialisten sind und für Informationen Geld bezahlen. Ich sehe das als einen erfolgversprechenden Weg, anspruchsvollen Journalismus zu finanzieren. Aber nicht in der Breite, nicht für jedermann. Denn das Angebot richtet sich eben nur an Leute, die meist aus beruflichen Gründen auf einem Gebiet sehr genau Bescheid wissen müssen.

Frage: Ist für die Leser von Regionalzeitungen nicht die Stadt oder Region das Gebiet, über das sie gern genau Bescheid wissen möchten – “Deep local Journalism” sozusagen?

Antwort: Ja, das ist die große Chance für Regionalmedien: Die Menschen leben in einer Stadt oder Region, und wollen Bescheid wissen, was sich um sie herum tut. Und es ist absolut plausibel, dass es dafür auch in Zukunft, auch in zehn, auch in zwanzig Jahren eine Zahlungsbereitschaft gibt. Hinzu kommt, dass die Konkurrenz oft überschaubar ist. Das ist die Trumpfkarte von regionalen gegenüber überregionalen Blättern, die ja berichten müssen, was auf der ganzen Welt passiert. Genau das aber machen eben alle anderen auch. Gute Regionalmedien haben definitiv das Potenzial, sich unentbehrlich zu machen und zu überleben. Welche Zeitung oder welcher Radiosender das schafft, das kann ich natürlich nicht sagen.

Frage: Was ist wichtiger, um Leser zu finden und zu halten: Der Inhalt oder die Form, also relevante Informationen oder tolle Apps?

Antwort: Das ist eine schwierige Frage. Ich neige zur Annahme, dass es auf die Inhalte ankommt. Wenn ich mir freilich anschaue, womit Menschen auf TikTok ihre kostbare Zeit vertreiben und verplempern, lehrt es doch, dass es vielen Mediennutzern nicht auf guten Journalismus ankommt. Klar ist auch: Wir müssen uns auf Dauer auf eine große Vielzahl von Kanälen einrichten, auf denen Informationen verbreitet werden. Es gibt kein Zurück zu dem einen Medium, der einen Website, dem einen Netzwerk.

Antwort: Und es gibt wohl auch kein Zurück zur Zahlungsbereitschaft eines breiten Publikums. Denn es hat sich nunmal die Vorstellung eingebürgert, dass man fast alles, was man wissen möchte, umsonst serviert bekommt. Ich halte es übrigens für ein großes Versäumnis, dass seriöse Medien nicht viel aktiver darüber aufgeklärt haben, wie wichtig und wie aufwändig – und damit teuer – guter Journalismus ist. Das hätte das Bewusstsein erhalten können, dass es sich lohnt, dafür auch etwas zu bezahlen.

Frage: Verbreitet ist inzwischen das Gegenteil: Abschalten, die Augen schließen, um sich vor dem Feuerwerk schlechter Nachrichten zu schützen…

Antwort: Da ist was dran. Und ich selbst habe viel Verständnis für die wachsende Gruppe der Nachrichten-Abstinenten, die sich sagen: Ich will heute nicht wissen, was sich Putin ausgedacht hat, um die Ukraine zu quälen, oder welcher Temperaturrekord gestern gerissen wurde. Es stimmt, dass Medien extrem stark auf das Negative setzen und dabei sogar noch übertreiben, um mit Angst Klicks zu generieren. Aber es sollte nicht sein, dass ich mir die Augen und Ohren zuhalten muss, um angstfrei leben zu können.

Frage: Medien sollten nicht über das Schlechte in der Welt berichten?

Antwort: Doch, aber ausgewogen, einordnend, sachlich, und keineswegs ausschließlich. Eine sehr wichtige Antwort gegen Schwarzmalerei ist konstruktiver Journalismus. Wir brauchen mehr Journalismus nach der Devise: Die Welt geht nicht unter, wenn wir dies und jenes tun. Journalisten können Lösungen recherchieren und Auswege und Innovationen beschreiben. Die Herausforderung ist, weder tagtäglich die Apokalypse zu verkünden noch falsche Hoffnungen zu wecken. Mit Verheißungen Klicks zu erzielen, funktioniert auf Dauer genauso wenig wie mit Angstmacherei. Wichtig ist mir zudem: Journalisten sollten Lösungsansätze recherchieren, aber nicht meinen, sie könnten selbst die Lösungen besser beurteilen als viele andere. Die schwierigen strukturellen ökonomischen Probleme der Medien lösen kann konstruktiver Journalismus allerdings leider nicht.

Frage: Lassen sich Medien durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) retten?

Antwort: Es wäre naiv zu glauben, KI werde keine Journalisten ersetzen. In diesen harten Zeiten sehen Medienmanager überall Sparzwänge. Und wenn sie die Chance sehen, reale Journalisten einzusparen, dann tun sie das in aller Regel auch. Gute Manager nutzen KI indes, um dann ihre echten Journalisten klüger einzusetzen.

Antwort: Künstliche Intelligenz kann den Kleinkram und viel Handarbeit abnehmen, sodass die gewonnene Zeit für eigene Ideen, Interviews, Vor-Ort-Recherche und vieles mehr genutzt werden kann. Aber eine Prognose, ob KI einzelne Medien retten oder ihren Niedergang beschleunigen wird, kann ich nicht abgeben.

Frage: Werden wir im anbrechenden KI-Zeitalter überhaupt noch wissen, was echt ist und was nicht?

Antwort: Das wird noch schwieriger werden. Die Täuschungsmöglichkeiten sind schon jetzt unendlich und schwindelerregend. In Social Media lassen sich inzwischen Kunstfiguren erzeugen, bei denen der Nutzer nicht wissen kann: Kommuniziere ich mit einem KI-Kumpel oder mit einem echten Menschen? Ob KI die Welt letztlich besser oder schlechter macht, das ist kaum zu sagen. Längst nicht alles ist gruselig oder negativ, vieles macht das Arbeiten und das Leben einfacher.

Antwort: Es wird von fundamentaler Bedeutung sein, das Bewusstsein für die Gefahr der Manipulation zu schaffen, aber zugleich das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Informationen zu bewahren. Journalisten und Medien kommt hier eine wichtige Aufklärungs-Aufgabe über den Medienbetrieb zu. Denn eine Welt, in der kein Mensch mehr irgendetwas glaubt, kann keine schöne Welt sein.

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