Streaming-Serie  Ostfriesin bringt Diskozeit zurück

Petra Herterich
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Von Petra Herterich
| 25.03.2024 19:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Erinnert an „Saturday Night Fever“ – die Tanzfläche in der Serie „Disko 76“. In der Szene tanzen Elisabeth (Emma Nova) und Robert (Jannik Schümann), um sich für einen Tanzwettbewerb zu qualifizieren. Foto: RTL
Erinnert an „Saturday Night Fever“ – die Tanzfläche in der Serie „Disko 76“. In der Szene tanzen Elisabeth (Emma Nova) und Robert (Jannik Schümann), um sich für einen Tanzwettbewerb zu qualifizieren. Foto: RTL
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Sinah Swyter aus Wiesmoor hat die Serie „Disko 76“ produziert. Im Interview verrät sie, wie sie zum Film gekommen ist und warum sogar Jannik Schümann und Natalia Wörner in der Serie mitspielen.

Leer - Sinah Swyter lässt die Diskokugel funkeln: Die Ostfriesin – in Aurich geboren, in Wiesmoor aufgewachsen – hat eine sechsteilige Serie über diese Zeit an den Start gebracht. Die 32-Jährige arbeitet in Berlin als Filmproduzentin für die UFA Fiction – die UFA wurde 1917 als Universum-Film AG gegründet. Neben der Serie „Allmen“, mit Heino Ferch in der Hauptrolle, hat Swyter für RTL+ die Serie „Disko 76“ produziert. Darin geht es nicht nur um viel Musik sondern auch um die patriarchale Gesellschaftsstruktur und die Aufbruchstimmung in den 1970er Jahren in Deutschland. Wie ihre Arbeit als Produzentin aussieht, wie viel Ostfriesland in der „Disko“-Serie steckt und ob sie schon immer Karriere beim Film machen wollte, verrät Sinah Swyter im Interview.

Haben Sie als Kind in Ostfriesland schon von einer Karriere beim Film geträumt?

Sinah Swyter: Eigentlich wollte ich gar nicht zum Film. Ich hatte auch nie den großen Traum Schauspielerin zu werden oder vor der Kamera zu stehen. Nach dem Abitur bin ich erstmal ins Ausland gegangen, habe dann studiert und in einem Buchverlag gearbeitet. Ich habe mich eher in der Literaturbranche gesehen. Im Rahmen meines Masterstudiums an der Freien Universität Berlin habe ich auch Seminare zum Thema Film besucht. Eine Dozentin, die hauptberuflich selbst Filmproduzentin ist, hat mich dann dafür begeistert. Daraufhin habe ich 2017 ein Praktikum bei der UFA Fiction gemacht und bin seitdem dort geblieben. Es war aber nie mein erster Plan.

Sinah Swyter Foto: Reick
Sinah Swyter Foto: Reick

Was genau macht denn eigentlich eine Produzentin, wie sieht Ihre Arbeit aus?

Swyter: Sehr viele und ganz unterschiedliche Dinge. Es ist eine Mischung aus kreativer Arbeit und Planung und Organisation. Zum einen ist man dafür verantwortlich, die Idee zu einem Film erstmal zu verkaufen – also einen Sender oder Streamer zu finden, der diesen auch zeigen will. Im Fall von „Disko 76“ war es RTL. Dann sucht man das Kreativpersonal: Wer soll die Geschichte schreiben, wer soll Regie führen, wer macht die Kostüme, wer das Szenenbild und wer soll die Rollen spielen? Über die Besetzung spricht man als Produzentin aber immer gemeinsam mit der Regie und dem jeweiligen Sender. Auch beim Dreh und in der darauffolgenden Postproduktion – wie Schnitt und Musik – begleitet man den Film. Zudem muss man das Budget im Auge behalten.

Sie sind Jahrgang 1991, haben aber als verantwortliche Produzentin bei der UFA Fiction die neue Serie „Disko 76“ auf den Weg gebracht. Wie haben Sie sich dieser Zeit genähert? Kannten Sie die Disko-Musik?

Swyter: Ich höre die Disko-Musik der 70er und 80er tatsächlich wahnsinnig gerne. Sie ist auch gerade wieder total präsent, dank Social Media. Ich habe aber auch viel über die damalige Zeit gelesen, mir Dokumentationen angesehen und mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen gesprochen. Tatsächlich habe ich viel mit meiner Familie über die 70er geredet. Wir hatten aber auch Berater:innen für Musik und Zeitgeschichte, die wir jederzeit fragen konnten. Wie in all unseren Geschichten haben wir auch bei der Entwicklung von „Disko 76“ den Anspruch gehabt, die Geschichte wahrhaftig zu erzählen. Die Zuschauer:innen sollen nicht das Gefühl haben, dass da etwas völlig an den Haaren herbeigezogen ist.

Zwei der Hauptrollen wurden mit bekannten Serien-Stars besetzt: Natalia Wörner und Jannik Schümann, die bereits als seriöses Team in „Die Diplomatin“ zusammenarbeiteten, verkörpern diesmal eine anrüchige Disko-Besitzerin und ihren käuflichen, jugendlichen Liebhaber. Woher weiß man, welche Besetzung die richtige für den Film ist?

Swyter: Wir haben für „Disko 76“ tatsächlich sehr breit gecastet und hatten weder für die Männer noch für die Frauen einen festen Typ vor Augen. Es war damals noch Corona-Lockdown und die Schauspieler:innen haben uns selbst aufgenommene Castingvideos von sich geschickt, in denen sie eine Szene aus den Drehbüchern spielen mussten, aber auch erklären mussten, wie sie sich die jeweilige Rolle vorstellen. Diejenigen, die in der Serie tanzen müssen – so wie Jannik Schümann und seine Kollegin Emma Nova – haben uns zusätzlich auch Tanzvideos eingereicht. Das Casting war total spannend und ist einer meiner liebsten Schritte im ganzen Prozess – wenn die geschriebenen Worte aus den Drehbüchern mit Leben gefüllt werden. Vermutlich lag für Natalia Wörner der Reiz darin, nach der „Diplomatin“ in einen komplett konträren Charakter zu schlüpfen. Sie hatte, wie man meiner Meinung nach sehr deutlich merkt, eine große Spielfreude an der Antagonistin Frau Kallwich.

Aber es ist eine fiktionale Serie?

Swyter: Ja, wir erzählen eine ausgedachte Geschichte, die natürlich zu einem gewissen Teil vom richtigen Leben inspiriert ist. Aber, wie ich bereits sagte, ist unser Anspruch wahrhaftig und nicht wahr zu erzählen. Auch in unserer Serie findet sich immer mal wieder eine Dramatisierung und Überhöhung in der Erzählweise. Es ist ja schließlich keine Dokumentation.

Die Hauptdarsteller Doro (Luise Aschenbrenner)und Robert (Jannik Schümann) tanzen auf der Schwarzlicht-Party in der „Disko Bochum“. Foto: RTL
Die Hauptdarsteller Doro (Luise Aschenbrenner)und Robert (Jannik Schümann) tanzen auf der Schwarzlicht-Party in der „Disko Bochum“. Foto: RTL

Sie haben sich mit Hilfe Ihrer Familie der Disko-Zeit genähert. Wie viel Ostfriesland steckt denn in dieser Geschichte?

Swyter: (lacht) Ich – ich verkörpere das Ostfriesische. Ich glaube bei dieser Clubkultur der 70er Jahre macht es gar keinen großen Unterschied, ob man die in Ostfriesland oder, wie in der Serie, im Ruhrgebiet ansiedelt. Es ist in jedem Fall eine westdeutsche Perspektive, die wir erzählen. Ich bin total gespannt, was meine Familie sagt, wenn sie die Serie sieht. Ob sie sagt: „Ach, das ist ja wie bei uns.“ Oder ob es für sie gar keinen Bezug zu Ostfriesland hat.

Warum wurde die Geschichte „Disko 76“ in den Ruhrpott gelegt?

Swyter: Für mich als Produzentin war der Kontrast spannend: Das Zechensterben, das zu der Zeit begann, und dieses durchaus dreckige Bochum als Gegengewicht zu dem Glamour der Disko. Aber die Geschichten, die wir erzählen und die gesellschaftlichen Themen, die in der Serie vorkommen, waren in Ostfriesland genauso Realität.

Eigentlich war diese glitzernde Diskozeit ja ganz schön spießig. In den 70ern, durften Frauen noch nicht mal arbeiten gehen, wenn es der Mann nicht erlaubt hat. Wie wirkte das auf Sie?

Swyter: Ich hatte in einigen Situationen während der Recherche das Gefühl: „Das kann ja wohl nicht wahr sein.“ Vor allem, weil es ja zeitlich auch noch gar nicht so lange zurückliegt. Dass damals der Ehemann einfach den Arbeitgeber anrufen und bestimmen konnte: „Meine Frau kommt ab morgen nicht mehr“. Das ist verrückt. Mir ist durch die Arbeit an dieser Serie noch mal bewusst geworden, wie viel heutzutage selbstverständlich ist und wie dankbar ich dafür bin, gerade aus weiblicher Sicht. Viele Dinge waren für die Frauen in den 70ern absolute Utopien – und da liegt zeitlich gesehen nur eine Generation dazwischen. Das kann man sich gar nicht vorstellen – auch nicht, dass Frauen bis Mitte der 80er Jahre keine Pilotinnen werden durften mit der absurden Begründung, dass sie aus anatomischen/biologischen Gründen für diese Arbeit nicht geeignet sind.

Aber in den 70ern war auch viel im Umbruch...

Swyter: Es gab die Antibabypille, Alice Schwarzer, die Frauenbewegung – die alten patriarchalen Gesellschaftsstrukturen mit den festen Rollenbildern für Männer und Frauen wurden langsam aufgebrochen. Viele Errungenschaften von denen ich als Frau heute profitieren kann, haben in den 70ern ihren Ursprung. Auch das ist Teil der Serie.

Eine zentrale Rolle in „Disko 76“ spielt natürlich auch die Musik. Wie wurde der Soundtrack zur Serie ausgewählt? Hat man die alten Hits wieder rausgesucht?

Swyter: Wir haben eine gute Mischung zusammengestellt, wie ich finde. Wir, das sind die Regisseure Lars Montag und Florian Knittel, unser Music Supervisor-Team von BMG und ich. Natürlich dürfen auch die Superhits nicht fehlen. Die Lieder von Boney M., Abba, Kool & the Gang, die mussten auch in der „Disko76“ spielen. Wir haben auch ganz konkret Musik zu den Tanzszenen ausgesucht. Wir haben wirklich schöne Musikabende gehabt, wo jeder seine Lieblingssongs vorgespielt hat. Aber nicht nur Disko-Musik ist in der Serie zu hören, es gibt auch Schlager und sehr viel Rock – alles, was in den 70ern eben gespielt wurde.

Parallelen zu Tanz-Szenen aus „Saturday Night Fever“ und „Dirty Dancing“ erkennt man in der Serie durchaus auch wieder. War das Absicht?

Swyter: Absolut. Die Serie selbst ist an der ein oder anderen Stelle auch ein Zitat auf diese erfolgreichen Filme, beispielsweise der leuchtende Dancefloor im Panoptikum oder die Geschichte von Doro und Robert, die auch ein bisschen an Baby und Johnny erinnert, inklusive Hebefigur.

Modisch waren die 70er ja durchaus eine Herausforderung fürs Auge – alles sehr bunt und schillernd. Wo haben Sie die Klamotten für diese Serie gefunden?

Swyter: Sowohl in den Modeläden von heute, als auch in den europaweiten Kostümverleihen. Einige Kostüme, wie beispielsweise die Stewardessen-Uniform, wurden aber auch extra für die Serie angefertigt.

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