Berlin Darkroom-Killer: Die Geschichte hinter der Netflix-Serie „Crime Scene Berlin“
Joe Berlinger hat die Taten von Jeffrey Dahmer, Ted Bundy und Jeffrey Epstein in True-Crime-Formaten dokumentiert. Im Interview erklärt er seine erste deutsche Serie „Crime Scene Berlin: Nightlife Killer“.
In den Morgenstunden des 5. Mai 2012 finden Mitarbeiter einer Berliner Schwulenbar einen Toten im Darkroom. Zunächst erwägt die Polizei einen tödlichen Sexunfall. Dann ergibt die Obduktion : Der Mann starb an K.o.-Tropfen. Es gibt weitere Opfer. In Berlins queerer Partyszene tötet ein Serienmörder.
Damals taufen die Medien den Täter „Koma-Killer“ und „Darkroom-Mörder“; zwölf Jahre später wird er bei Netflix zum „Nightlife Killer“ – und zwar in der dreiteiligen Serie „Crime Scene Berlin“, dem ersten deutschen Ableger eines amerikanischen True-Crime-Formats. Das US-Vorbild „Crime Scene“ hat schon Geschichten wie die des „Times Square Killers“ oder des für Mord und Totschlag berüchtigten „Cecil Hotel“ aufgegriffen.
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„Das Konzept fragt nach den Tatorten von Verbrechen“, sagt Joe Berlinger, der das Format für die USA entwickelt hat und auch die deutsche Version koproduziert. „Wie prägt ein Ort, wie prägen das Milieu und die sozialen Gegebenheiten eine Tat?“ Der 62-Jährige kennt sich aus. Seine Serien und Filme handeln vom Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, vom Serienmörder Jeffrey Dahmer und von James Bulger, dem berüchtigten FBI-Most-Wanted-Verbrecher. Ted Bundys Morde hat Berlinger sogar zweimal verfilmt, dokumentarisch und zeitgleich als Spielfilm.
Berlinger gilt als Dokumentarfilm-Pionier und auch als „Master of True Crime“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion – und relativiert den Begriff gleich wieder. Als Pionier lasse er sich gern bezeichnen. Gemeinsam mit Regisseuren wie Michael Moore und Errol Morris habe er in den 90ern Dokus Mainstream-tauglich gemacht. Eine Idee, die Netflix jetzt als weltweites Geschäft perfektioniere. Den Begriff True Crime mag er nicht. Das wecke Vorurteile, meint Berlinger, gerade hierzulande. „Ick habe in Deutschland gewohnt fur zwei Jahre“, erklärt er dann auf Deutsch. Berlin, den Schauort der Serie, habe er oft besucht – und das sogar schon vor „der Maueruntergang”.
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Statt von True Crime spricht Berlinger vom Anliegen seiner Filme: „Das Genre ist hochkontrovers“, sagt er und wendet sich gegen den Vorwurf, dass hier menschliche Tragödien ausgebeutet werden. Ihm gehe es um soziale Gerechtigkeit. Berühmt gemacht hat Berlinger die „Paradise Lost“-Trilogie. Sie handelt von drei Teenagern, die in einem viel kritisierten Prozess als satanistische Mörder verurteilt worden waren. „Die Filme haben drei zu Unrecht Verurteilte aus dem Gefängnis geholt“, sagt Berlinger heute. „Einer davon saß in der Todeszelle.“
Auch die deutsche Serie bedient mit ihrem spektakulären Mordfall nicht nur die Schaulust. „Crime Scene Berlin“ zeigt auch das Leid der Angehörigen. Und sie fragt, ob Verbrechen schwerer aufzuklären sind, wenn sie in einer Subkultur verübt werden, in der die Ermittler sich nicht auskennen. Zugleich passt der „Nightlife Killer“ zum Schwerpunkt, den True-Crime-Regisseure auf Serienkiller setzen – auch wenn das ein eher seltener Verbrechertypus ist. Verbreitetere Delikte – Femizide zum Beispiel oder häusliche Gewalt – würden zum sozialen Anliegen ja auch passen.
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Dass Serienmörder True Crime dominieren, glaubt Berlinger nicht. Für besonders populär hält er das Subgenre aber auch. Vielleicht liege das daran, dass das Thema eine Urangst anspreche, meint er: „Die Leute, denen man es am wenigsten zutraut, begehen die schlimmsten Verbrechen.“ Dazu kommt für Berlinger die Konfrontation mit einer unbequemen Wahrheit: Auch das Böse gehört zum Wesen des Menschen.
„Crime Scene Berlin: Nightlife Killer“: Die drei Episoden der ersten Staffel sind ab Mittwoch, 3. April bei Netflix verfügbar.