Einkauf und Tradition  Am Gründonnerstag ist beim Fischhändler Großkampftag

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 27.03.2024 07:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Lachs, den Daniel Schmidt auf dem Auricher Wochenmarkt in die Kamera hält, landet sicher an Karfreitag auf einem Auricher Teller. Fotos: Boschbach
Der Lachs, den Daniel Schmidt auf dem Auricher Wochenmarkt in die Kamera hält, landet sicher an Karfreitag auf einem Auricher Teller. Fotos: Boschbach
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Auch im protestantischen Ostfriesland wird an Karfreitag Fisch gegessen. Warum das so ist und wie der Brauch vor 50 Jahren ausgelegt wurde, hat die Redaktion in Aurich ergründet.

Aurich - Dienstagmorgen kurz nach 8 Uhr auf dem Auricher Wochenmarkt. Am Stand von Fischhändler Hans-Werner Schulz hat sich bereits eine Schlange gebildet. Beim Warten schauen die Kunden in die üppig gefüllte Theke. Wolfsbarsche und Doraden liegen dort, Schuppe an Schuppe. Direkt daneben stehen kleine Kisten mit Austern und Muscheln. An der Rückwand der Theke ragen Arme von Oktopoden ins Eis. Die Vielfalt ist groß an diesem Tag. Etliche Kunden bevorraten sich schon für Karfreitag.

An dem Feiertag kommt in vielen Haushalten Fisch auf den Tisch − so auch bei Lothar Englert. Der Auricher nutzt die frühe Stunde, um mit seiner Frau einzukaufen. „Natürlich gibt es Fisch, sehr wahrscheinlich Lachs. Den mögen unsere Enkelkinder besonders gerne“, sagt der Buchautor. Er selbst favorisiere eher Rollmops, sagt er augenzwinkernd und fügt hinzu: „Den habe ich dann für mich alleine, weil ihn die anderen nicht so gerne mögen.“

Ganz ohne Flachs: Was begründet die Tradition, am Karfreitag Fisch zu essen? Die Redaktion hat sich danach bei Dr. Welf-Gerrit Otto erkundigt. Der Leiter der Kulturagentur bei der Ostfriesischen Landschaft kennt als Kulturanthropologe den geisteswissenschaftlichen Hintergrund von Traditionen. „Der Brauch, am Karfreitag nur Fisch zu essen, hat unmittelbar mit der christlichen Fastenzeit zu tun. Das gilt übrigens auch für die evangelischen Konfessionen. Die Praxis gründet auf der Annahme, dass Fisch als kaltblütiges Tier kein Fleisch ist, weshalb man ihn auch in der Fastenzeit verzehren könne“, sagt er. Tatsächlich hätten früher viele Klöster eigene Fischteiche angelegt, um in der Zeit vor Ostern gut versorgt zu sein.

Jeder Freitag erinnert an den Kreuzestod

Am Karfreitag steht für die Gläubigen der Kreuzestod Jesu im Mittelpunkt. Das Fischsymbol und seine griechische Buchstabenfolge Ichthys waren bereits in der Antike ein Erkennungszeichen der Christen: „Jesus Christus, Gottes Sohn und Erlöser“. Im Wochenzyklus erinnert laut Welf-Gerrit Otto übrigens jeder Freitag an Karfreitag. Deshalb sei es noch bis in die 1980er Jahre hinein üblich gewesen, freitags stets Fisch zu essen. Das kennt Heiko Müller aus seiner Kindheit. Der Emder Redakteur dieser Zeitung ist der Sohn einer Fischhändler-Dynastie. Seine Großeltern Hillrich und Almuth Wilken eröffneten 1932 an der Auricher Straße in einer hölzernen Baracke ein Geschäft, in dem neben Feinkost, Obst und Gemüse auch Fisch verkauft wurde. 29 Jahre später übernahm Johann Müller, der Vater von Heiko Müller, den Betrieb.

Erna und Johann Müller haben an der Auricher Straße in Emden lange Zeit ein Fischgeschäft betrieben. Foto: privat
Erna und Johann Müller haben an der Auricher Straße in Emden lange Zeit ein Fischgeschäft betrieben. Foto: privat

„Freitag war bei uns immer Großkampftag“, erinnert sich der Journalist. Dann standen auch seine Großmutter sowie Bekannte aus der Hausgemeinschaft hinter der Theke, um die lange Schlange an Kunden zu bedienen, die nach Ware verlangte. Auf Karfreitag habe man sich damals Tage vorher akribisch vorbereitet − fast rund um die Uhr: Es war die umsatzstärkste Zeit des Jahres. Nur durch gute Planung sei der Andrang zu bewältigen gewesen: „Das Geschäft war an Gründonnerstag rappelvoll“, sagt Heiko Müller. Viele holten dann ihre Bestellungen ab. Wer nicht vorgesorgt hatte, lief Gefahr, das Nachsehen zu haben.

Was neben der Tradition vielleicht auch für Fisch sprach: Er war im Vergleich zu Fleisch preislich günstig. „Fisch war erschwinglich“, erinnert sich Heiko Müller, macht aber eine Einschränkung. Schon damals habe man auch für Seezunge mehr zahlen müssen als etwa für Schellfisch. Der wurde im Übrigen um die Jahrhundertwende auf Helgoland, Norderney und anderen Inseln noch geangelt und dann auf dem Festland verkauft. Norderney war das Zentrum dieses Fischereizweiges. Gefangen wurden dort jährlich im Schnitt 1,5 Millionen Schellfische.

Räucherlachs war eine rare Delikatesse

In den 1960er und 1970er Jahre war das Sortiment im Vergleich zu heute, wo mediterraner Fisch Standard ist, fast übersichtlich zu nennen: „Es gab Kabeljau, Rotbarsch, Schellfisch und Seelachs. Filetierter Fisch war noch nicht sehr verbreitet. Von dem Schellfisch gab es vielfach nur das Mittel- oder das Schwanzstück. Das wurde dann in einem Kräutersud gegart, also als ganzes Teil verarbeitet“, sagt Heiko Müller. Besonders wichtig: Frische und Qualität. Was heute in jedem Supermarkt in unterschiedlichen Qualitätsstufen zu erwerben ist, nämlich Räucherlachs, war vor 50 Jahren eine rare Delikatesse, die nur an Ostern oder zu Weihnachten in die Verkaufstheke und unter Umständen auch auf den Teller kam.

Das Geschäft mit dem Fisch hat sich radikal verändert. Wie am Dienstag auf dem Auricher Wochenmarkt kann der Kunde aktuell auch über exotische Fische und Meeresfrüchte verfügen. Was aber immer noch gilt: Die Tage vor Ostern seien für die Händler ein Großkampftag. „Wir kaufen doppelt, wenn nicht sogar dreimal so viel ein wie an normalen Tagen“, sagt Daniel Schmidt. Der Angestellte von Fisch-Feinkost Schulz aus Greetsiel sagt, man versuche, ein üppiges Warenangebot zu gewährleisten. Um das zu bekommen, fahre man am Mittwoch eigens nach Bremerhaven. Dass Fisch zu Karfreitag immer noch ein sehr großes Thema ist, bestätigen auch andere Händler der Redaktion bei einer Umfrage. Welche Fischsorten sind besonders stark gefragt? „Die Nachfrage verteilt sich auf alle gängigen Sorten im Bereich Frischfisch“, sagt Christian Brahms von den Multi-Märkten in Leer und Emden auf Anfrage.

Das Unternehmen verfügt in seinen Märkten über eine Frischfischtheke. Der Fisch-Großhändler Deutsche See hat ein Ranking der beliebtesten Fischsorten aufgestellt: Auf Platz 1 rangiere der Lachs, gefolgt von Seelachs (Platz 2), Rotbarsch (Platz 3), Kabeljau (Platz 4) oder der Forelle (Platz 5). Sprecherin Franziska Töllner sagt, dass es in diesem Jahr zu Ostern ein besonderes „Highlight“ gebe: den Skrei. „Weil die Ostertage bereits im März liegen, hat der Winterkabeljau noch Saison. Denn nur zwischen Januar und April verlässt der Skrei seine heimischen Gewässer in der eiskalten Barentssee und schwimmt bis zu 1000 Kilometer in Richtung der nordnorwegischen Küste, um sich in den wärmeren Küstengewässern zu vermehren. Dadurch wird das Fleisch des Langstreckenschwimmers besonders fest und fettarm.“

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