London  Steckt das britische Königshaus in einer Krise? – Eine Analyse

Susanne Ebner
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Von Susanne Ebner
| 30.03.2024 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Botschaft König Charles III. Foto: dpa/Royal Household
Botschaft König Charles III. Foto: dpa/Royal Household
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Weil sowohl König Charles III. und Prinzessin Catherine an Krebs erkrankt sind, fallen gleich zwei wichtige Mitglieder der königlichen Familie für einige Zeit aus. Was macht das mit dem britischen Königshaus?

Er sei frustriert über die Geschwindigkeit seiner Genesung. Deshalb dränge König Charles III. seine Ärzte voller Ungeduld dazu, schneller wieder arbeiten zu dürfen. So beschrieb Peter Phillips, der Sohn von Prinzessin Anne, den aktuellen Gemütszustand des als pflichtbewusst geltenden Monarchen. Am Dienstag kündigte der 75-Jährige dann seine Teilnahme beim Ostergottesdienst am Sonntag in der St. George‘s Chapel auf Schloss Windsor an. 

Dass Charles offensichtlich mit den Füßen scharrt, kommt kaum überraschend. Denn wenn sowohl der aktuelle König als auch die zukünftige Königsgemahlin, Prinzessin Catherine, gleichzeitig an Krebs erkranken und sich deshalb aus der Öffentlichkeit zurückziehen müssen, stellt sich die Frage: Steckt die britische Monarchie in einer Krise? 

Wie fragil die königliche Familie derzeit in den Augen des Volks erscheinen muss, zeigte sich bereits Ende Februar bei einer Gedenkfeier für König Konstantin von Griechenland in der St. George‘s Chapel. Weder der König noch Prinzessin Catherine und Prinz William nahmen teil.

Die britischen Medien wiesen überdies auf das beachtliche Alter der anwesenden arbeitenden Royals hin, die die Institution repräsentierten. Die Jüngste war Prinzessin Anne, die Schwester von Charles. Sie ist 73 Jahre alt. 

Nachdem Prinz Andrew wegen seiner Verbindungen zu dem verstorbenen verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein offiziell vom Hof gejagt wurde und Williams Bruder, Prinz Harry, vom Hof flüchtete, wenn man so will, sei die Personaldecke dem britischen Journalisten Phil Dampier zufolge ungewollt „zu dünn“ geworden. Bei der Gedenkfeier entstand der Eindruck einer „überalterten Institution“, kommentierte der königliche Korrespondent der Daily Mail, Richard Kay.

Tatsächlich wurde der verhältnismäßig reibungslose Übergang der Krone von Königin Elizabeth II. nach deren Tod im September 2022 auf König Charles III. in den letzten Wochen durch eine Reihe von Hiobsbotschaften jäh unterbrochen. Termine wurden abgesagt, Reisen storniert und Fehler bei der Pressearbeit gemacht.

Menschlich verständlich, dass sich die Familie nun erst einmal um die eigene Gesundheit kümmern muss, stellt dies die Monarchie jedoch vor ein Problem. Denn die Royals teilen mit ihren Untertanen zwar dieselbe Verletzbarkeit, aber anders als gewöhnliche Landsleute haben sie Verpflichtungen gegenüber den Bürgern. Und: „Die Erwartungen der Öffentlichkeit sind hoch”, so der Journalist Adam Boulton, weshalb sich die Royals sonst nie als Normalbürger mit ähnlichen Problemen zeigen.

In Großbritannien wird der Wert der Royals gemessen und bewertet. Wie viele Termine haben sie in diesem Jahr wahrgenommen? Wer war am fleißigsten? Was bringen sie ein - zum Beispiel, weil mehr Touristen auf die Insel reisen? Schließlich finanziert sich das Königshaus über Steuern. König Charles III. ist das offizielle Staatsoberhaupt.

Die Briten haben die im September 2022 verstorbene Königin Elizabeth II. verehrt, weil eine Konstante in diesen wechselhaften Krisenzeiten und wie ein Familienmitglied war, aber auch, weil sie ihr ganzes Leben dem Amt gewidmet, ja geopfert hat. Nur extreme Umstände konnten die Queen davon abhalten, das zu tun, was sie als ihre Pflicht ansah. Im Alter von 96 Jahren empfing sie wenige Tage vor ihrem Tod die damaligen Premierminister Boris Johnson und Liz Truss. Der König, noch deutlich jünger als seine Mutter damals, kann sich aktuell fast ausschließlich in Form von Videobotschaften zeigen.

Der Palast stehe angesichts der aktuellen Gesundheitsprobleme zweier bedeutender Royals vor einer enormen Herausforderung, sagte Pauline Maclaran von der Royal Holloway Universität of London gegenüber dieser Zeitung. Denn um den Wert der Monarchie zu demonstrieren, spielten Termine und Tourneen schon immer eine wichtige Rolle.

„Sie stärken den Status Großbritanniens auf der Weltbühne.“ Im Mittelalter reisten Könige und Königinnen wie besessen durch ihr Reich, um zu zeigen, dass sie noch lebten, um für Ordnung zu sorgen und um ihre Pracht und Macht zur Schau zu stellen. Königin Elizabeth II. betonte einmal: „Man muss mich sehen, um an mich zu glauben.”

Besonders frustrierend für König Charles III. müsse sein, „dass er seine für dieses Jahr geplante Reise nach Kanada wegen der Behandlung verschieben musste“. Denn Besuche in Commonwealth-Staaten dienten dazu, die Loyalität gegenüber der Krone zu sichern. Die Präsenz der königlichen Familie sei dort besonders wichtig, weil die Unterstützung in diesen Ländern abnimmt, so Maclaran. 

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Die Liste der Aufgaben der königlichen Familie ist lang: Sie eröffnen Krankenhäuser, empfangen Staatsoberhäupter, treffen Gäste bei offiziellen Gartenfesten oder ehren Bürger. König Charles nahm im vergangenen Jahr rund 500 solcher Termine wahr, mehr als seine Mutter in ihrem ersten Amtsjahr. Verpflichtungen, die Mitglieder der Firma für gewöhnlich teilen und die der König und Prinzessin Catherine nun abgegeben oder verschoben haben.

Wie wichtig die Sichtbarkeit der königlichen Familie auch im Vereinigten Königreich selbst ist, hätten auch die jüngsten Spekulationen um Kate bewiesen.

Persönliche Begegnungen würden immer bedeutender, sagte Sophie Nightingale, die an der Universität Lancaster unter anderem zur Rolle von Desinformation in sozialen Medien forscht, und verglich dies mit einer „Reise zurück in die Zeit“, als Könige und Königinnen ihre Untertanen ständig aufsuchten. „Jemanden zu treffen, scheint der einzige Weg zu sein, um herauszufinden, ob etwas echt ist”, sagte sie gegenüber dieser Zeitung. Denn mittlerweile könne fast jeder ziemlich überzeugend falsche Inhalte produzieren.

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Nie zuvor hätten die Royals so viele Probleme auf einmal gehabt, betonte Richard Kay von der Daily Mail und verwies auch auf die andauernden Skandale um Prinz Andrew sowie die Probleme mit Prinz Harry. Eine akute Krise für die Monarchie sieht Maclaran in der aktuellen Situation aber „noch nicht“.

Schließlich gehe man davon aus, dass der König und Kate in einigen Monaten in die Öffentlichkeit zurückkehren werden - „die Menschen sehen das als vorübergehenden Zustand“.

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